HINTERGRUND
Fragt man Spieler nach Bereichen, in denen sie sich noch verbessern können, hört man nicht selten Wir-Antworten. "Wir müssen besser gegen den Ball arbeiten", wird dann etwa gesagt, ein Satz frisch aus der Floskel-Maschine, die heutzutage bei Interview so gerne angeworfen wird. Leon Goretzka ist anders als die meisten und sagte: "Ich will mich in vielen Bereichen verbessern. In Sachen Kraft, Ausdauer, Technik. Auch im sozialen Bereich." Im sozialen Bereich, wie bitte? Goretzka: "Klar, eine Mannschaft ist ein soziales Gefüge, in der du eine Position einnimmst."
Leon Goretzka ist 22 Jahre alt. Kaum zu glauben bei solch geschliffenen und wohl überlegten Sätzen. Dass der Mittelfeldspieler vom FC Schalke derzeit in aller Munde ist und den Medien Vergleiche mit DFB-Größe wie Lothar Matthäus oder Bastian Schweinsteiger entlockt, liegt auch an Antworten wie diesen. Denn seine Art, seine Reife lässt sich direkt auf den Platz übertragen, wo er im ersten Confed-Cup-Spiel gegen Australien beim 3:2 der überragende Mann war. "Für mich war er der beste Spieler auf dem Platz, einfach klasse", sagte Josua Kimmich, obwohl Julian Draxler von der FIFA zum Mann des Spiels gewählt wurde.
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"Er war sehr stark, das war er die ganzen Tage hier schon bei uns. Leon war sehr präsent und hat sehr viel gearbeitet, Zweikämpfe gewonnen in der Defensive, hat überragende Läufe in die Tiefe gemacht", fasste es Bundestrainer Joachim Löw nach der Partie zusammen – und brachte auf den Punkt, was Goretzka zum besten Schalker der abgelaufenen Saison und zum besten deutschen Akteur dieser Tage macht.
Goretzka schon immer Musterschüler
Denn beim VfL Bochum wurde er hervorragend ausgebildet, bei Schalke machte er die nächsten Schritte. Taktisch ist er ein Musterschüler par excellence, der genau weiß, wie er sich im Raum zu bewegen hat, wann er den Ballführenden anläuft und wann er in der Offensive mit seinem raumgreifenden Schritten in Lücken stößt.
Und auch torgefährlich ist er inzwischen. Acht Pflichtspieltore gelangen ihm für die Knappen, sein Treffer gegen die Socceroos war ein Musterbeispiel für seine Entwicklung. Antritt im richtigen Moment, mutiger Abschluss, Tor. Goretzka ist der Motor des deutschen Spiels, dynamischer Antreiber und Balance verleihender Stratege in einem.
Er hat sich nach Jahren, in denen ihn immer wieder Verletzungen zurückwarfen, endlich in das Team gespielt, in dem sein Platz schon Jahre vorher gebucht schien: in die deutsche Nationalmannschaft. Klar, der Confed Cup findet ohne die Arrivierten statt, mit Leistungen wie er sie dieser Tage abruft, scheint es sehr wahrscheinlich, dass er mit an Bord ist, wenn der Flieger 2018 zur WM in Russland abhebt.
Nationalspieler, Kapitän, Anführer
Goretzka ist seit der U16 deutscher Nationalspieler, oft als Kapitän, immer als Führungsspieler. Bei der U17-Europameisterschaft 2012 führte er die deutsche Mannschaft ins Finale, wo man der Niederlande im Elfmeterschießen unterlag. In der Qualifikation der U21 für die EM in Polen war er Kapitän – und verpasst das Turnier jetzt, weil er in Russland für die A-Mannschaft spielen muss.
"Goretzka ist ein Anführertyp", sagt Robin Haack, Schalke-Korrespondent von Goal. "Er ist einer, der immer voran geht, der in seinem Alter schon im Schalker Mannschaftsrat ist. Er ist einer, der Verantwortung einfordert." Und er bekommt sie. Bei Königsblau Herz und Seele der Mannschaft, agiert er nun im DFB-Trikot ebenfalls mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie nur wenige junge Akteure an den Tag legen.
"Ich bin generell kein Fan davon, solche Dinge vom Alter abhängig zu machen. Man kann auch in jungen Jahren schon Verantwortung übernehmen", sagte der 22-Jährige im Goal-Interview. Starke Sätze von einem, der immer als frühreif galt. Mit 17 verließ er Bochum, viele prophezeiten, der Schritt komme zu früh. "Manchen mag ein weiteres Jahr in Liga zwei guttun, um erste Erfahrungen zu sammeln, doch ich glaube, wenn man nach ganz oben will, sollte man relativ früh auf höchstem Niveau spielen", sagt er. Und er will ganz nach oben.
Getty ImagesWohin geht die Reise
Schalke wird schon bald nicht mehr genug sein, denn er will sich mit den Besten messen, selbst zu ihnen gehören. Kürzlich berichtete die Sport Bild von klarem Interesse des FC Bayern. Der Wechsel, den er selbst via Facebook dementierte, wird wohl nicht zustande kommen, da Bayern mit Corentin Tolisso nun einen anderen jungen (und teuren) Spieler verpflichtet hat. So oder so: bereit für höhere Aufgaben ist Goretzka.
"Ich glaube nicht, dass ein Wechsel zu einem Top-Klub zu früh kommen würde", sagt Haack. "Für Schalke wäre ein Abgang aber natürlich unglaublich bitter." So bleibt spannend abzuwarten, wie seine nahe Zukunft aussieht. Ob er seinen 2018 auslaufenden Vertrag bei Schalke verlängert oder nicht: Er ist einer, dem die Zukunft gehört.
"Goretzka kann Fußball-Geschichte schreiben"
Peter Neururer sieht das genau so. "Goretzka kann mit seinen Qualitäten auf seiner Position Ähnliches leisten wie Bastian Schweinsteiger", so die Trainer-Ikone gewohnt launig. Neururer weiter: "Goretzka kann Fußball-Geschichte schreiben." Aussagen wie diese sind freilich heillos übertrieben und eher Stammtisch-Gerede denn fundierte Prognose. Sieht man dem großgewachsenen Goretzka im Zentrum beim Fußballspielen zu, kommt man nicht umhin, in die Lobeshymnen einzustimmen.
Sein Vorbild ist übrigens Toni Kroos. Der gewann zuletzt zweimal in Folge die Champions League, ist einer der besten Spieler auf dem Planeten. Etwas, das auch Leon Goretzka erreichen will. Sagen würde er das freilich nie. "Ich bin gerade erst dabei, mir meine Rolle in der Nationalmannschaft aufzubauen", sagte er. Es sei "vermessen, schon eine Führungsrolle einzufordern". Auf dem Platz sieht das dann ganz anders aus. Denn auf dem Platz wird er auch gegen Chile voran gehen, Kommandos geben, anführen (20 Uhr im LIVE-TICKER). Denn um den spielerischen Bereich ist es bei ihm glänzend bestellt. Und um den sozialen sowieso.

