Hintergrund
Wenn die Hoffnung einer ganzen Stadt auf deinen Schultern lastet und du mit einem Schuss neben dem Aufstieg in die englische Premier League 230 Millionen Euro für deinen Verein klar machen könntest - würdest du schießen?
Für die Nummer 26 von Huddersfield Town war dies keine Frage. Selbstbewusst schritt er zum Elfmeterpunkt, während über 75.000 Menschen die Luft anhielten. Dann war es soweit, der großgewachsene Innenverteidiger legte sich den Ball zurecht, schaute zum Torhüter auf, pustete einmal kurz durch und lief los. Ein Flachschuss in die, von ihm aus gesehene, linke untere Ecke. Präzise, scharf und am wichtigsten: ins Tor, ins Glück, in die Ekstase.
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Es war der 29. Mai 2017: Am Ende einer kräftezehrenden Saison kam es im Championship-Playoff-Finale zwischen Huddersfield und dem FC Reading nach torlosen 120 Minuten zum Elfmeterschießen. Dort sorgte der Ex-Münchner-Löwe Christopher Schindler mit seinem verwandelten Elfmeter für den zwischenzeitlichen Höhepunkt im Märchen von Trainer David Wagner und seinen Terriers.
"Vor dem Spiel sagte ich zu den Spielern, dass sie bereits Helden sind, denn wir waren Fünfter in der Liga. Aber innerhalb von einer Woche kann man vom Helden zur Null werden. 'Nun habt ihr aber die Chance, Legenden zu werden' sagte ich ihnen'“, erzählte Wagner dem Independent von seiner Ansprache unmittelbar vor dem Nervenkrimi vom Punkt.
Getty ImagesSo kam es dann auch und die Mannschaft, gespickt mit den Deutschen Michael Hefele, Christopher Schindler, Elias Kachunga, Chris Löwe und Collin Quaner schaffte das zu Beginn der Saison noch als unmöglich Erachtete: Sie schaffte den Aufstieg und die Spieler wurden zu Legenden.
Vom Abstiegskandidaten zum Aufsteiger
Sucht man nach Gründen, führt an Wagner kein Weg vorbei. Er ist der Vater des Erfolgs. Für den 45-Jährigen ist Huddersfield die erste Profistation, arbeitete er doch zuvor in der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund und im Nachwuchsbereich von Hoffenheim.
Beim BVB machte er sich jedoch einen Namen, denn seine Idee vom Fußball ist ebenso simpel wie effektiv: Den Gegner jagen, bis man den Ball hat. Diese Spielphilosophie ähnelt die seines ehemaligen Kollegen Jürgen Klopp, damaliger Cheftrainer bei den Schwarz-Gelben und nun beim FC Liverpool.
Für Goal-Experte David Milner war die Verpflichtung von Wagner eine mutige, aber die wohl beste Entscheidung in der Vereinsgeschichte: "Vor seiner Verpflichtung im November 2015 spielte das Team nie um den Titel in der Liga mit. Seine Vision überzeugte den Klub-Eigentümer Dean Hoyle von Beginn an."
Während Wagner in seiner ersten Saison noch das Team vor dem Abstieg rettete, erreichte er mit einigen Neuverpflichtungen einen qualitativen Sprung innerhalb seiner Mannschaft. Mit Aaron Mooy liehen die Terrier einen Mittefeldstrategen von Manchester City aus, der als Kopf dieser Gewinner-Mannschaft fungierte. Doch nicht nur der Australier war entscheidend.
"Wagner brachte deutsche Spieler ohne Championship-Erfahrung in die Mannschaft und offensichtlich wusste er, dass sie in dieser Liga mithalten können und sie waren zudem viel billiger als mögliche englische oder schottische Neuverpflichtungen“, analysiert Milner.
Besonders die Verpflichtungen von Schindler, der für die damalige vereinsinterne Rekordsumme von 2,2 Millionen Euro nach Huddersfield wechselte, und von Hefele, der von Dynamo Dresden kam, sorgten für frischen Wind.
