Die Unersetzlichkeit des Thiago Alcantara

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Den Bayern fehlten in Sinsheim die von Thiago verkörperten Attribute. Die Niederlage hat gezeigt: Auch bei den Münchnern ist nicht jeder zu ersetzen.

Es waren erst acht Minuten gespielt, da schlug sich Renato Sanches die Hände vors Gesicht. Mit einem kapitalen Fehlpass hatte der junge Mittelfeldspieler des FC Bayern München gerade Andrej Kramaric eine gute Schusschance aufgelegt. Der Hoffenheimer zielte in dieser Szene daneben, 13 Minuten später machte er es aber besser und traf zum 1:0-Endstand im Bundesliga-Spitzenspiel. Und wieder war Sanches unfreiwillig beteiligt.

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Die Verunsicherung war dem Mann mit den schwarzen Rastazöpfen in der SAP Arena wieder einmal deutlich anzumerken. Sanches leistete sich zu viele Ballverluste, er agierte vor dem Gegentor zu passiv und verlor auch den Zweikampf vor Nadiem Amiris guter Chance.

Sanches' Auftritt war schlicht nicht bayerntauglich. Der Golden Boy wirkte behäbig, zögerlich, überfordert - in der Offensive, aber vor allem im Spielaufbau gegen das mutige Pressing des Gegners. Die Schuld an der Pleite in Sinsheim sollte man trotzdem nicht bei dem jungen Portugiesen suchen. 

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Sanches ist gerade einmal 19 Jahre alt, er stand am Dienstagabend erstmals seit dem sechsten Spieltag in der Startelf der Bayern. Was bitteschön soll man von einem zweifelsfrei hoch talentierten, aber immer noch extrem unerfahrenen Mann in seiner ersten Saison bei einem neuen Klub, bei einem Weltklub, erwarten, insbesondere wenn er in den vergangenen 20 Bundesliga-Spielen auf nur 204 Einsatzminuten gekommen ist? Dass Sanches mitunter nur wie eine weniger leistungsfähige Kopie jenes Spielers wirkt, der bei der Europameisterschaft in Frankreich so sehr überzeugte, ist das eine, dass er überhaupt keinen Rhythmus haben kann, das andere.

Zumal am Dienstagabend auch ganz andere enttäuschten: Xabi Alonso und Arturo Vidal etwa waren über weite Strecken nicht in der Lage, das Spiel in kontrollierte Bahnen zu lenken, Arjen Robben und Robert Lewandowski blieben in der Offensive blass. Wenn die erste Niederlage des FC Bayern nach zuvor 20 ungeschlagenen Pflichtspielen eines gezeigt hat, dann, dass Thiago Alcantara derzeit unersetzlich ist.

Thiago auch statistisch top 

Noch am Samstag war der spanische Mittelfeldlenker bei seiner Auswechslung mit solch stürmischen Standing Ovations verabschiedet worden, wie sie die Allianz Arena lange nicht mehr gesehen hatte. Thiago steht für Kontrolle, er ist in der Lage, sich selbst dem strukturiertesten Pressing zu entziehen, Gegenspieler zu binden, und seine Mitspieler mit atemberaubenden Zuspielen zu füttern. Allein wie Thiago den Ball mit der Sohle streichelt, bevor er ihn ans Lattenkreuz schlenzt, wie er den Ball perfekt dosiert übers halbe Feld in den Lauf seiner Teamkollegen spielt, lässt die Zuschauer verträumt dahinschmelzen. Dass seine Pässe aber spätestens seit dieser Saison nicht nur wunderschön aussehen, sondern auch ungeheuer wirkungsvoll sind, macht ihn zum derzeit wahrscheinlich besten zentralen Mittelfeldspieler der Welt.

So waren es bei der 6:0-Gala gegen den FC Augsburg nicht nur die kleinen Dinge wie sein volley mit der Hacke weitergeleiteter Ball, sondern auch die großen Dinge wie seine traumhafte Vorarbeit zum 1:0 und sein Treffer zum 4:0, die Thiago an diesem Nachmittag auszeichneten. Und es sind eben jene Dinge, die dem FC Bayern in Hoffenheim fehlten. Jene Dinge, die Thiago für Trainer Carlo Ancelotti so unverzichtbar machen.

