Javi Martinez im Goal-Interview: "Wir Spieler sind manchmal arrogant"


EXKLUSIV

Vielleicht ist Javi Martinez einfach zu höflich und bedacht, um verärgert zu wirken. Trotz der Nicht-Berücksichtigung für die Länderspiele der spanischen Nationalmannschaft präsentiert sich der Profi des FC Bayern München im Goal-Interview gut gelaunt.

Erlebe die Bundesliga-Highlights auf DAZN. Hol' Dir jetzt Deinen Gratismonat!

"Es ist schwierig, in die Nationalmannschaft zu kommen", sagt Martinez mit ruhiger Stimme und kündigt an: "Ich werde kämpfen, um wieder dorthin zurückzukehren." Ein Gespräch über den Umgang mit Enttäuschung, die Rückkehr auf die Sechserposition, Parallelen zum Triple-Jahr und den spanischen Shootingstar schlechthin.

Javi, inwieweit fühlt sich 2018 wie 2013 an?

Javi Martinez: Wir haben mit Jupp Heynckes denselben Trainer, trotzdem dürfen wir jetzt nicht über das Triple oder über die Gemeinsamkeiten mit der Saison 2012/13 nachdenken. Wir erreichen unsere Ziele am ehesten, wenn wir einen Schritt nach dem anderen machen.

Wie 2013 spielen Sie wieder im Mittelfeld. Was hat sich dadurch verändert?

Martinez: Zunächst einmal fühlt es sich gut an, zurück im Mittelfeld zu sein. Das ist die Position, auf der ich immer gerne gespielt habe. Ich fühle mich zwar auch in der Innenverteidigung wohl, ich habe aber fast mein ganzes Leben auf der Position des Sechsers gespielt. Deshalb kann ich der Mannschaft dort am besten helfen, und das versuche ich zu tun.

Für Jupp Heynckes sind Sie ein Schlüsselspieler.

Martinez: Es ist unheimlich wichtig, das Vertrauen des Trainers zu haben. Das gilt nicht nur für mich, jeder Einzelne genießt beim FC Bayern das Vertrauen von Jupp. Er weiß genau, dass wir dann am stärksten sind. Und es ist ja auch sein Job, uns in eine gute Verfassung zu bringen, um die bestmögliche Leistung abzurufen. Wenn wir bei hundert Prozent sind, haben wir große Möglichkeiten, alle Titel zu holen. Aber wir wissen, dass wir das auch auf dem Platz beweisen müssen. Momentan beginnt die heiße Phase der Saison, das kann man fühlen. Jetzt kommt es drauf an. Umso fokussierter müssen wir sein, umso mehr müssen wir alles dafür tun, um gesund zu bleiben.

Wie haben Sie im Oktober reagiert, als Sie von Heynckes' Rückkehr erfahren haben?

Heynckes: Ich war überrascht. Ich hatte das nicht erwartet. Ich dachte, er sei mit dem Fußball fertig und würde das Leben auf seinem Bauernhof bei Mönchengladbach genießen - ohne den ganzen Mist. (lacht) Ich meine, wir Spieler sind manchmal arrogant, wir sind manchmal anstrengend, deshalb war es ganz sicher eine schwierige Entscheidung für Jupp. Wir alle sind sehr dankbar, dass er sich dafür entschieden hat, zurückzukehren. Jupp kennt den Klub, er kennt uns Spieler. Es war definitiv die richtige Entscheidung, ihn zurückzuholen.

Heynckes war auch der Mann, der Sie 2012 zum FC Bayern geholt hat.

Martinez: Das ist richtig. Er hat damals gesagt, dass man mich braucht und mir damit sein Vertrauen geschenkt, als es darum ging, 40 Millionen Euro zu bezahlen.

Ist Heynckes der wichtigste Trainer Ihrer Karriere?

