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Heribert Bruchhagen Hamburger SV BundesligaImago

Jovanovs HSV: Bruchhagen hat keine Wahl


KOLUMNE

Während ich diese Zeilen schreibe, läuft parallel das Rückspiel der Relegation zwischen Eintracht Braunschweig und dem VfL Wolfsburg, das die Wölfe mit 1:0 gewinnen und die Klasse damit sichern können. Der Jubel über das Ende einer Saison, die mit einem dicken blauen Auge beendet wurde, fiel im Vergleich zum Hamburger SV und seinen Fans relativ moderat aus. Zugegeben hat die Dramaturgie dieser Spielzeit und insbesondere der letzten Partie mit dem wichtigen Tor durch Luca Waldschmidt kurz vor Schluss ihr Übriges getan, dass die Feier über ein weiteres Jahr Bundesliga einer Meisterschaft glich. Die Fähigkeit, Leistungen und Ergebnisse richtig einzuordnen, wirkte bei den Wölfen für mich insgesamt jedoch ein wenig stärker ausgeprägt als in Hamburg. Jahrelanger Abstiegskampf trübt offenbar die Sinne.

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Umso besser, dass nicht nur der Kelch Relegation am HSV vorbeigezogen ist, sondern dass auch bis zum Start der neuen Spielzeit ausreichend Zeit bleibt, um einen klaren Blick für das Wesentliche zu fassen. Viele Fans beschäftigt in der fußballfreien Zeit die Frage, wie es mit ihrem Klub im nächsten Jahr weitergeht. Seit dem Abpfiff des Spiels gegen Wolfsburg wissen wir, dass Johan Djourou, Rene Adler, Matthias Ostrzolek und Ashton Götz Hamburg sicher verlassen werden, der HSV aber auch bei allen anderen Spielern im Kader, zum Beispiel Lewis Holtby, Aaron Hunt oder Pierre-Michel Lasogga, einer Trennung nicht abgeneigt ist. Trainer Markus Gisdol kündigte bereits an, etwa ein Viertel des Kaders austauschen zu wollen.

Gisdol fordert Verstärkungen

Dass er von der Qualität der Besetzung zurecht keinesfalls überzeugt sein kann, macht der Blick auf die Tabelle deutlich, der nahe legt, wie unglaublich knapp es in diesem Jahr wieder zuging. Und auch das von vielen Fans ungern gehörte Wort "Glück" spielte in seinen Ausführungen eine wichtige Rolle. Auf das schier unendliche Glück der letzten Jahre will sich Gisdol in der kommenden Saison aber nicht noch einmal verlassen. Deshalb wird er den Trip mit seinem Trainerteam auf die Ferieninsel Mallorca nicht nur für eine Analyse des Bedarfs an neuen Spielern nutzen, sondern diese "Liste" gleichzeitig Investor Klaus-Michael Kühne vorstellen, ohne den eine Verstärkung des Kaders nicht möglich ist. Selbst Klublegende Uwe Seeler hat in einem Interview auf die Problematik hingewiesen und seine Hoffnung auf neues Geld für Transfers zum Ausdruck gebracht.

Regelmäßige Leser meiner Beiträge werden wissen, wie ich zur kompletten Abhängigkeit von Kühne stehe. Unbestreitbar ist, dass seine Art der Verhandlungsführung, das wochenlange Zanken um Zinssätze für Kredite oder den Unternehmenswert der Aktien an der HSV Fußball AG, seine mit personellen Veränderungen verknüpften Forderungen und seine öffentlichen Statemens dem HSV in den letzten Jahren mehr geschadet als genutzt haben. Sie haben den wechselnden Verantwortlichen wiederholt wertvolle Zeit und Energie geraubt und einen Beitrag zur Verschärfung der sportlichen Krise geleistet. Sein Engagement hat in erster Linie der Vergrößerung seiner eigenen Macht und seines Einflusses gedient und zeitgleich für eine nicht zu unterschätzende Schwächung von Vorständen und Sportdirektoren geführt.

