Es war ein symbolträchtiger Tag, jener 17. Juli letzten Jahres. Die Sonne lachte vom Himmel als Feyenoord Rotterdam zur Saisoneröffnung einlud. Die Stars des holländischen Traditionsklubs gaben sich nahbar, kickten mit kleinen Kindern vor den Toren des Stadions, schrieben fleißig Autogramme und posierten fröhlich lächelnd für Selfies mit den begeisternden Anhängern. Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Vorstellung der Sommertransfers.
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Auf einem verlassenen Feld weit außerhalb der Hafenstadt stiegen die Neuverpflichtungen in einen Helikopter, unternahmen einen Rundflug über die historische Altstadt und landeten am Ende auf dem Rasen im Stadion De Kuip, wo sie von 45.000 Fans frenetisch in Empfang genommen wurden.
Mit dabei: Nicolai Jörgensen. "Ich war unglaublich nervös und habe am ganzen Körper gezittert", gab der Däne danach zu. Ob es am Helikopterflug oder an seiner Vorstellung lag - das blieb sein Geheimnis. Jener Tag, er sollte ihm ohnehin im Gedächtnis bleiben, bildete er doch den Startschuss zur besten Saison seiner Karriere. Dabei schien genau diese vor einigen Jahren einen entscheidenden Knick bekommen zu haben.
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Doch von vorn. Vor sechs Jahren, im Sommer 2010, verpflichtete Bayer Leverkusen den damals 19-jährigen Flügelstürmer aus der zweiten dänischen Liga. Gleich bei seinem ersten Auftritt im Trikot der Werkself wusste er mit vier Treffern zu überzeugen. "Nicolai hat sein Talent eindrucksvoll unter Beweis gestellt", gab sich Trainer Jupp Heynkes vom Jungspund beeindruckt.
Die Bundesliga war ein Schritt zu groß
Rückblickend sollten es seine einzigen Tore für Leverkusen bleiben. Den großen Erwartungen, welche er mit seinem starken ersten Auftritt erzeugte, konnte er in den 18 Auftritten seiner Premierensaison nie gerecht werden. "Es war schon ein sehr großer Schritt für mich, in die Bundesliga zu wechseln", musste er sich am Ende seines ersten Jahres in Deutschland eingestehen.
Dass der Sprung aus der zweiten Liga Dänemarks zu einem Top-Klub der Bundesliga zu groß war zeichnete sich auch im zweiten Jahr im Niederrhein ab. Die Konkurrenz war in Person von Derdiyok, Helmes, Kießling, Sam, Barnetta und Augusto ohnehin schon gewaltig, dazu gesellte sich mit Andre Schürrle nun noch eines der größten Talente des Landes. Mit dem linken Flügel und dem Sturmzentrum waren nun die Positionen, auf denen der Youngster spielen konnte, nun mindestens doppelt besetzt. Die bittere Konsequenz war nur ein einziger Bundesliga-Einsatz in der Hinrunde. Die Entwicklung des 1,90-Meter-Hünen drohte ins Stocken zu geraten, sollte er nicht bald regelmäßige Einsatzzeit erhalten. Im Sommer stand schließlich die EM in Polen und der Ukraine an.
Mit dem 1. FC Kaiserslautern meldete sich in der Winterpause einer der heißesten Abstiegskandidaten. Die Roten Teufel wollten den damals 20-Jährigen für 18 Monate ausleihen. Abstiegskampf statt latenten Meisterambitionen also. Immerhin eine Möglichkeit, den sich abzeichnenden Karriereknick rechtzeitig auszubügeln. "Wegen der Europameisterschafts-Ambitionen mit der dänischen Nationalmannschaft und zu seiner weiteren Entwicklung wollen wir Nicolai Spielpraxis verschaffen", begründete Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser das Leihgeschäft.
Doch auch die Leihe auf den Betzenberg sollte sich als Missverständnis herausstellen. Nur fünf Spiele bestritt der Däne für Lautern. Aufgrund einer Schambeinentzündung war die Saison für ihn schon Mitte März gelaufen. Die Roten Teufel stiegen am Ende sang- und klanglos als abgeschlagener Tabellenletzter in die zweite Liga ab. Das Leihgeschäft wurde schließlich im Sommer aufgelöst, die EM musste Jörgensen vor dem Fernseher verfolgen. Womöglich reifte an einem dieser Abende die Gewissheit, dass es wohl besser wäre, das Abenteuer Deutschland abzubrechen. Der Neuanfang sollte her - und er tat es.
Neuanfang in der Heimat
Wenige Tage später wählte er im Juli 2012 ihn, den neuen Weg. Den neuen Weg auf alten Pfaden, zurück in die Heimat. Der FC Kopenhagen, dänischer Top-Klub mit europäischen Ambitionen, zeigte Interesse an einem Leihgeschäft des mittlerweile 21-Jährigen. Leverkusen zögerte nicht lange und ließ Jörgensen zurück in die Heimat ziehen. Und es kam, wie es so oft im Fußballgeschäft zu beobachten ist. Es war die richtige Entscheidung für alle Parteien. Der Flügelstürmer startete in der dänischen Hauptstadt sofort durch.
Es dauerte nur zwei Monate, bis Kopenhagen die Kaufoption zog und den Angreifer für eine Ablöse von zwei Millionen Euro fest verpflichtete. Am Ende seiner ersten Saison standen insgesamt elf Treffer zu Buche. Vor allem die Versetzung ins Sturmzentrum spielte ihm dabei in die Karten. In den Folgejahren konnte Jörgensen seine starken Leistungen bestätigen und sich auch auf internationalem Parkett zeigen. Während seiner Zeit in Kopenhagen wurde er schließlich zweimal Meister und zweimal Pokalsieger. Endlich war er auf dem richtigen Weg.
Im Sommer 2016 wollte er es erneut wagen, als gereifter Profi, nach vier Jahren in der Heimat. Das Ausland, andere Ligen und Kulturen kennen lernen. Dieses Mal klopfte Feyenoord Rotterdam beim 25-Jährigen an. Dreieinhalb Millionen Euro ließ sich der Klub aus der Hafenstadt die Dienste des Angreifers kosten. Nach seiner bilderbuchhaften Vorstellung beim vierzehnmaligen holländischen Meister spielte er sich mit überragenden Leistungen in kürzester Zeit in die Herzen der Fans.
Auf den Fersen der Weltstars
Es ist nicht nur die Torgefahr, welche die Anhänger an ihrem neuen Star schätzen. Auch seine Uneigennützigkeit ist für einen Stürmer absolut beeindruckend. Wettbewerbsübergreifend konnte er in der laufenden Spielzeit bereits 16 Treffer für seine Kollegen vorbereiten. Gepaart mit 23 Treffern ist er hinter den beiden Barca-Megastars Lionel Messi und Luis Suarez sogar der drittbeste Scorer der Welt.
Eine Entwicklung, welche ihm vor der Saison kaum jemand zugetraut hat. "Viele Leute kannten ihn vor seinem Wechsel zu Feyenoord gar nicht, deshalb war es etwas überraschend, dass er so einschlägt", zeigte sich Martijn Slot von Goal Niederlande im November beeindruckt. Es sind seine Treffer, welche Tabellenführer Feyenoord als offensivstärkstes Team der Liga vom ersten Titel seit 1999 träumen lassen.
Erst kürzlich erinnerte er sich zurück an jenen 17. Juli letzten Jahres. Auf Facebook postete Jörgensen ein Bild von sich und dem Helikopter. Es war der Tag, an dem er begann abzuheben. Der Startschuss, für die beste Saison seiner Karriere. Ein symbolträchtiger Tag eben.


