Soll Joshua Kimmich Rechtsverteidiger spielen oder Sechser? Jahrelang dominierte diese Debatte den deutschen Fußball. Kimmich wechselte munter hin und her, auch unter Bundestrainer Julian Nagelsmann. Sein Nachfolger Jürgen Klopp bezog diesbezüglich schon vor seinem allerersten Spiel klar Stellung: "Wir hatten kein Gespräch, in dem wir von ihm als Rechtsverteidiger gesprochen haben."
Jetzt wo das endlich geklärt ist, bahnt sich in Fußball-Deutschland aber plötzlich eine neue Debatte um Kimmich an. Diesmal geht es nicht darum, wo der 31 Jahre alte Kapitän spielen soll - sondern ob überhaupt. Es ist eine reflexartige Reaktion auf die Eindrücke aus den bisherigen drei Partien unter Klopp.
Gegen die Niederlande (1:1) und Griechenland (0:1) begann Kimmich jeweils im Zentrum, die deutsche Mannschaft enttäuschte und das Mittelfeld wirkte generell dysfunktional. Offensiv setzte Kimmich im Zusammenspiel mit Felix Nmecha sowie Nadiem Amiri bzw. Bambase Conte zwar gute Akzente, defensiv fehlte aber die Absicherung, dazu schlichen sich Unkonzentriertheiten ein. Bezeichnenderweise hatten Kimmich und Nmecha entscheidenden Anteil am Gegentor gegen Griechenland.
Beim erlösenden ersten Klopp-Sieg gegen Serbien (2:0) fehlte Kimmich, der wie große Teile des Ursprungskaders planmäßig abgereist war. Nun war das Mittelfeld mit Aleksandar Pavlovic, Tom Bischof und Florian Wirtz plötzlich der beste Mannschaftsteil.
Kimmich will beim DFB-Team bleiben: Klopp reagiert schnippisch
Dazwischen hatte Klopp die sich ohnehin schon anbahnende Debatte selbst befeuert. Direkt nach der Pleite gegen Griechenland bekannte Kimmich, dass er nur ungern abreist - durchaus nachvollziehbar als Kapitän. Offenbar platzierte er seine Gefühlslage auch intern mit Nachdruck, wie Klopp im Vorfeld des Serbien-Spiels verriet: "Er hat tatsächlich ein paar Mal nachgefragt. Aber das kann ich Jo sagen: Je öfter man fragt, desto weniger wahrscheinlich bekommt man das, was man will." Eine überraschend schnippische Reaktion, zumal öffentlich geäußert.
Im ZDF-Interview unmittelbar vor dem Spiel versuchte Klopp, die Wogen zu glätten. "Mir ist gerade mitgeteilt worden, dass das offensichtlich ein Thema ist", sagte Klopp - wenig überraschend angesichts der Gemengelage. Insofern war es Klopp wichtig zu betonen, dass Kimmich in der gemeinsamen Zeit einen "überragenden Eindruck" gemacht habe. Die Abreise-Entscheidung sei "überhaupt nicht gegen ihn" gerichtet gewesen. Glaubhaft versicherte Klopp, dass Kimmich für ihn Stand jetzt nicht in Frage steht. Schließlich dominiert er auch das Mittelfeld des FC Bayern, aktuell eine der besten Mannschaften Europas. "Aber wir müssen auch gucken, was passiert, wenn er nicht da ist."
IMAGOKimmich bald außen vor? Trio um Pavlovic harmoniert bestens
Und was passierte, als Kimmich nicht da war? Das Mittelfeld mit Pavlovic in der Kimmich-Rolle als Sechser und Bischof (in seinem erst zweiten Länderspiel) sowie Wirtz in den Halbräumen harmonierte fantastisch. Bezeichnenderweise entstand Bischofs 1:0 aus einer Kombination des Trios (in Kooperation mit dem Torpfosten). Das 2:0 erzielte dann Wirtz.