Hamburger SV, 30052017Getty ImagesWer mit der Entlassung von Dietmar Beiersdorfer im vergangenen Dezember und der Installation von Heribert Bruchhagen gehofft hatte, der HSV würde auf Führungsebene nun an Profil gewinnen und seinen ganz eigenen Weg gehen, wurde bereits nach wenigen Wochen mit der Verpflichtung des Brasilianers Walace, Kyriakos Papadopoulos und Mergim Mavraj, die ohne Kühne nicht finanzierbar gewesen wären, früh enttäuscht, obwohl Bruchhagen deutlich machte, Kühne nicht zum Allheilmittel aller Probleme machen  zu wollen. Doch da ahnte der 68-Jährige sehr wahrscheinlich noch nicht im Ansatz, welch finanzielles Desaster er von seinem Vorgänger übernommen hatte - und dass er den Investor selbst für die Erfüllung der Lizenzbedingungen brauchen würde. Nun, da ihm klar geworden sein muss, dass die Aufgabe HSV ein Tanz auf der Rasierklinge ist, stellt sich die Frage, ob ein sportliches Konzept ohne Kühne umsetzbar ist. Und die Antwortet lautet: nein.

Kühne und Co. am längeren Hebel

Zur Verdeutlichung: Mit Bobby Wood, der nahezu um jeden Preis gehalten werden soll, gelang es Kühnes Einflüsterer und Gisdols Berater Volker Struth den wichtigsten Mann des Kaders für seine Agentur SportsTotal zu gewinnen und für seine "Partei" eine hervorragende Verhandlungsposition zu schaffen. Will der HSV Wood seine Ausstiegsklausel von zwölf Millionen "abkaufen", muss der Vertrag zu deutlich aufgebesserten Konditionen verlängert werden. Ohne Kühnes Unterstützung ist das schwer vorstellbar, müssen die Rothosen Stand jetzt ihre Personalkosten doch drastisch senken, anstatt sie zu erhöhen. Spricht sich Bruchhagen allerdings gegen eine Verlängerung und für einen Verkauf aus, bleibt unklar, wie viel der eingenommenen Summe wegen der angespannten Finanzlage überhaupt in den Kader reinvestiert werden kann. Auch eine Verpflichtung des Publikumslieblings Kyriakos Papadopoulos ist ohne externe Geldspritze (die Rede ist von etwa zehn Millionen Euro zuzüglich drei Millionen Euro Gehalt) nicht realisierbar. Was in Hamburg wohl los wäre, würde Bruchhagen der Öffentlichkeit erklären, Wood und Papa seien nicht zu halten?

Die Ausgangssituation gestaltet sich für Bruchhagen weitaus komplizierter, zieht man die Verhältnisse im Aufsichtsrat ebenfalls hinzu. Denn für neue Kühne-Darlehen, die mit Bedingungen verknüpft sind, zum Beispiele Zinssätze und Rückzahlungsfristen, ist eine Zustimmung der Kontrolleure notwendig. Und für eine Zustimmung fehlt aktuell die Mehrheit, weil mindestens drei, der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Andreas Peters eingeschlossen, Kühne-Darlehen kritisch gegenüberstehen. Ob sie ihre Meinung ändern, wenn sowohl Investor als auch Trainer, dessen Vorstellungen über die Neugestaltung des Kaders aus Bordmitteln nicht umzusetzen sind, den Druck erhöhen und die Öffentlichkeit auf ein sich abzeichnendes weiteres Jahr Abstiegskampf mit hysterischem Kreischen reagiert? Die Erfahrungen der letzten Jahre lassen den Schluss zu, dass genau dieses Szenario eintritt.

Bruchhagen droht in diesem Kampf und Macht und Einfluss nicht nur der Verlust seiner Glaubwürdigkeit; es wird auch darum gehen, welchen Wert er für diesen HSV hat, wenn er innerhalb weniger Monate alle seine Prinzipien aufgrund der verfahrenen und ausweglosen Lage über Bord werfen und nach der Pfeife des Investors, eines Spielerberaters und eines Trainers tanzen muss. Nur die naive Hoffnung, Kühne, Struth und Gisdol finden bessere und geeignetere Spieler für den HSV als in der vergangenen Saison, lässt mich ein wenig optimistischer auf das kommende Jahr schauen. Alles andere klingt wie ein Deja-vu.

Bleib am Ball und folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf Facebook und Twitter!

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