Martinez: Das ist schwierig zu sagen, glücklicherweise hatte ich viele gute Trainer. Aber Jupp war und ist auf jeden Fall enorm wichtig für mich. Der Wechsel nach München hat mein ganzes Leben verändert: das Umfeld, die Sprache, die Kultur. Als ich hierher kam, habe ich gleich die Wärme und das Vertrauen von Jupp gespürt. Das hat die Eingewöhnung erleichtert. Ich denke, dass es mit einem anderen Trainer härter gewesen wäre. Deshalb kann ich Jupp nur danken, er war eine große Hilfe.

Wie haben Sie sich seit 2013 verändert?

Martinez: Ich bin Vater geworden, das war für mich persönlich die größte Veränderung. Als Spieler bin ich natürlich erfahrener, aber davon abgesehen bin ich derselbe wie damals.

Warum läuft es in der laufenden Saison für Sie so gut?

Martinez: Das Wichtigste war, dass mich Jupp ins Mittelfeld zurückbeordert hat. Diese Saison läuft es gut, das ist richtig, dennoch hatte ich auch ein paar Probleme. Einerseits war es eine Umgewöhnung, nach vier Jahren als Innenverteidiger wieder ins Mittelfeld zurückzukehren. Das Tempo und der Rhythmus sind etwas ganz anderes, da muss sich der Körper erst akklimatisieren. Andererseits hatte ich ein paar körperliche Probleme. Gegen Leipzig konnte ich zum Beispiel aufgrund von Rückenproblemen nicht spielen. Es ist das Wichtigste für einen Fußballer, gesund und topfit zu sein.

Trotz Ihrer positiven Entwicklung wurden Sie nicht für die Länderspiele der spanischen Nationalmannschaft gegen Deutschland (1:1) und Argentinien (Dienstag, 20.45 Uhr im LIVE-TICKER) berufen. Waren Sie überrascht?

Martinez: Es ist schwierig, in die Nationalmannschaft zu kommen. Wir haben auf allen Positionen gute Spieler, das gilt auch für meine. Einige Mannschaftskollegen oder auch Staff-Mitglieder des FC Bayern waren dennoch überrascht und haben mich gefragt: 'Wie kann es sein, dass du nicht dabei bist?' Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Natürlich ist es eines meiner größten Ziele, für die Nationalmannschaft zu spielen. Ich werde kämpfen, um wieder dorthin zu kommen. Selbst wenn ich nicht bei der Weltmeisterschaft dabei sein sollte, werde ich nicht aufgeben. Es ist wichtig, immer weiter zu machen, egal ob es gerade gut oder schlecht läuft.

Javi Martinez Niklas König Goal interview

Wie schwierig war es für Sie persönlich, die Entscheidung hinzunehmen?

Martinez: Natürlich war ich enttäuscht. Jeder Spieler, der Erwartungen mitbringt, dabei zu sein und dann nicht nominiert wird, ist enttäuscht. Aber man kann damit auf zwei Arten umgehen: Entweder man resigniert und zweifelt an der Idee des Trainers. Oder, und das ist meine Herangehensweise, man überlegt sich, was man noch besser machen kann, wie man noch härter arbeiten kann, wie man dem Coach am besten zeigen kann, dass man bereit ist. Darauf fokussiere ich mich.

Hat Trainer Julen Lopetegui Ihnen erklärt, warum Sie nicht dabei sind?

Martinez: Nein, er spricht nie mit Spielern, die nicht nominiert wurden.

Xavi Hernandez sagte zuletzt: Javi Martinez muss zur WM.

Martinez: Xavi ist für mich der beste Mittelfeldspieler der vergangenen 15 oder sogar 20 Jahre. Es ist eine Ehre, das von ihm zu hören. Hoffentlich ist er in ein paar Jahren Nationaltrainer. (lacht)

Wie steht es aktuell um die spanische Nationalmannschaft? Nach den Titelgewinnen bei der WM 2010 und den EUROs 2008 sowie 2012 ist die Seleccion in den jüngsten beiden Turnieren nicht übers Achtelfinale hinausgekommen.