"Wir drei haben uns gut verstanden", sagte Bischof. Wirtz habe es "sehr, sehr viel Spaß gemacht", mit Bischof zusammenzuspielen. "Er bewegt sich sehr, sehr clever in den Räumen und ist sehr gut am Ball." Keeper Jonas Urbig befand derweil, "dass die Verbindung von Pavlo und Tom super funktioniert hat. Sie haben das Spiel sehr gut gelenkt."
Zur Einordnung ist aber wichtig: Tabellenschlusslicht Serbien präsentierte sich deutlich harmloser und anfälliger als die Niederlande und Griechenland. Ein wirklicher Vergleich ist insofern eher unzulässig. Den könnte Klopp schaffen, wenn er das gegen Serbien überzeugende Trio auch am Sonntag beim Rückspiel gegen Griechenland in Thessaloniki aufbietet.
IMAGODFB-Mittelfeld enorm umkämpft in Klopps 4-3-3-System
Aber erstmal musste Klopp eine Gratwanderung bewältigen. Und zwar die Leistung von Pavlovic, Bischof und Wirtz entsprechend zu würdigen - ohne gleichzeitig indirekte negative Signale an Kollegen zu senden. "Wir haben es heute so gespielt, wie wir es spielen sollen", sagte Klopp. "Aber das können die Jungs, die gegen Griechenland gespielt haben, genauso spielen."
Konkret nach Wirtz und seinem guten Zusammenspiel mit Pavlovic und Bischof gefragt, erwiderte Klopp: "Es ist so ein schöner Abend. Und ohne es anzusprechen, wollt ihr ein Thema aufmachen, das kein Thema ist. Flo Wirtz braucht nicht bestimmte Spieler, die mit ihm zusammenspielen. Die Art und Weise, wie wir gespielt haben, hat zu Flo Wirtz gepasst. Aber jetzt daraus zu machen, dass er nur mit Pavlovic … und am Ende wird es eine Jo-Kimmich-Geschichte."
Bei einer Frage zu Bischof reagierte Klopp ähnlich. Klopp lobte ihn als "top Junge, geiler Kicker mit toller Einstellung", schob aber sofort hinterher: "Ich habe gar kein Problem damit, über Tom Bischof zu sprechen. Aber es fällt mir ein bisschen schwer, die anderen nicht zu erwähnen." Dann lobte er zunächst die Neulinge Philipp Treu, Bambase Conte, Said El Mala und Derry Scherhant. "Und man muss über Pavlo sprechen. Auch wenn ihr euch vielleicht schon daran gewöhnt habt, dass er so kickt. Ich kenne ihn noch nicht so lange. Huch, der kann einen Ball spielen!"
Ohne dass er nun namentlich genannt wurde, stand natürlich auch wieder der Name Kimmich im Raum. "Ich hoffe, ich kriege es hin, dass das bei den Jungs richtig ankommt", schloss Klopp seine Antwort auf die Bischof-Frage. Unbedingt wolle Klopp verhindern, dass das Lob für die einen im Umkehrschluss bedeutet: "Der, der, der - ne, ne, ne. Wir brauchen wahnsinnig viele Spieler für die gemeinsame Zukunft."
Die künftige Besetzung des Mittelfelds ist eine der spannendsten Fragen im DFB-Team. Schließlich ist nirgendwo so viel Qualität für so wenige Positionen vorhanden wie hier. Klopp setzt auf ein 4-3-3-System. Wirtz und den aktuell verletzten Jamal Musiala sieht er nicht auf den offensiven Außenbahnen, sondern im Mittelfeld. Insofern kämpfen um drei Plätze mit Kimmich, Pavlovic, Bischof und Musiala alleine vier Münchner. Dazu kommen Nmecha, Wirtz, Amiri, Anton Stach sowie die Neulinge Conte, Vitaly Janelt und Mika Baur.





