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Galatasaray: Der lahmende Löwe


HINTERGRUND

Er ist der König der Tiere, der geborene Jäger, eines der stolzesten und erhabensten Wesen auf der Welt: Der Löwe. Unweigerlich verbindet man ihn mit Kraft, Ehre und Ruhm. Nicht umsonst zählt die berüchtigte Raubkatze in der Heraldik, der Wappenkunde, zu den beliebtesten Symbolen, ziert Stadtwappen, ist bei etlichen Sportvereinen im Logo verankert. Die Warnung dahinter an etwaige Kontrahenten: "Passt auf! Wir verfügen über den nötigen Mut und die Courage, es mit jedem aufnehmen zu können."

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So auch bei Galatasaray aus dem Istanbuler Stadtteil Beyoglu, eben jenem Traditionsverein, der seit Gründung der Süper Lig im Jahre 1959 20 türkische Meisterschaften, 17 nationale Pokalsiege und einmal den Gewinn des UEFA-Cups feiern durfte – und damit der erfolgreichste Klub des Landes ist. Die Spieler und Fans von Galatasaray werden Aslanlar, die Löwen, genannt. Löwen, die mittlerweile in die Jahre gekommen sind, Löwen, die in letzter Zeit diverse Rückschläge verkraften mussten und Gefahr laufen, langsam aber sicher zu erlahmen.

Wann genau der Sinkflug der Gelb-Roten begann, ist schwer zu sagen. Vielmehr scheint es sich beim sportlichen sowie finanziellen Niedergang Galas um einen schleichenden Prozess zu handeln, der sich weiterhin konstant und womöglich irreversibel durch die Struktur des Vereins frisst. Noch vor vier Jahren sah alles danach aus, als könnten die Istanbuler wieder mithalten im Konzert der Elite. Im Achtelfinale der Champions League stach die Mannschaft, die damals von Fatih Terim trainiert wurde, Schalke 04 aus und scheiterte erst in der Runde der letzten Acht am spanischen Schwergewicht Real Madrid.

"Zurück in den Sphären der Großen"

Terim beschwor nach dem leidenschaftlichen Auftritt seines Teams, dass Galatasaray "zurück in den Sphären der Großen" angekommen sei. Auch Jose Mourinho, zu diesem Zeitpunkt in Diensten der Königlichen, attestierte seinem Kollegen "eine großartige Mannschaft." Mit Spielern wie Burak Yilmaz, Wesley Sneijder und allen voran Didier Drogba war Gala zu diesem Zeitpunkt tatsächlich namhaft, gar luxuriös besetzt.

Viel ist von der damaligen Aufbruchstimmung nicht geblieben, Drogba und Yilmaz haben sich längst aus der Bosporus-Metropole verabschiedet. Ersterer lässt seine ruhmreiche Karriere mittlerweile beim us-amerikanischen Zweitligisten Phoenix Rising ausklingen, Burak wechselte im Februar vergangenen Jahres nach China, zu Beijing Sinobo. Seit besagtem unglücklichen Aus in Europas Königsklasse wurden mit Roberto Mancini, Cesare Prandelli, Hamza Hamzaoglu, Mustafa Denizli und Jan Olde Riekerink gleich fünf Trainer verschlissen, derzeit steht der Kroate Igor Tudor an der Seitenlinie.

Galatasaray Selcuk Inan Nigel de Jong Sneijder 2272017AAOldie-Trio: Selcuk Inan, Nigel de Jong und Wesley Sneijder (v.l.n.r.)

Doch der Ex-Profi sitzt ebenfalls nicht sonderlich fest im Sattel. Anfang Mai verriet Tudor, dass vier Spieler, namentlich Bruma, Sneijder, Nigel de Jong und Aurelien Chedjou, zur Revolte gegen den Coach aufgerufen hätten. Im Gespräch mit der Hürriyet sagte der 39-Jährige: "Diese vier Spieler haben sich gegen mich verschworen und putschen sich gegenseitig auf. Sie gehen sogar noch weiter und versuchen die anderen Spieler zu beeinflussen." Und weiter: "Das Problem von Galatasaray ist bestimmt nicht der Trainer. Diese Spieler schaden dem Verein und mit Spielern, die diese Mentalität innehaben, ist es schwer weiter zu arbeiten." Demnach habe Tudor bei der Klubführung bereits seinen Rücktritt angeboten, der allerdings von Präsident Dursun Özbek abgelehnt wurde.