Welch ungeheuren Stellenwert der 25-Jährige beim deutschen Rekordmeister genießt, zeigt schon, dass er - sofern fit - ausnahmslos in der Startelf steht. Wie wichtig er ist, untermauern seine starken Leistungsdaten von wettbewerbsübergreifend sieben Toren und acht Vorlagen.

Thiago: Durchbruch ohne Limit

Für die Münchner ist Thiagos beeindruckende Entwicklung vom Schönspieler zum MVP höchst erfreulich, bloß scheint man sich inzwischen bereits in einer gewissen Abhängigkeit zu seinem Filigrantechniker mit Hang zu großer Effektivität zu befinden.

Da neben dem geschonten Thiago auch Thomas Müller verletzt ausfiel, der ebenfalls - wenn auch auf eine ganz andere Art und Weise - regelmäßig für Überraschungsmomente sorgt, fehlte dieser wichtige Aspekt dem Münchner Spiel auf dem Sinsheimer Grün. Ein klares Indiz dafür, dass selbst beim großen FC Bayern nicht jeder Spieler zu ersetzen ist, dass schon wenige Ausfälle zu einem mittelschweren Dominanzverlust führen können.

Mats Hummels: "Ein Dämpfer zur rechten Zeit"

Von einer B-Elf kann schließlich keine Rede sein. Mit Javi Martinez, Mats Hummels und David Alaba standen drei Spieler der etatmäßigen Viererkette auf dem Rasen, mit Alonso und Vidal sowie Robben und Lewandowski jeweils zwei der Stammkräfte aus den vorderen Mannschaftsteilen. Allerdings fielen Sven Ulreich, Kingsley Coman und eben Sanches im Vergleich zu Manuel Neuer, Franck Ribery und Thiago ab. Der Ersatzkeeper parierte zwar mehrfach stark, es ist allerdings nicht vermessen zu behaupten, dass Neuer den Flatterball von Kramaric mit großer Wahrscheinlichkeit gehalten hätte. 

"In der ersten Halbzeit waren wir ganz schwach unterwegs. Da haben wir gesehen: Passiv und zögerlich sind wir nicht mal halb so stark, wie wenn wir eine gewisse Intensität ins Spiel bringen", kritisierte Hummels nach der Partie und bemängelte weiter: "Wir waren nicht auf allen Positionen voll da, haben nur reagiert, nicht agiert."

In den letzten 35 Minuten steigerten sich die Gäste zwar merklich und korrigierten die Torschussstatstik noch von 6:12 auf 21:14, letztendlich ist eine gute halbe Stunde aber zu wenig gegen das neben Borussia Dortmund und RB Leipzig beste Bundesligateam der Saison. 

"Das", hoffte Hummels also vor den Schlagerspielen gegen Borussia Dortmund und Real Madrid, "war ein Dämpfer zur rechten Zeit." Über die Königlichen wollte der frühere BVB-Kapitän vor dem Duell mit seinen Ex-Kollegen noch nicht sprechen, gerade weil das Aufeinandertreffen mit dem Vizemeister "einen großen Wert" habe. "Generell gerät mir die Aufmerksamkeit auf das Spiel am Samstag ein bisschen zu klein", sagte er.

Tatsächlich hat das BVB-Spiel durch die neuerliche Niederlage noch einmal an Wert gewonnen. Die Bayern, die sich in den vergangenen Wochen und Monaten dank ihrer beeindruckenden Serie immer wieder über den schönen Flow und das große Selbstbewusstsein definiert haben, wollen es schließlich tunlichst vermeiden, mit zwei Negativerlebnissen im Hinterkopf gegen Real auflaufen zu müssen. 

Die gute Nachricht: Gegen Dortmund und auch gegen Real Madrid dürfte der Unersetzbare wieder mit von der Partie sein. Genauso wie, so hofft man, Manuel Neuer.  

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