FC Bayern München: Der Heynckes-Plan

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Jupp Heynckes hat einen klaren Plan: Bei seiner Vorstellung und im ersten Training präsentiert er sich tatkräftig – und deutet große Probleme an.

HINTERGRUND

Am Ende gab auch Cando seinen Segen. Cando ist ein Schäferhund, genauer: ein Schäferhund mit schwarzbraunem Fell im Alter von zwölf Jahren und vier Monaten, der Schäferhund von Jupp Heynckes. Und als alles geklärt war mit Frau Iris und Tochter Kerstin, da kam dieser Schäferhund zu seinem großen Auftritt. Zweimal habe Cando gebellt, berichtete Heynckes, "dann war das Ding in trockenen Tüchern." Dann war Jupp Heynckes wieder Trainer des FC Bayern München.

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Vor ein paar Tagen war das auf seinem Bauernhof in Schwalmtal bei Mönchengladbach. Da hat Cando besiegelt, was der Protagonist selbst eigentlich für ausgeschlossen gehalten hatte. Eigentlich hätte der Entschluss ja bereits festgestanden, erklärte Heynckes auf seiner Präsentation am Montagmittag. Eigentlich sei klar gewesen, dass sein Karriereende endgültig ist. Deswegen habe er in den Jahren zuvor auch Angebote europäischer Topklubs ausgeschlagen. Und deswegen sei seine befristete Rückkehr auch kein Comeback, sondern viel mehr ein Freundschaftsdienst aus alter Verbundenheit. "Man sollte im Leben nie vergessen, wer entscheidend war, dass man solch eine Karriere hatte. Und der FC Bayern war das Sprungbrett für meine internationale Karriere", sagte Heynckes.

Er begann seine erste Pressekonferenz mit einem langen Monolog. Zehn Minuten und 35 Sekunden erklärte er, was er glaubte, erklären zu müssen. Er sprach über die Gründe, warum er es noch einmal macht. Über seine sehr gute Freundschaft zu Uli Hoeneß, über sein gutes Verhältnis zu Karl-Heinz Rummenigge und natürlich darüber, wie er diese "schwierige Situation" eigentlich meistern will.

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Heynckes wirkte dabei keinen Tag älter als bei seinem letzten öffentlichen Auftritt, und es war ihm auch wichtig, entsprechend rüberzukommen. Er habe volles Verständnis, dass es auch Kritiker und Skeptiker gibt, Leute, die sagen: Der Mann ist 72 Jahre alt, der war viereinhalb Jahre raus aus dem Geschäft. "Der Fußball ist in dieser Zeit aber nicht neu erfunden worden", entgegnete Heynckes. Und außerdem habe er ihn ja verfolgt, nicht nur die Bundesliga mit ihren jungen Trainern, deren Handschrift in Form von strukturiertem, methodischem Fußball zu erkennen sei, auch die Großen habe er sich angeschaut, die Spiele von Real Madrid, dem FC Barcelona und von Juventus Turin habe er gesehen, Partien der englischen Premier League ebenso. "Interessante taktische Kniffe" seien ihm dabei aufgefallen.

Heynckes topfit - Ruhepuls von 60

Und mit dem Alter sei das ja auch so eine Sache. "Das Alter ist nur eine Zahl - nicht mehr. Manche sind mit 45 schon alt, manche sind mit 75 noch jung geblieben. So sehe ich das auch bei mir", sagte Heynckes. Er sei körperlich fit, auch der Geist mache noch mit. "Ich habe einen Ruhepuls von 60 und einen Blutdruck von 120 zu 70. Da muss man noch gut drauf sein", erzählte er mit einem Grinsen auf seinem beneidenswert faltenfreien Gesicht. Außerdem sei er "auch privat ein sehr aktiver Mensch, habe immer regelmäßig Sport getrieben", sagte Heynckes und berichtete von seinem kleinen Fitnessraum in seinem Haus, von seinen Spaziergängen mit Cando und davon, jeden Morgen eine halbe Stunde schwimmen zu gehen.

Zudem habe er "Aufgaben übernommen, die normalerweise meine Frau ausübt". Aufgaben, die Iris inzwischen nicht mehr ausüben kann. "Sie hat die typische Fußballerkrankheit, einen Knorpelschaden und ein so schlimmes Knie, dass sie sich kaum fortbewegen konnte. Ich wollte es eigentlich nicht sagen, aber es ist so vielleicht besser zu erklären", sagte Heynckes.

