Natürlich war es Marcelo Brozovic, der Ivan Perisic tröstete. Der Jüngere nahm den Älteren in den Arm, richtete ihn auf und sprach mit ihm. Dass man zwar zwei Punkte verloren hatte, das Achtelfinale aber trotzdem fast perfekt war, womöglich. Nach dem Last-Minute-Ausgleichstreffer der Tschechen gegen die kroatische Nationalmannschaft zeigte sich einmal mehr die besondere Beziehung der beiden, die wie im Nationaltrikot auch bei Inter Mailand zusammen spielen.
Alle reden über Kroatiens Weltklasse-Schaltzentrale mit Luka Modric und Ivan Rakitic. Dabei sind auch Perisic und Brozovic wichtige Säulen im Team. Gegen Tschechien traf Ersterer zum 1:0, der andere bereitete das 2:0 durch Rakitic traumhaft vor. Der ehemalige Wolfsburger kommt über den linken Flügel, überzeugt mit Tempo-Dribblings. Sein drei Jahre jüngeres Pendant dagegen fühlt sich eigentlich im zentralen Mittelfeld wohler, muss aber auf rechts ran, da die Plätze in der Mitte belegt sind.
MB77 und IP44
Beide sind sowohl auf dem Platz als auch daneben vollständig unterschiedlich, und dennoch eng befreundet. Brozovic, der Extrovertiertere postet auf Instagram Bilder mit seinem Kumpel. "On fire", schreibt er dazu oder "MB77", "IP44" und ein Flammen-Symbol.
Und er hat recht: Die beiden sind on fire. Bei Inter waren beide in der vergangenen Saison Leistungsträger und bei Kroatien wird es auch am ungleichen Duo liegen, will man das Viertel- oder sogar Halbfinale erreichen.
"Sie bleiben. Die Leute können so viel bieten, wie sie wollen – wir lassen sie nicht gehen", machte Inters Boss Erick Thohir unmissverständlich klar, als er auch die etwaigen Abgänge der Kroaten angesprochen wurde. 16 Millionen Euro zahlte er an den VfL Wolfsburg für Ivan, insgesamt acht für Marcelo. 24 Millionen für zwei Akteure, die bereits jetzt Publikumslieblinge im Giuseppe-Meazza-Stadion sind. "Grande Ivan", wird Perisic gerufen, Brozovic "Xavi".
Unterschiedliche Werdegänge
Die Werdegänge der beiden sind derweil mehr als unterschiedlich. Perisic, in Split geboren, wechselte 2006 als 16-Jähriger nach Sochaux. Sein Vater drängte auf den Wechsel nach Frankreich, da seine Hühnerfarm pleite war und er dringend Geld brauchte. Ohne ein Spiel für Hajduk gemacht zu haben, hatte er in Ostfrankreich große Probleme, konnte sich nicht durchsetzen und wechselte 2009 mit 19 und dem Stempel des Gescheiterten für eine lächerliche Ablösesumme von 200.000 Euro zum FC Brügge.
Dort explodierte der schlaksige Lockenkopf. 2010/11 wurde er Torschützenkönig der belgischen Jupiler League. Er machte sich einen Namen als torgefährlicher Mittelfeldspieler, der ähnlich wie Michael Ballack auch per Kopf eine echte Waffe darstellt. Über Dortmund, wo er einige Traumtore erzielte, ging es nach Wolfsburg und nun, nach starken Leistungen bei den Wölfen, zu Inter.

Dort traf er auf den zeitgleich geholten Marcelo Brozovic, seinen Kumpel aus dem Nationalteam, der den klassischeren Weg hinter sich hatte. Nach einer Ausbildung bei Dragovoljac wechselte er 2012 zum Branchenprimus Dinamo Zagreb, reifte dort zum einem heißbegehrten Juwel und entschied sich schließlich für Mailand.
Auch wegen Perisic: "Ich hab mit ihm telefoniert und da war schnell klar, dass ich zu ihm komme und mit ihm zusammen dort spiele." Brozovic, der auf Anraten seines Vaters mit 16 die Schule für den Fußball abbrach, ist in der Freundschaft der Spaßvogel. Der, der die Öffentlichkeit liebt, sich mit dem von der Klatschpresse "kroatische Katie Price" genannten Model Nives Celzijus zeigt und in den Sozialen Medien Maserati-Bilder postet.
Perisic dagegen ist bereits zweifacher Familienvater, agiert ruhiger, besonnener. Instagram hat er gar nicht, auf Facebook postet er nur unregelmäßig Beiträge. Die in seine Frisur rasierte Vier ist mehr ein ritueller Akt, als ein Styling-Statement. Einst sagte er: "Wenn es sein muss, sammle ich im Training die Bälle ein, um mit Größen wie Luka Modric zusammen spielen zu dürfen."
"Wir lieben solche Mannschaften"
Inzwischen ist er selbst eine Größe in seiner Heimat – und auf dem Platz ganz und gar nicht extrovertiert. Dort agieren er und Brozovic auf Augenhöhe: als Leistungsträger einer kroatischen Mannschaft, die noch viel vor hat bei diesem Turnier. Als nächstes wartet am Dienstagabend Spanien (21 Uhr im LIVE-TICKER).
"Spanien ist der größte Favorit auf den EM-Titel", sagte Perisic, "aber wir lieben es, gegen solche Mannschaften zu spielen. Es wird nicht einfach für sie." Was er gemeint haben dürfte: Gegen die hoch stehenden Außenverteidiger der Furia Roja haben zwei Spieler genau den Platz, den sie brauchen: Ivan Perisic und Marcelo Brozovic. Vielleicht wird Brozovic danach wieder ein Bild posten und "On fire" darunter schreiben. Sollte dem so sein, ist eines sicher: Zu trösten braucht das Duo Infernale dann niemand mehr.




