HINTERGRUND
Dieses Gerücht um Trainer Carlo Ancelotti, das Mario Basler während einer von Kameras begleiteten Stammtischrunde in die Welt plauderte, wollte der FC Bayern am Montagmorgen auf Anfrage gar nicht kommentieren. Einerseits ist es eben doch reichlich absurd, dass der bis 2019 an die Münchner gebundene Fußballlehrer einen ab Winter gültigen Vorvertrag in China unterschrieben haben soll. Andererseits hat man an der Säbener Straße gerade schlicht ganz andere, viel größere Baustellen zu schließen.
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"Wir wollen wieder dominant sein - und deutlich torgefährlicher werden. Das ist die ganz große Baustelle", hatte Mats Hummels am Samstagabend in der Rhein-Neckar-Arena aus spielerischem Blickwinkel gesagt. Und aufs jüngste Spiel der Bayern traf das auch zu. Die tatsächlichen Probleme des Vereins liegen aktuell aber nicht nur auf dem Spielfeld. Sie sind weitreichender.
Thomas Müller etwa äußerte bereits nach der Partie in Bremen öffentlich seinen Unmut. In Sinsheim spielte er dann wieder von Beginn an, aber nicht gut. Bayern verlor mit 0:2, so früh in der Saison wie seit sechs Jahren nicht mehr. Ancelotti musste sich daraufhin berechtigte Kritik an seiner Aufstellung gefallen lassen, während es Sportdirektor Hasan Salihamidzic nicht für nötig befand, mit den anwesenden Print- und Online-Journalisten zu sprechen. Am deutlichsten offengelegt wurden die aktuellen Probleme allerdings durch die aufsehenerregenden Interviews von Robert Lewandowski und Karl-Heinz Rummenigge.
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Brisant ist dabei schon alleine, dass interne Probleme derzeit ungewöhnlich häufig in der Öffentlichkeit ausgetragen werden. Das sieht Rummenigge genauso, allerdings sah er sich trotzdem gezwungen, Lewandowski in aller Deutlichkeit zu kontern und dabei ebenfalls den öffentlichen Weg einzuschlagen.
Verschiedene Interpretationen der Lewandowski-Aussagen
Grundsätzlich stellt sich ja erst einmal die Frage nach dem Motiv für Lewandowskis Aussagen. Die einen sagen, er sorge sich um die internationale Konkurrenzfähigkeit der Bayern und wolle wie Philipp Lahm im Jahr 2009 einige Dinge anstoßen, andere meinen, der Pole bereite schon mal seinen Wechsel vor. Zentraler Gegenstand der Lewandowski-Kritik ist die Transferpolitik seines Vereins. Die Münchner wollen den Wahnsinn, der in diesem Sommer eine neue Dimension erreicht hat, nicht mitmachen. 100-Millionen-Euro-Transfers kommen laut Präsident Uli Hoeneß für die Bayern nicht in Frage, von 222 oder 180 Millionen Euro ganz zu schweigen.
"Bis heute hat Bayern München nie mehr als rund 40 Millionen an Ablösesummen für einen Spieler bezahlt. Im internationalen Fußball ist das schon längst eine Summe, die eher Durchschnitt als Spitzenwert ist", sagte Lewandowski im Spiegel. Da er zudem anmerkte, dass man "in den vergangenen Jahren nicht so mit dem Markt gewachsen ist wie Real Madrid oder Manchester United" und der Abstand zu den Höchstbeträgen nun "eben wirklich riesig" sei, kritisierte er indirekt nicht nur seine nach eigener Auffassung offenbar teilweise nur durchschnittlichen Mannschaftskollegen, sondern auch das Handeln der Vereinsführung. Noch deutlicher wird das an der Stelle, als Lewandowski erklärt, Bayern müsse "sich etwas einfallen lassen und kreativ sein, wenn der Verein weiter Weltklassespieler nach München lotsen will" und anfügt: "Wenn man ganz vorn mitspielen will, braucht man die Qualität dieser Spieler. Auch, weil solche Stars ihre Mitspieler besser machen".
Lahm hatte 2009 im bedeutungsvollen Interview mit der Süddeutschen Zeitung gefordert, eine klare Spielphilosophie zu implementieren und die Transferpolitik daran anzupassen. Lewandowski erwartet nun schlicht mehr Stars bei den Bayern, mehr Qualität. Und deutet zwischen den Zeilen vorsichtig an, was passieren könnte, wenn die Münchner die riesige Lücke zu Real Madrid nicht alsbald schließen. "Man sollte aufhören, den Profifußball mit solchen Emotionen zu überlagern. Loyalität ist zwar ein schönes Wort, eine wunderbar romantische Vorstellung und im Privatleben auch ein wichtiger Wert. Im Spitzensport zählen aber andere Parameter: Erfolg und Geld. Und diese beiden Komponenten entscheiden über einen Transfer, nichts anderes", sagte er. Zudem hätten sich die Machtverhältnisse im Fußball in den vergangenen Jahren "extrem verschoben, und zwar zugunsten der Spieler. Wenn ein Spieler wirklich wechseln will, dann kann er das in der Regel auch durchsetzen". Könnte auch bedeuten: Sind wir nicht ganz schnell wieder einer der großen Favoriten auf den Gewinn der "besonders reizvollen" Champions League, sehe ich mich mal nach Alternativen um.