Am kommenden Montag wird Iris operiert. Sie bekommt eine neue Knieprothese, vor allem deswegen sei es "keine leichte Entscheidung" gewesen, zum FC Bayern zurückzukehren. "Meine Frau und meine Tochter haben mir aber dazu geraten und gesagt: Wir kriegen das hin", erzählte Heynckes. Und dann habe Cando eben zweimal gebellt. 

Und trotzdem, das war Heynckes schon wichtig zu betonen, sei es halt nicht sein Traum gewesen, nochmal als Trainer zurückzukehren. "Ich hatte mich ja total zurückgezogen und habe ein wahnsinnig angenehmes Leben geführt." Er sei auch niemand, "der unbedingt die Öffentlichkeit" suche. Wenigstens ein bisschen hat er seinen ersten Auftritt dann aber doch genossen. Inzwischen, gab er zu, empfinde er sogar Lust und Vorfreude auf seine alte, neue Aufgabe.

Zuversicht trotz "schwieriger Aufgabe"

Fast eine Stunde saß er neben Präsident Hoeneß, Vorstandsboss Rummenigge, Sportdirektor Hasan Salihamidzic und Klubsprecher Dieter Nickles auf dem Podium des Presseraums der Allianz Arena. Geduldig beantwortete er all die Fragen und versprühte dabei großen Tatendrang. 

Es werde schwierig, das betonte Heynckes mehrfach. Einerseits, weil sich die Mannschaft im Umbruch befinde, andererseits, weil aktuell mit Manuel Neuer und Franck Ribery wichtige Spieler ausfallen. Außerdem haben die Dortmunder ja schon fünf Punkte Vorsprung. "Und so, wie sie Fußball spielen, wird es natürlich schwierig, sie oben wegzuholen", sagte Heynckes. 

Jupp Heynckes FC Bayern München 20171009Heynckes (2.v.l.) bei seiner Präsentation mit Rummenigge, Salihamidzic und Hoeneß (v.l.n.r.)

Und dennoch sei er "trotz der schwierigen Situation zuversichtlich, dass wir in die Erfolgsspur zurückkehren werden und dass die Mannschaft, die ja die Klasse dazu hat, wieder ein anderes Gesicht zeigen wird." Das Wort "wieder", das viel über den Ist-Zustand verrät, tauchte plötzlich wieder und wieder auf in seinen Antworten. 

Er müsse "wieder eine Mannschaft formen, in der der eine für den anderen da ist, in der gegenseitiger Respekt vorhanden ist, in der das Miteinander wieder im Vordergrund steht", sagte Heynckes. Wichtig sei es "wieder eine klare Hierarchie zu installieren", "wieder Ordnung zu schaffen", die Klasse herauszukitzeln "und die Mannschaft wieder auf Vordermann" zu bringen.

"Ich schätze Ancelotti sehr"

Nach einigen Wieders sprach Heynckes dann ungefragt über seinen Vorgänger. Er hatte da wohl selbst bemerkt, dass er ihm zwischen den Zeilen nicht das beste Zeugnis ausgestellt hatte. Deswegen wollte er einfach mal etwas dazu sagen, "denn ich habe genau das gleiche in meiner Laufbahn auch schon erlebt. Für mich ist Carlo Ancelotti ein Gentleman und ein ganz großer Trainer." Und weil auch Heynckes ein Gentleman ist, erklärte er noch, dass "jeder Trainer solch eine Situation" schon mitgemacht habe. "Dass es einfach nicht passt, dass es hakt und nicht funktioniert. Aber das gilt für diese Saison. Letzte Saison ist er Deutscher Meister geworden, und das ist immer das erste Ziel des FC Bayern."

Bayern mit Heynckes: Ein Schritt in die Vergangenheit

"Alles, was ich gesagt habe, geht nicht gegen den bisherigen Trainer. Ich schätze Carlo sehr. Ich habe ihn kennengelernt auf der europäischen Trainertagung, auch in Madrid, und ich war sehr beeindruckt", sagte Heynckes also in aller Deutlichkeit.

Und dennoch wurde mehr und mehr klar, warum seine Aufgabe eigentlich so schwierig sein wird. Wenn es aber jemanden gibt, der diese Aufgabe ohne Anlaufzeit lösen kann, dann ist es jawohl Jupp Heynckes. Er, der den Klub in- und auswendig kennt, wie Rummenigge anmerkte. Er, der sich um den Rückhalt der Fans, Spieler und Verantwortlichen sicher sein kann. Er, der sich diese Aufgabe zutraut und sicher ist, "einen klaren Plan" zu haben.

