Niko Kovac gewinnt mit Frankfurt den DFB-Pokal: Den Bayern-Maßstab erträglicher gemacht

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Niko Kovac gewinnt mit Eintracht Frankfurt gegen seinen neuen Arbeitgeber den DFB-Pokal. Für sein Schaffen beim FC Bayern kann das nur gut sein.

HINTERGRUND

Beim FC Bayern München hatten sie ganz klare Pläne, wie dieser Abend zu Ende gehen sollte. Trainer Jupp Heynckes hätte nach der Partie im goldenen Konfettiregen stehen und nach seinem letzten Spiel als Trainer noch einmal den DFB-Pokal in den Berliner Nachthimmel stemmen sollen. Doch am Ende dieses Samstagabends feierte nicht Heynckes, sondern dessen Gegenüber und designierter Nachfolger Niko Kovac mit dem Pokal in den Händen. Es war Kovacs wichtigster Sieg als Coach, auch im Hinblick auf sein im Sommer beginnendes Engagement beim deutschen Rekordmeister.

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Es ist ja schon jetzt klar, dass Kovac in München Vergleichen mit Heynckes ausgesetzt sein wird. Heynckes ist der Maßstab. Er ist der Mann, der die nicht gerade kleinen Sorgen der Carlo-Ancelotti-Bayern in Rekordzeit befriedet hat. Er hat die Münchner zur souveränen Meisterschaft und bis ins Halbfinale der Champions League geführt. Er hat sportlich überzeugt. Und weil er den Umgang mit den Vereinsbossen Uli Hoeneß sowie Karl-Heinz Rummenigge genauso beherrscht wie das Spiel mit den Medien, hat er auch weitestgehend für Ruhe gesorgt an der Säbener Straße. 

Die wenigen Nebengeräusche standen zumeist in Verbindung mit der Trainerfrage. Erst wollte allen voran Hoeneß seinen Freund Heynckes mit einer sogenannten Charme-Offensive, die tatsächlich alles andere als charmant war, zum Bleiben überreden. Als klar war, dass Heynckes' Entschluss endgültig ist, fühlten die Münchner beim Rummenigge-Mann Thomas Tuchel vor und mussten erfahren, dass dieser schon bei Paris Saint-Germain im Wort stand. Und weil die Öffentlichkeit all das wusste, ist jedem klar, dass Kovac bestenfalls eine C-Lösung sein kann. Allein deshalb werden gerade in schwierigen Zeiten nicht nur Vergleiche zu Vorgänger Heynckes gezogen werden, sondern auch hypothetische Vergleiche zu Tuchel.

Boateng: "90 Prozent unseres Erfolges gehören Kovac"

Hätten die Bayern nun in Berlin das Double gewonnen, wären diese beiden Titel der Gradmesser gewesen für Kovac' erste Saison. Natürlich steht die Königsklasse weiter an oberster Stelle, aber niemand wird von Kovac verlangen, gleich das zu schaffen, was weder Pep Guardiola noch Ancelotti oder Heynckes in seiner zweiten Amtszeit gelungen ist.

Nun kommt Kovac als DFB-Pokalsieger und K.o.-Runden-Spezialist nach München. In seinen zwei Jahren bei Eintracht Frankfurt hat der Kroate bloß ein Alles-oder-Nichts-Spiel verloren, das Pokalfinale in der vergangenen Saison gegen Borussia Dortmund. Allein, dass er es mit Frankfurt zweimal in Folge ins Finale schaffte, ist ein beachtlicher Erfolg. 

"90 Prozent unseres Erfolges gehören dem Trainer", sagte Kevin-Prince Boateng am späten Samstagabend in den Katakomben des Olympiastadions: "Wie er seine Ansprachen hält, was er uns heute vor dem Spiel für ein Video gezeigt hat. Er hat uns alle gepusht. Er hat von der ersten Minute an gesagt, wir gewinnen den Pokal. Und wir haben mitgezogen. Er gibt jeden Tag 100 Prozent. Es gibt keine Pausen. Wenn er jetzt noch das Sagen hätte - aber das habe mittlerweile ich - dann würden wir jetzt noch auslaufen gehen."

Niko Kovac: "Die Taktik war ganz gut"

Für die Partie gegen den großen FC Bayern hatte sich Kovac einen besonderen Plan überlegt. Und schon nach acht Minuten setzten die Frankfurter ein erstes Mal genau das um, was sie sich vorgenommen hatten. Ante Rebic eroberte gegen James Rodriguez den Ball, er spielte einen schnellen Doppelpass mit Boateng und schon stand er frei vor Sven Ulreich und schoss überlegt zur Führung ins Tor (11.).

