Julian Alvarez hatte gute Laune und lächelte freundlich. Gerade hatten seine Argentinier bei der WM im zweiten Spiel dank eines Doppelpacks von Lionel Messi gegen Österreich 2:0 gewonnen, der Stürmer selbst durfte nach seiner Einwechslung eine halbe Stunde lang mitspielen. Er stellte sich in der Mixed Zone den Fragen von ESPN, von denen am Ende nur eine in Erinnerung bleiben sollte – wegen der Antwort, die der Stürmer von Atletico Madrid gab. "Was wird Ihrer Meinung nach passieren?", fragte der Reporter und spielte auf das Interesse anderer Klubs am 26-Jährigen an, der gerade seine zweite Saison für die Colchoneros hinter sich gebracht hatte. "Ich denke, das Beste für alle ist ein Transfer. Ich will mir meinen Traum erfüllen", entgegnete Alvarez, kniff die Lippen zusammen und verschwand.
Es war der erste Akt in einem Transferdrama, das sich in den folgenden zwei Monaten abspielte – und bei dem am Dienstag ohne Happy End der Vorhang fiel. Julian Alvarez konnte sich seinen Traum nicht erfüllen, denn er spielt weiterhin für Atletico. Bereits vor der WM hatte Real Madrids Präsident Florentino Perez ein Angebot in Höhe von 150 Millionen Euro für ihn abgegeben, das dann aber – inklusive unschöner Nebengeräusche – sofort von den Colchoneros abgelehnt wurde. Damit konnte Alvarez gut leben, denn er wollte ohnehin viel lieber zum FC Barcelona. Und der FC Barcelona wollte ihn.
Doch auch die Katalanen hatten mit ihren Bemühungen keinen Erfolg, weil Atletico zunächst auf den bis 2030 laufenden Vertrag und die fixe Ablösesumme in Höhe von 500 Millionen Euro verwies, die gezahlt werden müsse, um Alvarez zu bekommen. Barca verließ sich darauf, dass Alvarez selbst nach der WM Druck aufbauen wird, um den Transfer zu einem deutlich günstigeren Tarif durchzusetzen, doch die Rojiblancos antworteten höchst verärgert: "Wir werden unter keinen Umständen mit Barcelona verhandeln. Wir sind angewidert von den Täuschungen und ihrer fehlenden Moral", erklärte Atletico-CEO Miguel Angel Gil Marin in der vergangenen Woche.
Damit zeichnete sich das offene Ende in diesem Drama bereits Tage vor dem Ende der Transferperiode ab. Barca verfolgte schließlich einen Plan B und besorgte sich mit Gabriel Jesus von Arsenal einen anderen Stürmer. Der Nicht-Wechsel beschäftigte nicht nur Fußball-Spanien, sondern auch die Barca-Spieler: "Julian ist ein toller Spieler, ein toller Neuner – einer der Besten der Welt", lobte Dani Olmo am Mittwoch. "Ich verstehe das einfach nicht: Wir haben doch alle Träume, Julian hat das klargemacht. Er hat um den Transfer gekämpft, aber am Ende war das nicht möglich", ergänzte er.
Transferdrama um Julian Alvarez könnte im Winter fortgesetzt werden
"Das Leben geht weiter", meinte Olmo noch – doch die Frage ist, wie. Denn die Atletico-Fans haben mit ihren Pfiffen gegen Julian Alvarez nach dessen Einwechslung im zweiten Saisonspiel deutlich gemacht, dass ihnen das WM-Interview überhaupt nicht gefallen hat. Ob sie dem Argentinier verzeihen und ihn wieder ins Herz schließen, ist fraglich.
Getty ImagesOb Atletico-Trainer Diego Simeone den Stürmer, der zuletzt krank fehlte, noch einmal aufstellt, ebenso. Eigentlich benötigt der Coach mit Blick auf das anstrengende Programm für seine Truppe jeden Spieler von der Qualität eines Julian Alvarez. Und was ist mit Alvarez selbst? Läuft er demnächst wieder für Atletico auf, als wenn nichts gewesen wäre?
Die Fragen werden vielleicht schon am Samstag in Bilbao beim LaLiga-Auswärtsspiel bei Athletic Club beantwortet. Ganz sicher ist für die spanischen Medien hingegen, dass der FC Barcelona im Winter den nächsten Anlauf wagen wird, um den Transferpoker um den Argentinier doch noch zu einem Happy End zu bringen. Ziemlich unsicher ist hingegen, dass Atletico dann anders reagiert als noch in diesem Sommer, auch wenn die Geschichte bis dahin nur Verlierer kennt.





