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Bruno Alves, Kwang Song Han, Cagliari, Torino, Serie A, 04092017Getty Images

Kwang-Song Han: Nordkoreas Shootingstar in der Serie A


PORTRÄT

Der vierte Offizielle hält die Tafel in die Luft. Es läuft die 81. Minute am 10. April in Cagliari; 1:3 liegt der Außenseiter gegen den FC Turin zurück und Trainer Massimo Rastelli will seinem Team nochmals frischen Wind einverleiben. Mit der Nummer 32 kommt Kwang-Song Han, für ihn weichen muss Kapitän Marco Sau. Historisches bahnt sich an.

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Die Zuschauer bejubeln die Einwechslung mit mäßigem Applaus, viel haben sie noch nicht gesehen von ihrem neuen Angreifer aus Nordkorea, er ist erst seit vier Wochen im Verein. In der Nachspielzeit schlägt dann dessen Stunde: Nach einer maßgeschneiderten Flanke von Linksaußen schraubt sich der 1,78 Meter große Han am Rand des Fünfmeterraumes in die Luft und wuchtet den Ball in die Maschen. Joe Hart im Kasten von Torino hat keine Abwehrchance. Historisches ist passiert.

Zwei Ereignisse für die Geschichtsbücher der Serie A

Nur eine Woche, nachdem Han beim 3:1-Sieg gegen die US Palermo der erste Spieler aus Nordkorea war, der jemals den Platz in der Serie A betrat, fügt er den Liga-Annalen ein weiteres Kapitel hinzu: Han ist der erste Spieler aus dem auf fast allen Ebenen isolierten Land vom anderen Ende der Welt, dem ein Tor in der italienischen Beletage gelingt.

Bruno Alves, Kwang Song Han, Cagliari, Torino, Serie A, 04092017Getty Images
Nachdem er Englands Nummer eins überwunden hatte: Kwang-Song Han (r.) jubelt ausgelassen

"Ich bin sehr glücklich über mein erstes Tor in der Serie A. Ich danke dem Klub, dem Trainer und meinen Mitspielern. Ich fühle mich in Cagliari wie zuhause", sagte Han, dessen echtes Zuhause 9000 Kilometer entfernt ist, nach Schlusspfif in die Mikros der Reporter.

Brav, demütig und schüchtern ist er. Doch wie hat es der Spieler aus dem auf der Fußball-Landkarte mehr als exotischen Land überhaupt bis hierhin geschafft?

Wo kommt Kwang-Song Han her?

Bis zum Jahreswechsel hatten den 18-Jährigen nur wenige Leute im Weltfußball auf dem Schirm. Absolute Insider kannten ihn vielleicht von der U16-Asienmeisterschaft  2014. Dort hat er sein Land als Kapitän auf das Feld geführt und war einer der herausragenden Akteure seiner Auswahl. Ein Jahr später gelang ihm bei der U17-WM in Chile das beinahe Unmögliche. Mit Nordkorea überstand er die Gruppenphase – die Buchmacher waren schockiert.

In Nordkorea spielte er für den FC Chobyon, einem Klub aus seiner Heimatstadt Pjöngjang, der nordkoreanischen Hauptstadt und der Machtzentrale der Volksrepublik. Von hier aus herrscht der Oberste Führer Kim Jong-un mithilfe eines sozialistischen totalitären Einparteiensystem.

Das Land ist auf der Weltkarte isoliert, wirtschaftlich, politisch. Schlagzeilen macht Nordkorea hauptsächlich durch den immerwährenden Zwist mit den Vereinigten Staaten. Das Land ist abgeriegelt. Keiner darf raus, keiner rein, so die strikte Maßgabe. Doch für Fußballer gibt es eine Möglichkeit, diesen Wall zu durchbrechen.

"Es fing alles damit an, dass die Nordkoreaner eine Reise durch Europa unternommen haben, um die besten Schulen für ihre jungen Spieler zu finden“, erklärt Jose Marcet, Präsident der spanischen Jugendakademie Fundacion Marcet gegenüber dem spanischen Sender COPE.  

Nordkoreas Fußball sucht Know-How in Europa

Der Hintergrund: Die Machthaber wollen endlich am weltweiten Glanz des Fußballsports teilhaben, Kim Jong-un will den Sport in seinem Land professionalisieren. Während in Nordkorea peu a peu Jugendakademien aus dem Boden sprießen und das Nationalteam mit Jörn Andersen seit Mai 2016 einen Ex-Profi aus Europas Top-Ligen als Trainer hat, soll auch Input von außen geholt werden.

Das kleine Land will wieder für Schlagzeilen sorgen – genauso wie bei der WM 1966, als man das große Italien aus dem Wettbewerb warf. Dafür schickt das Regime permanent Spieler und Trainer in Ausbildungszentren wie das von Jose Marcet, nachdem dieser die potenziellen Kandidaten in Nordkorea selbst gesichtet hat.

"Letztlich haben sie uns ausgewählt, weil sie keine großen Marken wollten, sondern einfach lernen, wie sie den Fußball dominieren können. So kam es, dass wir nach Pjöngjang gereist sind, um 18 Jungs auszuwählen", erklärt Marcet weiter.

Eine ähnliche Kooperation existiert auch mit der "Italian Soccer Academy", die in Perugia beheimatet ist. Entdeckt wird Han aber in der Fundacion Marcet, von einem, der ihn nach eigener Aussage schon seit den Turnieren 2014 und 2015 im Auge hatte: Alessandro Dominici.

Jetzt, im Frühjahr 2017, darf Han auf die ganz große Karriere hoffen. Cagliari Calco hat den 18-Jährigen mit einem bis 2022 datierten Profivertrag ausgestattet, der ab Sommer beginnt. In der aktuellen Saison stehen für ihn dabei noch weitere Einsätze an, wie sein Trainer in La Repubblica bestätigte: "Er ist hungrig, er will es schaffen. Er wird spielen und ich denke, er wird uns zufriedenstellen."

Die Stärken von Kwang-Song Han – es gibt einige

Was macht ihn – außer seinem Hunger, Neues zu lernen – so gut, dass ein Klub aus einer der Top-Ligen im Epizentrum des Weltfußballs den Nordkoreaner so lange an sich binden will?

"Er ist ein vielseitiger Stürmer mit einem gutem Dribbling, einer starken Übersicht und einem Auge für den Torabschluss", beschreibt ihn die offizielle Seite seines Vereins. Han kann mit beiden Füßen gleich geschmeidig den Ball führen und dank seiner enormen Sprungkraft ist er für seine 1,78 Meter enorm kopfballstark – wie eben Joe Hart bereits erfahren musste.

Fragt man den Youngster, dessen Vorbild nach eigener Aussage – wie bei vielen anderen auch – Superstar Cristiano Ronaldo ist, sagt er kurz: "Meine Ziele? Ich muss noch so viel lernen, jetzt möchte ich ein so guter Angreifer wie möglich werden."

Entwickelt sich Han so weiter wie während der vergangenen Auftritte, sind weitere Rekorde in der Serie A nicht ausgeschlossen. Und Joe Hart wird nicht der letzte Keeper sein, der einen Ball von Han aus dem Netz holen muss – Nordkoreas Willen, sich im Weltfußball zu etablieren, sei Dank.

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