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Sadio Mane Jurgen Klopp LiverpoolGetty Images

Liverpool und der Klopp-Anspruch: Platz vier ist nicht genug


HINTERGRUND

Blitzlichtgewitter, drängelnde Journalisten, große Spannung: Jürgen Klopps Antrittspressekonferenz 2015 in Liverpool glich einem Spektakel. Ganz Fußball-England lechzte nach den ersten Worten des designierten Heilsbringers beim schwächelnden Ex-Rekordmeister der Premier League. Als er sich dann spontan selbst seinen in Anspielung auf Jose Mourinho berühmten Spitznamen als "The Normal One" verpasste, erreichte seine Popularität bereits nach wenigen Augenblicken ein unglaubliches Ausmaß.

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Wegen solch flapsiger Sprüche war der ehemalige BVB-Coach schon in Deutschland äußerst beliebt. Und das setzt sich nun auch im Vereinigten Königreich fort, wo er als Messias angesehen wird, der die Reds wieder in glorreiche Zeiten führen soll. Doch wie viel Jürgen Klopp steckt denn bereits im Klub von der Anfield Road und ist seine Bilanz bislang nicht eigentlich zu "normal" für die personifizierte Hoffnung aller Reds-Fans?

Seit Sonntag ist klar: Der FC Liverpool hat sein Minimalziel erreicht und sich durch einen 3:0-Sieg gegen den feststehenden Absteiger aus Middlesbrough zumindest den Qualifikations-Platz für die Champions League gesichert. Die Freude bei den Fans und Verantwortlichen war im Anschluss riesig, schien es doch zwischenzeitlich so, als sollte die Königsklasse erneut verpasst werden. Aber müssten die Ansprüche an der Anfield Road nicht höher sein?

Fakt ist, dass die letzte gewonnene Meisterschaft aus dem Jahr 1990 datiert. Ob man mit dem aktuellen Kader ein Kandidat für den Titel ist, sei dahingestellt. Dennoch kann man durchaus hinterfragen, ob eine Endplatzierung auf Rang vier in einer Spielzeit nicht zu wenig ist, in der man keiner Belastung durch internationale Wettbewerbe ausgesetzt war.

Man konnte also den ganzen Fokus komplett auf die Liga richten, nachdem man auch im FA-Cup bereits im Januar nach einer mehr als peinlichen Vorstellung gegen Wolverhampton ausgeschieden war. Vor allem von Gary Lineker hagelte es nach diesem Auftritt Kritik: "Ich kapiere nicht, dass Klopp seine Reserve spielen lässt, obwohl sie gar nicht im Europapokal vertreten sind", so die England-Legende. "Das zeigt einen Mangel an Tiefenkenntnis des englischen Fußballs und an Respekt."

Statistisch nur minimal besser als sein Vorgänger

Was eigentlich möglich wäre, kann man beim FC Chelsea beobachten. Die Blues haben den Umstand, dass man sich nach einer enttäuschenden Saison nicht für Europa qualifizieren konnte, bravourös genutzt und sicher auch deshalb relativ souverän den Titel in der Premier League einfahren können.

Oder ist Liverpool eben einfach noch nicht auf einer Höhe mit den anderen Top-Teams wie Chelsea, Tottenham oder Manchester City? Klopps Bilanz war Ende Februar auf einem Tiefpunkt angelangt. Nach 55 Spielen als Trainer konnte er trotz riesiger Euphorie um seine Person weniger Punkte vorweisen als Vorgänger Brendan Rodgers. Zur Erinnerung: Der Nordire wurde damals vom Hof gejagt. Er hatte nicht einmal ansatzweise so viel Kredit bei den Anhängern wie Klopp.

Sadio Mane Jurgen Klopp LiverpoolGetty Images

Doch dieser war sich durchaus bewusst, dass das Vertrauen in seine Fähigkeiten wohl nicht unendlich sein wird: "Wir spielen alle immer um unsere Zukunft, inklusive ich", sagte er schon zu Beginn seiner Amtszeit. Letztendlich hatte Rodgers beim Champions-League-Sieger von 2005 einen Schnitt von 1,77 Punkten pro Spiel. Mittlerweile liegt Klopp durch den erfolgreichen Schlussspurt seiner Mannschaft mit 1,80 Punkten wieder knapp über seinem Vorgänger, doch es ist noch lange nicht alles Gold, was glänzt.

Auffällig ist vor allem die Schwäche gegen die vermeintlich kleinen Teams der Liga. Hätte man nicht gegen Teams aus Burnley, Bournemouth, Swansea, Hull und Co. gepatzt, hätte man vermutlich nicht bis zum letzten Spieltag im Kampf um einen Top-4-Platz gesteckt. Ganz im Gegenteil. Es wäre vielleicht sogar deutlich mehr drin gewesen. Der Titelgewinn? Dafür ist man mit der Entwicklung der Mannschaft wohl einfach noch nicht weit genug, aber ein direkte Qualifikation für die Champions League wäre auf jeden Fall machbar gewesen. Doch woher kommt diese Schwäche in den Spielen gegen die Abstiegskandidaten?

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Hier kann man klar festhalten, dass den Reds in manchen Spielen einfach der viel zitierte "Plan B" fehlt. Steht eine Mannschaft kompakt und tief in der eigenen Hälfte, tut man sich äußerst schwer, zu Torchancen zu kommen. Der Grund dafür könnte die mangelnde Kreativität in der Mittelfeld-Zentrale sein. Hier kamen mit Emre Can, Gini Wijnaldum und Jordan Henderson zu oft drei ähnliche Spielertypen gleichzeitig zum Einsatz. Natürlich spielen vor allem Can und der Niederländer Wijnaldum eine durchaus ordentliche Saison, aber wenn beispielsweise Kreativkraft Adam Lallana ausfiel oder in der offensiven Dreierreihe gebraucht wurde, fehlten schlichtweg die Ideen aus dem Mittelfeld.

