HINTERGRUND
Als das Angebot hereinflatterte, habe er lange nachgedacht und es zunächst "überhaupt nicht" machen wollen, sagte Jupp Heynckes am Freitagmittag. "Ich hatte Bedenken, auch in privater Hinsicht." Und doch wurde er wieder Trainer des FC Bayern München. Und inzwischen macht es ihm sogar wieder Spaß.
Heynckes wirkte locker und zufrieden, als er im blauen Traineroutfit des Rekordmeisters im Medienraum an der Säbener Straße saß. Zumindest so zufrieden, wie ein nüchterner und sachlicher Kopfmensch sein kann nach seiner ersten Woche mit einem Rumpfkader. Heynckes berichtete von vielen Gesprächen, von intensiven Einheiten, von gesetzten Trainingsreizen, von einer guten Atmosphäre, ja sogar von Aufbruchstimmung.
Zwar müsse er sich "erst wieder reinfinden" nach seiner mehr als vierjährigen Abstinenz, das scheint allerdings schon ziemlich gut funktioniert zu haben. "Viele Mitarbeiter aus dem Verein kennen mich noch und alle sagen übereinstimmend, dass eine sehr gute Atmosphäre herrscht und dass die Spieler wieder Spaß an der Arbeit haben", erzählte er.
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Natürlich waren die Bedingungen nicht optimal aufgrund der Abwesenheit vieler Nationalspieler. Manschaftstaktische Inhalte wie das Festlegen von Pressingzonen oder die Bewegungsabläufe im Umschaltverhalten müsse man schließlich im Verbund trainieren, und doch war es wichtig überhaupt zu trainieren. "Eine Powerpoint-Präsentation ist schön und gut, aber du musst die Dinge auf dem Platz erledigen", sagte Heynckes.
Heynckes ist derzeit so etwas wie ein Zeitarbeiter. Sein Arbeitsverhältnis beim FC Bayern ist befristet, sein Abgang sicher. Bis es so weit ist, soll er möglichst erfolgreich sein. Er soll den Laden aufräumen. Dabei helfen, alle Probleme und alle Baustellen zu befrieden, um den Verein zum 1. Juli besenrein an einen neuen Trainer zu übergeben. Das erwartet Uli Hoeneß, Heynckes' Boss, der zugleich sein "ziemlich bester Freund" ist.
Die größte Baustelle
Nunja, Probleme und Baustellen gibt es derzeit zur Genüge. Von Form und Fitness ist die Rede, von Teamgeist und Taktik, von Hierarchie und Spielidee. Wo also anfangen? Heynckes soll in kurzer Zeit viel bewirken. Er muss in Phasen arbeiten, spielerische Dinge peu a peu einstudieren. Und dabei hat er das Abwehrverhalten als jene Baustelle ausgemacht, die am größten ist und am dringendsten geschlossen werden muss.
Getty ImagesSieben Tore haben die Bayern in den jüngsten drei Pflichtspielen gegen den VfL Wolfsburg, Paris Saint-Germain und Hertha BSC kassiert, "so viele waren es in der Triple-Saison in einer ganzen Halbserie", merkte Heynckes korrekterweise an. Die Defensive sei das A und O, die Basis. "Da muss es funktionieren, nach vorne haben wir so viel Phantasie und Klasse, dass immer etwas geht." Also Defensivarbeit üben, Automatismen herstellen.
Heynckes wird deshalb alles daran setzen, schnellstmöglich seine 1A-Elf zu finden. Grundsätzlich hat der 72-Jährige nichts gegen Rotation einzuwenden, gerade aufgrund seines Kaders, der ja nur so vor "hochqualifizierten Spielern" wimmle und sogar besser sei als der aus der Triple-Saison, wie er betonte. Bloß braucht es zunächst ein Gerüst. "Wir müssen erstmal versuchen, eine Mannschaft zu finden, die anfängt und Erfolg hat. Dann kann man den nächsten Schritt machen."
Heynckes benutzte am Freitag häufig die Begriffe "Balance" und "Stabilität", Javi Martinez könnte der Schlüssel dazu sein. Bereits 2012/13 hatte der Spanier stets im defensiven Mittelfeld für Ordnung und Gleichgewicht gesorgt - und auch künftig dürfte er wieder auf der Sechs zu finden sein.
Während Carlo Ancelotti im Defensivverbund fröhlich durchwechselte, dürfte Heynckes zudem speziell in der Viererkette auf Kontinuität setzen, gerade zu Beginn. Joshua Kimmich, Jerome Boateng, Mats Hummels und David Alaba werden sich in den kommenden Wochen wohl einspielen dürfen. Boateng und Alaba sollen dabei wieder an ihre Bestleistungen von einst anknüpfen. "Mats Hummels bringt alles mit. Jerome muss sich wieder zeigen, und auch der kleine Alaba muss Profil gewinnen", forderte Heynckes.
Neue Hierarchie über Intellekt und Leistung
Ihm geht es auch um eine klare Hierarchie innerhalb der Mannschaft, deren Instandsetzung ist seine mittelfristig vielleicht wichtigste Aufgabe. "Eine Hierarchie muss sich bilden, einerseits durch den Intellekt des Spielers und andererseits, noch wichtiger, durch die Leistung des Spielers. Auch der Umgang mit den Kollegen zählt dazu, weil man eine gewisse Vorbildfunktion hat", sagte er. Er hofft, dass der eine oder andere künftig mehr Verantwortung übernimmt, genau darüber habe er mit seinen Schützlingen auch gesprochen.
Komplex ist die aktuelle Situation, weil viele Dinge miteinander verknüpft sind. Nur über eine klare erste Elf können sich Automatismen einspielen, nur klare Leistungsträger können zu Wortführern in der Kabine aufsteigen. "Mit Hand auflegen ist es nicht getan, uns steht harte Arbeit bevor. Die Psyche spielt dabei auch eine ganz wesentliche Rolle. Dass man selbstverständlich Fußball spielt, selbstbewusst ist, Sicherheit hat. Da genügt es nicht, dass ich wieder da bin."
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Gut also, dass sich Heynckes vor dem Bundesliga-Spiel gegen den SC Freiburg am Samstag (15.30 Uhr im LIVE-TICKER) als großen Optimisten beschrieb - und eine totale Überzeugung transportierte. Er sprach davon, ein "ganz klares Konzept", eine "ganz klare Idee" zu haben. Er sprach ungefragt über Franck Ribery, "der, wenn er fit ist, bei mir funktioniert. Davon bin ich felsenfest überzeugt". Und "felsenfest überzeugt" ist Heynckes trotz der "sehr schwierigen Aufgabe" auch davon, "dass es besser wird, dass sich der Erfolg wieder einstellen wird. Denn sonst hätte ich das nicht gemacht".