Zumindest mit Bruma muss sich Tudor – sofern er denn auch in der nächsten Saison Galatasaray-Trainer ist – wohl nicht mehr herumärgern. Der Portugiese, der mit elf Treffern sowie acht Torvorlagen in dieser Saison zu Galas Top-Scorer avancierte, wird dem Vernehmen nach für einen zweistelligen Millionenbetrag zum deutschen Vizemeister RB Leipzig wechseln. Bleiben noch die Querulanten De Jong (32), Sneijder (32) und Chedjou (31), die das Problem der Aslanlar nicht nur aufgrund ihrer Auflehnung gegen den Übungsleiter offenbaren, sind sie doch bei weitem nicht die Einzigen, die sich im Spätherbst ihrer Karriere befinden.

Kaum Talente rücken nach

Auch Kapitän Selcuk Inan und Innenverteidiger Hakan Balta haben die 30er-Grenze längst überschritten. Kein Problem eigentlich, wenn vielversprechende Nachwuchskicker bereits in den Startlöchern stünden, um die Alten zu beerben. Nur ist das bei Galatasaray nicht der Fall. Die einst so herausragende Jugendarbeit ist längst mich mehr das Maß aller Dinge, nur viel zu selten schafft ein Eigengewächs den Sprung in den Kader der Profis, weil aufgrund von Misswirtschaft vergangener Zeiten schlicht die finanziellen Mittel fehlen, um ausreichend in den Nachwuchs zu investieren. Rohdiamanten wie Mustafa Kapi, der im Oktober letzten Jahres im Alter von nur 14 Jahren bei einem Testspiel sein Debüt in der ersten Mannschaft geben durfte, sind eher Ausnahme denn Regel. Zu lange vertraute man bei Galatasaray auf die großen Namen, die gestandenen, im Idealfall weltbekannten Spieler.

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Diese Entwicklung bestätigt auch Anil Can Sedef, Gala-Experte von Goal Türkiye: "Der Klub taucht fast täglich in den Gerüchte-Spalten der Zeitungen auf, wird mit Spielern, die 29 Jahre oder älter sind, in Verbindung gebracht. Cenk Ergün, mittlerweile Sportdirektor, hat ein Faible für erfahrene Spieler und lässt sich von dessen Beratern nur allzu häufig für ein Engagement breitschlagen."

Ein weiteres Beispiel für die Transferpolitik der Cim Bom ist Lukas Podolski, der vor zwei Jahren vom FC Arsenal nach Istanbul gelotst wurde und seitdem in 74 Pflichtspielen immerhin 34 Tore beisteuerte. Dass der Weltmeister am Ende dieser Spielzeit allerdings – ob seines gehobenen Alters – bereits wieder das Weite sucht, um beim japanischen Klub Vissel Kobe das Ende seiner Laufbahn einzuläuten, veranschaulicht dennoch, dass die Gala-Verantwortlichen häufig nur auf kurzfristige Verstärkungen setzen, die mit einem gewissen Standing aufwarten.

Kurzfristige Lösungen statt Langzeit-Strategie

Sedef ergänzt: "Aktuell steht hinter Galatasaray ein großes Fragezeichen. Kaum jemand weiß, welche Spieler auch in der kommenden Saison für den Verein spielen. Wir wissen derzeit nur, dass geplant ist, weiterhin in erfahrene Profis zu investieren. Aber genau das ist der Punkt: Diese Vorgehensweise hat den Klub dahin gebracht, wo er jetzt ist. Wie sollen sich die Dinge also zum Positiven wenden?"

Findet bei Vereinsführung und Trainerstab kein Umdenken statt, behält man die Philosophie bei, die auf schnelle Lösungen statt auf Zukunftsorientierung setzt, könnte Gala irgendwann gänzlich in der Versenkung verschwinden. Immerhin: Nach der abgelaufenen UEFA-Sperre, die die Istanbuler in der abgelaufenen Spielzeit von jedwedem europäischen Wettbewerb ausschloss, dürfen die Aslanlar in der nächsten Saison wieder auf internationalem Parkett antreten. Ob der derzeit lahmende Löwe seinen Jagdinstinkt, seinen majestätischen Habitus dann zurückerlangt, steht allerdings in den Sternen.

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