Klopp wehrt sich gegen Kritik an seiner Spielweise

Das Phänomen, das Klopp-Mannschaften gegen die kleinen Klubs ihre Probleme bekommen, konnte man teilweise auch bei Borussia Dortmund erkennen. Vor allem zum Ende seiner Amtszeit bei den Schwarz-Gelben schien sein System immer mehr entschlüsselt. Doch von einer fehlenden Spielidee gegen tiefstehende Gegner will der 49-Jährige nichts wissen: "Wenn jemand über Plan A oder Plan B spricht, kann ich das wirklich nicht verstehen und wenn Leute behaupten, dass wir keine Lösungen haben, verliere ich schon ein wenig den Respekt vor ihnen", so Klopp. "Wir haben unsere Spiele nicht verloren, weil wir keinen Plan B hatten, sondern in diesen Spielen einfach andere Schwierigkeiten den Ausschlag gegeben haben."

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Im kompletten Kontrast dazu stehen die Leistungen von Liverpool in den Spitzenspielen gegen die Top-6-Mannschaften der Premier League. In den zehn Spielen gegen die direkte Konkurrenz blieb man ungeschlagen und holte sensationelle 20 Punkte. Der Grund dafür liegt augenscheinlich in der von Klopp favorisierten Spielweise. Stichwort Überfall-Fußball: Mit blitzschnellem Umschaltspiel und aggressivem Gegenpressing ärgerte er damals bereits den FC Bayern und gewann auf diese Weise doch relativ überraschend zweimal den Titel mit der Borussia in der Bundesliga.

Auch in England war er in den Highlight-Spielen damit erfolgreich, weil er in seinem Kader dafür auch genau die richtigen Waffen besitzt. Die Offensive mit Roberto Firmino, Philippe Coutinho und vor allem dem pfeilschnellen Sadio Mane ist wie geschaffen für den Konterfußball des deutschen Chefanweisers. Boten sich den Reds also größere Räume in der Offensive, war es sehr schwer für die gegnerischen Mannschaften, die Angriffe zu stoppen oder Torchancen zu verhindern.

Diese Grundlage und das Vertrauen in die eigene Stärke vor allem in den großen Begegnungen muss man daher unbedingt in die neue Saison transportieren. Doch was muss sich für den ganz großen Angriff auf einen möglichen Titel in der Premier League noch ändern?

In der Transferperiode müssen richtige Entscheidungen her

Zunächst einmal muss die Breite des Kaders deutlich erweitert werden. Im neuen Jahr kommt mit der Champions League voraussichtlich eine zusätzliche Belastung auf die Spieler zu. In dieser Saison machte es sich schon bemerkbar, wenn nur zwei Leistungsträger verletzungsbedingt ausfielen. Wie soll sich das dann erst auswirken, wenn Klopp zur Rotation gezwungen ist?

Im derzeitigen Aufgebot befinden sich einfach zu wenige Spieler auf absolutem Top-Niveau. Deshalb ist darin die primäre Aufgabe der Verantwortlichen im Sommer zu sehen, woran aber im Hintergrund wohl schon lange gearbeitet wird. "Liverpool ist momentan ein interessantes Projekt für Spieler. Die Verhandlungen, die wir bis hierher geführt haben, sind sehr positiv verlaufen", äußerte sich Klopp noch vor wenigen Wochen gegenüber Sky Sports .

GFX Jürgen Klopp Quote Liverpool

Die zweite Baustelle ist die bereits erwähnte fehlende Kreativität aus dem Mittelfeld. Nicht umsonst werden immer wieder Namen wie Cesc Fabregas, Tiemoue Bakayoko oder Alex Oxlade-Chamberlain mit den Reds in Verbindung gebracht. Aber auch um die Real-Stars Isco oder James Rodriguez rankte sich in den letzten Wochen und Monaten das ein oder andere Gerücht. Die vorhandenen Kreativ-Spieler agieren momentan hauptsächlich im Angriff. Stars wie Firmino, Mane und Coutinho können allesamt mit einer einzigen Aktion das Spiel entscheiden. Deshalb ist es neben den Neuverpflichtungen auch essenziell, dass Liverpool seine Top-Spieler halten kann.

Vor allem Coutinho soll heftig mit dem FC Barcelona flirten. Doch ein Verkauf wäre fatal. Man kann nicht davon ausgehen, dass man an der Anfield Road durch die unglaublich hohen TV-Gelder auf eine mögliche Ablösesumme angewiesen wäre. Möchte Liverpool also wieder die absolute Spitze der Premier League in Angriff nehmen, darf der Brasilianer nicht abgegeben werden.

Seit der Amtsübernahme von Klopp hat sich Liverpool scheinbar kontinuierlich weiterentwickelt. Das sieht mit Vize-Kapitän James Milner auch einer seiner erfahrensten Spieler so. "Klopp hat die Spieler, die bereits hier waren, auf jeden Fall besser gemacht. Er ist ein Top-Trainer", so der Engländer. Doch die Fans träumen von mehr. Jedes Jahr hofft man darauf, dass vielleicht doch der große Wurf gelingen könnte. Dafür müssen im Sommer aber zuerst von allen Verantwortlichen die Hausaufgaben gemacht werden, denn erst dann kann man eine bessere Platzierung oder sogar die Tabellenspitze anvisieren. Doch hierfür müssen Siege – auch oder vor allem gegen die kleinen Teams – einfach zur Normalität werden. Das wäre dann wohl auch ganz nach dem Geschmack von "The Normal One".

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