Wenn es um Karim Benzema geht, geht Zinedine Zidane sogar mit dem französischen Präsidenten auf Konfrontationskurs. Der hatte den französischen Stürmer scharf kritisiert und ihn als schlechtes Beispiel für die Jugend in puncto Moral genannt. Zidane war zur Stelle, sagte, es sei nicht normal, über seine Spieler zu sprechen, es störe und nerve ihn. Ungewohnt deutliche Worte vom sonst perfekten Diplomaten, der nur hinter den Kulissen Klartext redet, der alleine wegen seiner Aura, die ihn stets umgab, als er über zehn Jahre lang einer der besten Spieler der Welt war, schon Autorität ausstrahlt. Wird er doch einmal deutlich, muss es schon einen besonderen Grund geben: den Schutz eines seiner Lieblingsspieler zum Beispiel.
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"Zinedine Zidane ist der Schlüssel zu meinem Erfolg, er ist wie ein großer Bruder zu mir", sagte Benzema gegenüber uefa.com über Zidane. Und große Brüder beschützen die kleineren nunmal. Das war immer so. Da kann daherkommen, wer will. Und sei es Präsident Francois Hollande im Oktober 2016. Der Schutzmechanismus greift auch dieser Tage wieder. Denn Benzema steht in der Kritik, wurde teilweise von den eigenen Fans ausgepfiffen. Er gilt nun, mit fast 30, als Auslaufmodell im weißen Trikot. Die verwöhnten Fans wünschen sich einen Showman wie Paulo Dybala oder auch einen Angreifer vom Kaliber eines Luis Suarez oder Robert Lewandowski. Die haben deutlich bessere Quoten als der Franzose.
Zidane ist das egal. Natürlich ist es das. Er stand immer hinter seinem Landsmann. Als Co-Trainer unter Carlo Ancelotti war er der Hauptverantwortliche für einen gewaltigen Schritt, den Benzema damals machte. "Zizou hat mir vor dem Spiel erklärt, wie ich mich gegen die beiden Innenverteidiger zu bewegen habe, um mir den nötigen Freiraum zu erarbeiten. Was soll ich sagen: Es war genauso, wie er es mir prophezeit hatte", sagte Benzema einmal nach einem 4:2-Sieg gegen Villarreal. Er verbesserte sein Spiel, seine Quote. Dass er heute, wo Zidane den Cheftrainerposten inne hat, absolut gesetzt ist, ist keine Frage.
Zidane und Benzema mit Gemeinsamkeiten
"Benzema spielt eine gute Saison. Wir wissen, was er uns auf dem Feld geben kann. Die Fans wollen immer mehr und das gilt es zu akzeptieren. Aber Karim hat genug Charakter und Persönlichkeit, um das zu akzeptieren. Er versteckt sich auch nicht. Ich werde Karim immer unterstützen“, verteidigt der große Bruder den kleinen gegen Kritik von außen. Innen muss er das nicht. Sie alle wissen, was sie an Benzema haben. Denn er bewegt sich inzwischen so klug auf dem Platz, dass er Räume für Cristiano Ronaldo schafft, Vorbereiter geworden ist, Bälle festmacht, fast immer richtig steht. Kein Stürmer der Elite-Kandidaten taucht derart oft auf dem Flügel auf.
Toni Kroos, das personifizierte Fußball-Hirn, pries Benzemas "Spielintelligenz". Und auch Ronaldo fiel in das Lob mit ein. Als ein Gerücht die Runde machte, er sei dafür, den Franzosen abzusägen, fand er deutliche Worte, sagte, Benzema, sei einer der besten Stürmer der Welt, er verstehe sich mit ihm blind und hoffe, er würde noch viele Jahre das Real-Trikot tragen.
Getty Images17 Tore hat Benzema in 42 Pflichtspielen in dieser Saison erzielt. Keine überragende Quote – genau hier aber beginnt bei vielen der Denkfehler. Denn sein Wert lässt sich nicht nur an Zahlen messen. "Ich bin heute ein viel reiferer Spieler", sagt er selbst. Er meint: Er hat eine Ruhe am Ball entwickelt, ein Gespür für den richtigen Momenten für Abspiele, dass er inzwischen nicht selten den vorletzten Pass spielt, der in keiner Statistik auftaucht.