Martinez: Da kann ich nur als Fan sprechen. Für mich ist Spanien einer der größten Favoriten auf den WM-Titel. Ich habe die Qualifikation verfolgt und es war beeindruckend zu sehen, wie wir gespielt haben.

Anfang April können Sie in Spanien vorspielen. Im Viertelfinale der Champions League treffen Sie mit dem FC Bayern auf den FC Sevilla.

Martinez: Es wäre der völlig falsche Ansatz, dieses Spiel als persönliche Bühne zu betrachten. Ich muss tun, was ich immer tue, nämlich versuchen, die Vorgaben des Trainers zu erfüllen und dem Team zu helfen. Ich darf nicht darüber nachdenken, ob Herr Lopetegui vielleicht zusieht. Das wäre ein Fehler.

Wie schätzen Sie Sevilla ein?

Martinez: Das ist eine starke Mannschaft. Ich habe viele Spiele von ihnen gesehen, da ich die spanische Liga intensiv verfolge. In der Hinrunde war Sevilla nicht gut in Form, aber seit dem Jahreswechsel spielen sie wirklich gut. Noch wichtiger: Sie spielen wie ein Top-Team. In den beiden Partien gegen Manchester United haben sie gezeigt, dass sie eine große Mannschaft sind. Gerade in den entscheidenden Phasen der Spiele haben sie eine beeindruckende Leistung gezeigt. Sie sind sehr gefährlich.

In Deutschland meint manch einer, Bayern habe mit Sevilla ein glückliches Los erwischt. Ein Trugschluss?

Martinez: Wer denkt, gegen Sevilla würde es leicht, liegt total daneben. Natürlich werden meistens der FC Barcelona, Real Madrid oder Bayern München genannt, wenn über die Favoriten gesprochen wird. Aber ich bin mir sicher: Wenn wir nicht bei hundert Prozent sind, werden wir diese Runde nicht überstehen. Wir dürfen Sevilla auf keinen Fall unterschätzen. Wir müssen sie einfach als das betrachten, was sie sind: als große Mannschaft. Sie haben Spieler mit Kämpfermentalität und großer Qualität.

In Sevilla herrscht eine besondere Atmosphäre, Sie kennen das Estadio Ramon Sanchez Pizjuan. Was erwartet den FC Bayern?

Martinez: Es ist richtig, ich habe dort oft gespielt. Die Partien in Sevilla gehören aufgrund der Atmosphäre zu den ganz besonderen in Spanien. Die Fans sind extrem laut. Allgemein hatten wir in dieser Saison großes Glück mit unseren Auswärtsspielen. Wir haben im Celtic Park gespielt, das war außergewöhnlich, in Istanbul war es unfassbar laut. Ich habe immer noch ein Summen im Ohr. (lacht) Und jetzt geht es nach Sevilla, das wird ebenfalls großartig.

Wie stark ist der spanische Fußball im Vergleich zum deutschen?

Martinez: Die Primera Division gehört zu den stärksten Ligen der Welt. Man sieht ja, dass die spanischen Mannschaften immer wieder bis in die Halbfinals oder sogar bis ins Finale der Europa und Champions League vorstoßen. Ich weiß nicht genau, warum das so ist, aber es ist Fakt. Die spanischen Mannschaften sind wirklich stark. Deshalb müssen wir gegen Sevilla gut aufpassen.

Marco Asensio ist aktuell wahrscheinlich der spanische Shootingstar schlechthin. Zu Recht?

Martinez: Absolut. Für mich ist er das größte Talent in ganz Europa. Es ist fantastisch, ihm zuzusehen. Besonders beeindruckend ist es, dass er sich in den wichtigen Spielen immer in Top-Form präsentiert. Das hat man schon in dieser Saison gesehen. In der kommenden Spielzeit wird er einer der besten Spieler der Welt sein – oder sogar der beste. Das liegt an ihm.