Dieses Nations-League-Duell mit Griechenland war gleich in mehrfacher Hinsicht ein historisches für das DFB-Team. Es war das erste Heimspiel von Bundestrainer Jürgen Klopp und es war das erste Heimspiel mit Stehplätzen seit 28 Jahren. Weil es mit der ersten Niederlage gegen Griechenland endete, schlugen der Mannschaft beim anschließenden Gang vor eben jenen neuen Stehplatzbereich neben aufmunterndem Applaus tatsächlich auch Pfiffe entgegen.
So schnell kann es gehen. Gerade eben noch herrschte dank Klopps Amtsübernahme hierzulande flächendeckend eine so große Euphorie und Zuversicht auf eine erfolgreiche Zukunft der Nationalmannschaft wie lange nicht mehr. Ein glückliches Remis in den Niederlanden und eine Heimpleite gegen Griechenland reichten für erste Unmutsbekundungen der deutschen Fans.
"Das ist in Ordnung, aber nicht nötig", befand Klopp bei der Pressekonferenz nach dem Spiel und forderte: "Wer pfeifen will, soll mich auspfeifen." Diese Aussage machte er zur Kernbotschaft seiner Stellungnahme und wiederholte sie in verschiedenen Ausführungen. "Wenn jemand kritisch sein will, macht das mit mir und lasst die Jungs in Ruhe."
Jürgen Klopps Taktik ist genauso offensichtlich wie schlüssig
Etwas verwunderlich sind diese Aussagen mit Blick auf die Drohungen bei seiner Vorstellungs-Pressekonferenz im Juli, als Klopp verkündete: "Wenn ihr morgen sagt, der ist scheiße, bin ich weg." Tatsächlich nahm er auf seine damaligem Worte auch bei der jetzigen Pressekonferenz Bezug. Obwohl die Interpretation eigentlich ziemliche eindeutig ist, würde da laut Klopp ein "Missverständnis" vorliegen - sei alles gar nicht so gemeint gewesen.
Klopps aktuelle Kommunikations-Taktik ist derweil genauso offensichtlich wie schlüssig. Sein eigenes Renommee und das hierzulande herrschende grundsätzliche Vertrauen in seine Fähigkeiten ist weiterhin derart groß, dass er persönlich - trotz der nun plötzlich offensiv formulierten Kritikempfänglichkeit - zum jetzigen Zeitpunkt mit kaum Gegenwind rechnen muss. Ganz anders sieht es bei den von ihn vehement geschützten Spielern aus. Vor allem denen, die bei den Enttäuschungen der jüngeren Vergangenheit mitgewirkt haben.
Klopp ist aktuell größer als die Nationalmannschaft. Das merkte man in Augsburg schon daran, dass bei der Aufstellungs-Verkündung sein Name lauter gebrüllt wurde als die Namen aller Spieler. Diesem Vertrauensvorschuss will er nach den ersten sportlichen Enttäuschungen verständlicherweise nutzen und damit jegliche potentiell weiter verunsichernde Kritik an seinen Spielern verhindern.
Also dann, Kritik an Klopp? Für die bisher enttäuschenden Ergebnisse und Leistungen und den schlechtesten Start aller Bundestrainer sollte man ihn keineswegs kritisieren. Niemand durfte erwarten, dass Klopp dieser seit Jahren verlässlich enttäuschenden Nationalmannschaft ohne Anlaufzeit schönen und erfolgreichen Fußball vermittelt. Gegen die Niederlande spielte das DFB-Team immerhin eine gute Halbzeit und zeigte insgesamt eine neue Mentalität, der rundum schlechte Auftritt gegen Griechenland war dann ein klarer Rückschritt.
IMAGODFB-Team: War Klopps Zwei-Kader-Ansatz eine gute Idee?
Zumindest hinterfragen darf man Stand jetzt aber, ob der sehr mutige und auch viel gelobte Zwei-Kader-Ansatz wirklich eine gute Idee war. Es ist völlig nachvollziehbar, dass Klopp so viele Spieler wie möglich persönlich kennenlernen möchte. Womöglich wäre es aber klüger gewesen, zumindest einen Grundstamm an potentiellen Stammspielern der Zukunft für die komplette Länderspielphase zu nominieren und beispielsweise lediglich die hintere Kaderhälfte auszutauschen.
Es wirkt jedenfalls etwas befremdlich, dass jetzt (der gegen Griechenland unglücklich agierende) Kapitän Joshua Kimmich die Mannschaft verlassen muss. Selbiges gilt für den designierten Stammkeeper Marc-Andre ter Stegen oder Abwehrchef Jonathan Tah. Derartige Schlüsselspieler sollten für Kontinuität stehen und gerade in komplizierten Phasen als Anker dienen. Kimmich selbst empfindet das wohl ähnlich. In Augsburg betonte er, dass er lieber bei der Mannschaft bleiben würde.
Ganz abgesehen von diesem emotionalen Faktor gibt es aber auch noch einen rationalen. Klopp implementiert in der Nationalmannschaft gerade eine neue Philosophie (Überfallfußball) und eine neue Formation (4-3-3). Ungeachtet aller personeller Experimente hätte Klopp diese ungewohnt lange Länderspielphase nutzen können, um seinen potentiellen Stammspielern die maximale Adaptionszeit zu geben. Die beiden ersten Spiele haben deutlich gezeigt wie weit der Weg zu einem funktionierenden System noch ist. Womöglich hat Klopp hier eine große Chance verpasst.
Bei seinen so erfolgreichen Klub-Stationen konnte er seine Strategie monatelang im täglichen Training lehren. In der Nationalmannschaft herrschen grundlegend andere Voraussetzungen. Trainingseinheiten und Spiele sind äußerst rar. In den zwölf Monaten nach diesem Länderspielblock stehen lediglich sechs weitere Partien an, dann steigt bereits ein Dreivierteljahr später die EM. Jetzt kommt aber zunächst ein völlig neues Aufgebot erstmals mit Klopps Ideen in Kontakt - und steht bei den unangenehmen Partien gegen Serbien und in Griechenland schon durchaus unter Druck.