Zidane, der Diplomat, betonte zuletzt, er würde alle Spieler gleich behandeln, das Einzige, das er mit Benzema gemeinsam habe, sei die Nationalität. Zidane, der Big Brother, weiß selbstredend, dass das anders ist. Dass seine besondere Beziehung zu seinem Stürmer auch auf den vielen Gemeinsamkeiten fußt. Denn beide kommen aus Problemvierteln (Zidane aus Marseille, Benzema aus Lyon), beide haben algerische Wurzeln, beide sind eigentlich ruhige Charaktere, haben aber in sich ein Feuer, das manchmal einfach so ausbricht und in Skandalen mündet. Beide reden ungern über sich, beide schätzen Ehrlichkeit.
Kriminalität und Loyalität
Auch Benzema, dem aufgrund einiger Skandale der Ruf des Rambos, des Bling-Bling-Profis mit guten Kontakten in die Unterwelt anhaftet. Er fuhr nicht nur über 100 km/h zu schnell und war gemeinsam mit Franck Ribery in eine Affäre verwickelt, in der es um Sex mit einer Minderjährigen ging. Er wurde festgenommen, weil er in eine Erpressungsaffäre um Nationalmannschaftskollegen Mathieu Valbuena verwickelt war und musste in einem Drogen- und Geldwäschefall aussagen. All das hat eine Skizze von ihm hinterlassen, die denjenigen, die ihn nicht kennen, einen Eindruck vermittelt, der ihn in falsches Licht stellt.
Denn seine Kontakte zu Kleinkriminellen rühren nicht daher, dass er aufgrund des Ruhms auf die schiefe Bahn geraten ist, sondern vielmehr daher, dass er nie vergessen hat, wo er hergekommen ist. Er steht bis heute loyal zu den Freunden, auf die er sich damals, auf der Straße Lyons, blind verlassen konnte. Er, der Multimillionär, lädt diese Freunde zu Trips ein, macht ihnen Geschenke und trifft sie noch so oft es geht. Er braucht das Vertrauen seines Umfelds. Dass in diesem Umfeld auch einige sind, die nicht immer mit dem Gesetz in Einklang leben, ist logisch. Denn dort, wo er herkommt, werden nicht wenige Drogendealer.
"Wir werden mit der Gewalt geboren, sie ist im Viertel, in den Schulen", erklärte Karim Zenati 2006 dem Richter, als er wegen bewaffneten Raubüberfalls vor Gericht stand. Zenati ist einer, den Benzema "Bruder" nennt, einer der Freunde, die Valbuena erpressten – und einer der Freunde, die zu Benzemas engstem Umfeld gehören. Weil er ihm vertraut, weil er weiß, was sie zusammen erlebt haben.
Der FC Barcelona hatte einst bereits einen Deal mit Benzema ausgehandelt, nahm dann aber nach genauerer Durchleuchtung seiner Persönlichkeit von einem Transfer Abstand. Real dagegen schlug 2009 zu und blätterte 35 Millionen Euro für das größte Stürmertalent der Welt hin - und wurde belohnt. Denn man macht es sich zu einfach, Benzema als "schwierigen Charakter" abzustempeln.
"Nicht mal das beeindruckte ihn ausreichend, um mit dem anrüchigen Teil seines Umfelds zu brechen", schrieb die Welt einmal, nachdem Benzema selbst von einem Bekannten erpresst worden war. Was dabei vergessen wurde: Es sind seine Freunde, über die die Journaille da stets negativ berichtet. Und Benzema ist einer, der seine "Brüder" nicht fallen lässt. Er ist jemand, auf den man zählen kann. In Madrid hat er selbst einen, auf den er zählen kann, einen großen Bruder, der ihn schützt. Das Gute: Der hört auf den Namen Zinedine Zidane und ist sein Trainer bei Real.



