Auswärts gegen Atletico Madrid - im europäischen Fußball gibt es kaum eine undankbarere Aufgabe als diese. Fast 30 Jahre lang war daran jede deutsche Mannschaft mehr oder weniger kläglich gescheitert. Bis ein in vielerlei Hinsicht arg gebeutelter FC Bayern an diesem November-Dienstag 2026 einen bemerkenswerten 2:0-Sieg im Estadio Metropolitano feierte.
Die Ausgangssituation hätte aus Münchner Sicht schlechter kaum sein können. In den vergangenen Wochen suchten den FC Bayern praktisch nonstop schlechte Nachrichten verschiedenster Kategorien heim. Der Tod von Joshua Kimmichs Vater, der Zusammenbruch von Trainer Vincent Kompany, eine Verletzungsserie, die vor allem die Offensive arg ausdünnte. Dazu sportliche Rückschläge wie die Patzer gegen den FC Augsburg und Viking Stavanger sowie der späte Ausgleich am Samstag im Bundesliga-Topspiel gegen Borussia Dortmund.
Und dann trat die Mannschaft von Interims-Cheftrainer Aaron Dank in Madrid plötzlich so auf, als wäre sie seit Wochen perfekt eingespielt und hätte eine Siegesserie im Rücken. Also ein bisschen so wie der FC Bayern über weite Strecken der vergangenen Saison.
Lennart Karl gibt die richtige Antwort auf skurrile Debatten
"Es war einfach eine Weltklasseleistung", schwärmte Sportvorstand Max Eberl anschließend. Seine Mannschaft habe "von der ersten bis zur letzten Minute fast alles richtig gemacht". Der wieder genesene Kapitän Manuel Neuer befand: "Das war totale Dominanz von der ersten bis zur 93. Spielminute. Egal was Atletico uns gegenübergestellt hat, wir haben immer eine Antwort darauf gehabt."
Die Münchner ließen sich nicht auf Atletico-esque Scharmützel ein, wodurch die gerne frenetischen Fans im Metropolitano gar nicht erst in Wallungen kamen. Sie ließen sich auch nicht davon irritieren, dass Atletico teilweise mit zwölf Mann spielte, weil Trainer Diego Simeone regelmäßig gewohnt emotional von seiner Coachingzone aufs Spielfeld tigerte. Sie ließen sich nicht davon irritieren, dass sie trotz von Beginn an größter Dominanz lange kaum zu Chancen geschweige denn Toren kamen.
Für die Erlösung sorgte in der 54. Minute schließlich Lennart Karl. Ausgerechnet Lennart Karl, über den in den vergangenen Wochen mehr diskutiert wurde als über jeden anderen Spieler des FC Bayern. Zu viel Social Media, zu wenig Demut und so weiter. Ehrenpräsident Uli Hoeneß kündigte ein "ernstes Gespräch" mit dem 18-Jährigen an. Nun antwortete Karl auf dem Platz. Der erste höchst erfreuliche Aspekt aus Sicht des FC Bayern.
Olise und Kane treffen nicht: Bayern hat trotzdem kein Problem
Für die Entscheidung zum 2:0 sorgte in Minute 74 schließlich Rechtsverteidiger Konrad Laimer. Bedeutet gleichzeitig: Die beiden Superstars Harry Kane und Michael Olise blieben jeweils ohne Treffer. Wie schon beim 2:2 gegen Dortmund, als ebenfalls Laimer sowie Dayot Upamecano getroffen hatten.
Kane wartet mittlerweile sogar schon seit drei Spielen auf ein Tor. Nach seinem Chancenwucher gegen den BVB scheiterte der Weltfußballer in Madrid mit fünf Schüssen. Immerhin legte er Laimers 2:0 auf. Olise hatte das Dortmund-Spiel angeschlagen beendet. Entsprechend fehlte ihm in Madrid die gewohnte Spritzigkeit. Der Franzose war zwar bemüht und oft am Ball, blieb im Dribbling aber immer wieder hängen, drehte ab oder ging zu Boden.
Man könnte sich jetzt natürlich Sorgen machen über die Form der beiden. Dank ihrer überragenden Klasse und Konstanz der vergangenen Monate sollte aber ein Urvertrauen herrschen, dass Kane und Olise sehr bald wieder wie von alleine in die Spur finden. Insofern bleibt vor allem ein zweiter ganz besonders erfreulicher Aspekt: Der FC Bayern kann auch ohne seine beiden Topstars in Topform gegen Topgegner gewinnen. Und übrigens auch ohne Luis Diaz, Jamal Musiala, Serge Gnabry und Ismael Saibari.
Getty ImagesUpamecano und Tah halten beim FC Bayern endlich wieder die Null
Schließlich zum erfreulichen Aspekt Nummer drei: Erstmals nach sieben Spielen mit jeweils mindestens einem Gegentor hat der FC Bayern in Madrid wieder zu Null gespielt. Hauptverantwortlich dafür war Abwehrchef Dayot Upamecano, der beste Münchner im Metropolitano.
Sein zuletzt schwächelnder Nebenmann Jonathan Tah steigerte sich nach Anlaufschwierigkeiten im Laufe des Spiels und meldete sich so im Konkurrenzkampf mit Min-Jae Kim zurück. Die beiden Außenverteidiger Laimer und Josip Stanisic präsentieren sich extrem offensivfreudig, ohne dabei die Abwehrarbeit zu vernachlässigen. Insofern hatte Keeper Manuel Neuer bei seinem Comeback praktisch nichts zu tun.
Durch den Sieg rückte der FC Bayern in der Tabelle zumindest vorerst auf Platz acht vor, der für einen direkten Einzug ins Achtelfinale reichen würde. Nach all den Rückschlägen der vergangenen Wochen untermauerten die Münchner ihren Status als einer der absoluten Topfavoriten auf den Champions-League-Titel. Sofern der FC Bayern am 5. Juni 2027 fürs Finale ins Metropolitano zurückkehrt, darf womöglich auf diesen Sieg als emotionalen Wendepunkt der Saison zurückgeblickt werden.