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Es war immer dasselbe Muster: Pressing, Balleroberung, scharfer Ball in die Spitze. "Die Taktik war ganz gut, wir haben Präsenz im Mittelfeld gezeigt. Unser Ziel war die Führung, wir hatten sehr viel Geschwindigkeit", sagte Kovac hinterher. Bayerns Mats Hummels meinte auf den zweiten Treffer von Rebic angesprochen, der ähnlich entstanden war: "Es war sicherlich ein von Frankfurt so gewolltes Tor. Die Bälle nach Balleroberungen auf Rebic haben sie über das ganze Spiel immer wieder gespielt. Rebic ist jedem irgendwann mal weggelaufen, die Schnelligkeit ist nun mal seine ganz große Stärke."

Allerdings sollte auch erwähnt werden, dass die Bayern sich wie schon gegen Madrid ein Stück weit selbst geschlagen haben. Die Münchner kontrollierten nach dem Rückstand Ball und Gegner. Sie hatten zur Pause 75 Prozent Ballbesitz, sie gewannen 60 Prozent der Zweikämpfe, spielten fast dreimal so viele Pässe wie die SGE und gaben zehn Torschüsse ab (Frankfurt zwei). Der Ausgleich deutete sich an, er lag in der Berliner Abendluft, aber er fiel zunächst nicht. Joshua Kimmich köpfte daneben (24.) und Robert Lewandowski verzog zweimal knapp (25./35), nachdem er zuvor bereits mit einem Freistoß die Latte getroffen hatte (8.). 

Diskussionen um nicht gegebenen Elfmeter

Die Frankfurter dagegen nervten die favorisierten Münchner, sie spielten aggressiv und hart. Schon zur Halbzeit waren mit Carlos Salcedo, Jetro Willems und Makoto Hasebe drei Spieler aus der Fünferkette verwarnt.

Nach der Pause passierte es dann doch: Lewandowski tauchte nach Flanke von Kimmich einigermaßen frei im Frankfurter Sechszehner auf und traf mit etwas Glück ins Tor (53.). In der Folge hatten die Bayern weitere gute Chancen, Hummels etwa köpfte an die Latte (80.), aber am Ende waren es Rebic (82.) und der eingewechselte Mijat Gacinovic (90. +6), die das Finale zugunsten der Eintracht kippten.

Niko Kovac Eintracht Bayern 19052018Niko Kovac Bayern Eintracht 19052018

Für Diskussionen sorgte derweil das Foul von Boateng an Javi Martinez in der Nachspielzeit, das Schiedsrichter Felix Zwayer auch nach dem Betrachten der Bilder nicht als solches einordnete. "Wenn es jeder sieht außer ihm, dann ist das mehr als ärgerlich. Für mich war das Spiel ähnlich wie das gegen Real: Du hast vorne die Chancen, machst hinten die Fehler und am Ende hilft der Schiri den anderen", sagte Kimmich. Für Thomas Müller war es "eine klare Geschichte", auch Kovac räumte ein, dass es eigentlich ein Elfmeter war und Boateng selbst erklärte unverblümt: "Ich treffe ihn ganz klar."

Jupp Heynckes: Bayern-Abschied mit Fassung

Letztlich kam für die Eintracht an diesem Abend alles zusammen, was zusammenkommen muss, um die Bayern mit all ihrer Klasse in einem Finale zu bezwingen. "Wenn du gegen die Bayern spielst, brauchst du auch ein bisschen Glück. Ich glaube, dass wir aber auch ein richtig gutes Spiel gemacht haben. Unser Trainer hat eine taktische Meisterleistung vollbracht", sagte SGE-Sportdirektor Bruno Hübner. 

Und so verließ Heynckes das Stadion an diesem Abend ohne großes Brimborium. Nach seinem letzten Spiel verschwand er erschreckend gewöhnlich im Spielertunnel. "Ich habe schon während des Spiels gemerkt, dass es schwer werden würde. Zum Sportlerleben gehören Siege, aber auch Niederlagen, das habe ich gelernt. Man muss auch dann die Leistung des Gegners anerkennen - und das tue ich", sagte er einige Minuten später auf der Pressekonferenz. 

Frankfurt habe mit großem Engagement und Ehrgeiz gespielt, mit großem Laufvermögen und großer Aggressivität und Zweikampfhärte agiert, lobte Heynckes, der trotz seines unwürdigen Abschieds die Fassung wahrte. Es sei ein Privileg gewesen, "wieder mit diesen großartigen Spielern zu arbeiten. Es war relativ leicht, weil mir die Spieler so viel Respekt entgegengebracht haben. Wir hatten eine harmonische Zusammenarbeit, viele Spieler sind besser geworden, das nehme ich mit. Deswegen gilt mein Dank den Spielern - auch wenn wir heute verloren haben. Das ist menschlich."

In der kommenden Saison wird Kovac ebenjene großartige Spieler übernehmen. Mit seinem wichtigsten Sieg als Trainer hat er sich noch mehr Respekt verschafft - und er hat den Maßstab etwas erträglicher gemacht. 

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