Rummenigge kontert und droht
Dass eine solche Interpretation nicht an den Haaren herbeigezogen ist, zeigt die Tatsache, dass Rummenigge im Zuge seiner Antwort in der Bild-Zeitung von Lewandowskis "vermeintlichem Traumverein Real Madrid" spricht. Im Kern aber kontert er Lewandowski Kritik sowie den versteckten Hinweis, den Verein bei unzureichender Entwicklung auch verlassen zu können, mit einer ganz deutlichen Drohung. "Salihamidzic hat ein Gespräch mit ihm geführt. Wer öffentlich den Trainer, den Verein oder die Mitspieler kritisiert, kriegt ab sofort Stress mit mir persönlich." Er wisse schon, "wie man Spieler zur Räson bringt". Wer zwischen den Zeilen liest, erkennt hier womöglich eine weitere Problematik, nämlich: dass es Salihamidzic nicht weiß.
Es würde auch zu den jüngsten Aussagen des neuen Sportdirektors passen. "Grundsätzlich ist es gut, dass sich Robert Gedanken um die Mannschaft macht. Das zeigt, dass er sich mit dem FC Bayern identifiziert", hatte Brazzo zur Thematik beigetragen. Dabei hat Lewandowski seine Einstellung zu seinem Job doch mehr als deutlich gemacht. "Die Macht der Spieler", meinte indes Rummenigge, "sehe ich nicht so groß, wie Robert mit einem Blick in seinen Vertrag auch feststellen kann. Er hat bis 2021 ohne Ausstiegsklausel unterschrieben."
Er "bedauere" Lewandowski Anmerkungen, erklärte der 61-Jährige weiter. Lewandowski habe sich "offenbar von den Paris-Transfers irritieren lassen" und schon "in der Rückrunde nach dem Freiburg-Spiel unzutreffende Vorwürfe gegen die Mitspieler erhoben, dass er nicht genügend unterstützt worden wäre." Maik Barthel, einer der beiden Berater des 29-Jährigen, sei "oft der Spiritus Rector. Das war auch hier wieder der Fall. Das Interview ist bewusst am FC Bayern vorbei organisiert worden. Er schadet damit Robert", kritisierte Rummenigge. Barthel selbst war am Montag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Hoeneß als Schlichter
Ebenfalls kritisch sieht der Klubboss Müllers Aussage, der sich über mangelnde Wertschätzung von Ancelotti beklagt hatte. Er sei zwar ein Freund der Meinungsfreiheit, sagte Rummenigge, "aber bei uns wird derzeit zu schlau dahergeredet. Es darf nicht vereinsschädigend sein". Demnach sei das "nicht okay" gewesen.
Etwas skurril ist es da schon, dass Hoeneß eine dritte Meinung präsentierte und dass ausgerechnet er es ist, der in dem ganzen Theater gewissermaßen als Schlichter auftritt. Ihm zufolge sei Lewandowskis Interview "nicht so schlimm" und auch ansonsten "alles im Rahmen" gewesen. "Ich finde es immer gut, wenn sich ein Spieler Gedanken und Sorgen um seinen Verein macht, das spricht für ihn", erklärte er. Was ihm jedoch nicht gefalle sei, "dass man bei uns jedes Wort auf die Goldwaage legt, auch intern. Wir müssen da wieder lockerer sein".
Ob er damit auch Rummenigge gemeint hat, ist nicht übermittelt. Geschlossenheit demonstrieren die führenden Köpfe des FC Bayern mit ihren teilweise verblüffend konträren Aussagen jedenfalls nicht, und das nicht zum ersten Mal. Nun müssen die Beiden freilich nicht immer einer Meinung sein, dass sie es in diesem speziellen und durchaus sensiblen Fall aber nicht sind, ist gefährlich. Es ist ein eigentlich interner Machtkampf, der da gerade in der Öffentlichkeit ausgetragen wird. Lewandowski stellt klare Forderungen und demonstriert allein schon deshalb seinen Stellenwert und damit auch seine Macht. Rummenigge will noch mehr Macht bei sich wissen und das auch öffentlich kundtun. Hoeneß ist ohnehin ein Machtmensch, der es sich bei solch einem Thema auch nicht nehmen lässt, seine Sicht der Dinge zu äußern.
Es wird spannend zu beobachten sein, ob und, wenn ja, inwieweit die großen Baustellen die bisher stark ausbaufähigen sportlichen Leistungen beeinflussen. Auch wenn die Tabelle derzeit noch wenig Aussagekraft hat, in der Bundesliga stehen die Münchner auf Platz sechs. Und am Dienstag startet man mit dem Heimspiel gegen den RSC Anderlecht in die Champions League (20.45 Uhr im LIVE-TICKER), Ende des Monats kommt es dann in Paris zum Duell mit dem französischen Großinvestor. Ein wirres Transfergerücht, das Trainer Ancelotti am Montagnachmittag als Witz bezeichnete, ist aktuell wahrlich die kleinste Sorge des FC Bayern.