"Was ich bisher von ihm gesehen habe? Er ist ein sehr abgeklärter und intelligenter Verteidiger mit Nerven aus Stahl. Obwohl er mit 2,2 Millionen Euro der Rekordtransfer war, ist er in einer Liga, die 240 Millionen Euro in neue Spieler investierte, ein wahres Schnäppchen gewesen“, schwärmte er vom ehemaligen Löwen-Kapitän.
Auch Hefele schloss der Goal-Experte in sein Herz: "Er war eine der wichtigsten Verpflichtung. Mit seiner Einstellung wurde er zu einem Kult-Helden der Mannschaft und dass, obwohl er nicht von Beginn an in der ersten Mannschaft stand. Die Fans lieben ihn, da er mit viel Herz spielt.“
Getty ImagesSchlechte Tordifferenz als großes Problem
Doch all dem Märchenhaften zum Trotz geht es nun in der Premier League gegen Mannschaften wie Manchester United, Chelsea oder Liverpool. Das Team aus Huddersfield wirkte in der vergangenen Saison eingespielt, hatte aber auch häufig mit Problemen zu kämpfen.
Dies zeigt vor allem die negative Tordifferenz in der abgelaufenen Spielzeit. Die Siege wurden meist mit einem Tor entschieden, doch bei Niederlagen kassierte die Mannschaft häufig zu viele Gegentore. Dies könnte in der wohl härtesten Liga der Welt zu Schwierigkeiten führen.
Möglicherweise könnte auch die mangelnde Erfahrung zum großen Stolperstein in der Beletage Englands werden, denn die höchste Liga erreichten die Terrier bis jetzt noch nie. Dies könnte aber auch eine Chance sein, zeigte doch Leicester City eindrucksvoll, wie man in der Millionen-Liga überraschen kann.
Vom Meistertitel wird jedoch in Huddersfield nie jemand sprechen. Man weiß, dass man nur mit harter Arbeit und im Kollektiv eine Chance haben wird, um gegen die Spitzenklubs zu bestehen. Dabei setzt Wagner mit seiner Mannschaft auf die bewährten Kräfte, wenngleich tief in die Schatulle gegriffen wurde, um das Premier-League-Abenteuer anzugehen.
Über 40 Millionen Euro für Neue
Mooy wurde nun für die neue Rekordsumme von 9,1 Millionen Euro fest verpflichtet. Dazu kamen noch Spieler wie Derby Countys Tom Ince, ebenfalls 9,1 Millionen Euro Ablöse verschlingend, und Torhüter Jonas Lössl von Mainz 05.
Als Königstransfer kann Steve Mounie angesehen werden. Der 22-jährige Mittelstürmer kommt von Montpellier und kostet stolze 13 Millionen Euro. Er ist schnell und trotz seiner Größe technisch versiert. In der vergangenen Saison kam er auf 14 Tore. Komplettiert werden die regen Transferaktivitäten durch die Transfers von Scott Malone, der von Fulham kommt, Innenverteidiger Zanka, den man aus Kopenhagen verpflichtet hat, Ex-Hoffenheimer Danny Williams und Kasey Palmer, der leihweise von Meister Chelsea kommt.
Ein bunter Haufen, der neu in Huddersfield ist. Doch Wagner bewies mit seinen Transfers in der Championship bereits, dass er gerne auf Überraschungen setzt. Für ihn zählt nicht nur die Erfahrung seiner Spieler: "Erfahrung ist wichtig, aber wenn du Leidenschaft und den unbändigen Willen hast, dann kannst du es schaffen und darauf bin ich stolz."
"Es ist ganz einfach, einen Ball aus elf Metern ins Tor zu jagen", sagte der HTFC-Coach zu seinen Spielern vor dem Elfmeterschießen. Dies nahm sich Schindler zu Herzen, bewies Nerven aus Stahl, vollendete mit seinem verwandelten Elfmeter das bisherige Märchen von Huddersfield und erfüllte sich und seinem Team den 230-Millionen-Traum von der Premier League, der nun weitergeht.
Denn, und da sind sich alle sicher, für eine Überraschung sorgen kann man auch iim Oberhaus. Ganz in Sepp-Herberger-Manier lautet das Credo dieser Tage also: Nach dem Märchen ist vor dem Märchen.