(Neu-)Gestaltung der Hierarchie

"Ich weiß, wie ich die Mannschaft anpacken und wie ich mit ihr arbeiten muss", sagte Heynckes. Dabei gehe es erst einmal darum, "die Situation zu entkrampfen, zu entschleunigen und zu beruhigen". Und dabei hänge wiederum viel "von Gesprächen ab, aber auch von der Trainingsarbeit". Und genau das zeigte Heynckes dann auch am Montagnachmittag auf dem Platz. Die erste Einheit unter seiner Leitung war geprägt von Intensität und Kommunikation. Insbesondere Passspiel und Laufwege wurden trainiert, immer wieder feuerte Heynckes an. Er motivierte und korrigierte. Das Ganze wirkte temporeicher und lebhafter, als es zumeist unter Ancelotti der Fall gewesen war.

Hinter verschlossenen Türen wird Heynckes daran arbeiten, eine klar definierte Hackordnung herzustellen, an deren Spitze die deutschen Spieler stehen sollen. Neuer, Thomas Müller und Jerome Boateng etwa, wahrscheinlich auch Mats Hummels und womöglich sogar Joshua Kimmich, der sich mehr und mehr zum Führungsspieler entwickelt. 

Jupp Heynckes FC Bayern München 20171009Heynckes (M.) mit seinen Assistenten Tapalovic, Hermann, Gerland und Broich (v.r.n.l.)

"Die südamerikanische und spanische Fraktion hat eine gute Edukation, das sind sehr gute Profis, nur brauchen sie Führung", sagte Heynckes. Dass er im nächsten Satz erwähnte, ein Mann zu sein, "der die Kommunikation mit den Spielern pflegt" und keineswegs "konfliktscheu" sei, war kein Zufall. Die (Neu-)Gestaltung einer Hierarchie birgt schließlich durchaus Konfliktpotenzial.

Heynckes erinnerte daran, dass es in den vergangenen acht Jahren stets "eine ganz klare Hierarchie" gegeben habe beim FC Bayern. Die Spieler hätten Dinge geregelt, bevor der Trainer in Aktion trat. Und das sollen sie bitteschön auch in der aktuellen Situation tun, oder: wieder tun. "Über allem", betonte Heynckes, "steht der Erfolg, das Teamwork." 

Ein Mann, ein Plan

Noch komplizierter als die Im­ple­men­tie­rung dieser Rangordnung dürfte sich jedoch die Umgestaltung respektive Entwicklung einer Spielidee darstellen. Es sei ja kein Geheimnis, "dass Thomas Müller weit unter seinen Möglichkeiten bleibt oder dass Jerome Boateng im letzten Jahr mehrere Verletzungen hatte und sicher noch nicht der Jerome Boateng aus der Saison 2012/13 ist. Das kann man von David Alaba genauso sagen", meinte Heynckes. Er will die individuellen Stärken seiner Akteure wieder besser zur Geltung bringen und dafür neue "Trainingsreize setzen" und "taktische Dinge einstudieren". Das sei "fundamental wichtig und so werden wir auch arbeiten", kündigte Heynckes an, weiß aber um die Schwierigkeiten. 

Aktuell sind noch viele Nationalspieler unterwegs. "Man kann nicht viel trainieren. Dann haben wir ab kommendem Wochenende fast immer den Mittwoch-Samstag-Rhythmus. Die Trainingssteuerung vorzunehemen, muss hochsensibel geschehen, auch in puncto Prävention für Verletzungen, das wird ein Balanceakt", sagte Heynckes, und schob noch hinterher: "Aber ich denke, dass ich genügend Erfahrung habe, um das richtig zu lenken."

Der Mann hat einen Plan. Und den wird er auch brauchen, um bei der Rückkehr auf seinen Bauernhof zufriedene Gesichter in München zu hinterlassen. Die Erwartungshaltung seines alten Kumpels hat es schließlich durchaus in sich. "Er gibt dem Klub die Zeit, alle Probleme und Baustellen zu befrieden, um bis zum 1. Juli einen neuen Trainer zu finden, dem wir die Mannschaft besenrein übergeben können", sagte Hoeneß.

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