HINTERGRUND
Zwölf Minuten war der Bundesliga-Samstag alt, da schöpfte der ganz mutige Fußballliebhaber ein klein wenig Hoffnung. Hoffnung, dass der sogenannte Titelkampf am Ende des 20. Spieltags vielleicht wieder etwas mehr nach echtem Wettbewerb aussehen würde. Doch mit der Hoffnung war es schnell dahin. Nach 90 Minuten hatte der FC Bayern München einen 0:2-Rückstand gegen 1899 Hoffenheim in einen 5:2-Sieg umgewandelt und wenig später wurde Sandro Wagner gefragt, wann er denn Glückwünsche zur Meisterschaft annehme.
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"Die", antwortete der Winter-Neuzugang, "habe ich ja letzte Woche schon angenommen. Da waren Sie aber nicht da. Deshalb nehme ich Ihre Glückwünsche heute auch nochmal an."
Meist sind es ja die Spieler selbst, die so lange wie möglich versuchen, bloß nicht vorzeitig vom Titel zu sprechen. Sie verweisen dann gerne auf Theorie und Praxis, darauf, dass rechnerisch noch vieles möglich sei. Angesichts von 16 Punkten Vorsprung auf Platz zwei versucht anno 2018 allerdings kaum noch ein Münchner, den Gewinn der sechsten Meisterschale in Folge in Frage zu stellen. "Ich denke nicht, dass noch groß etwas anbrennen wird. So wie ich uns kenne, wird das kein enges Rennen mehr", sagte etwa Thomas Müller.
"Wenn man in der Liga mit 80 Prozent spielt, ist es schwierig"
Müller sagte allerdings auch: "Es geht für uns darum, dass kein Schlendrian reinkommt. Wir müssen schauen, dass wir jede Woche dazu nutzen, um zu zeigen, wie stark wir sind, um uns auch selbst zu zeigen, was wir können. Dann kann man Selbstvertrauen aus jeder Partie ziehen. Wir haben noch Ziele und es sind ja nicht alle Wettbewerbe schon vorentschieden."
Robert Lewandowski ergänzte mit mahnendem Blick: "Für uns ist es das Wichtigste, dass wir unbedingt jedes Spiel gewinnen wollen. Wir haben es ja vor zwei, drei Jahren erlebt, als wir auch sehr viele Punkte Vorsprung hatten. Wenn man in der Bundesliga mit 80 Prozent spielt, ist es schwierig, ein paar Tage später in der Champions League 100 Prozent abzurufen."
Lewandowskis Worte waren durchaus als Appell zu verstehen. Gerade die Münchner Verantwortlichen betonen nimmermüde, dass die Bundesliga immer noch das Kerngeschäft sei. Entsprechend wurde in der Vergangenheit auch darauf hingewiesen, dass der vierte Meistertitel in Serie 2016 ja einen neuen Rekord darstelle, dass man 2017 mit dem fünften Titel in Serie erneut Historisches schaffte. Und auch im kommenden Sommer wird von geschriebener Bundesliga-Geschichte zu lesen sein. An sich ist es ja auch völlig in Ordnung und gerechtfertigt, einen Meistertitel zu feiern. Nur ist es ja so: Die Bayern spielen national seit Jahren nur noch für sich selbst, sie jagen und brechen ihre eigenen Rekorde, und das wird nun mal irgendwann langweilig.
Der Konkurrenz enteilt
Was auf nationaler Ebene fehlt, ist schlicht ein Konkurrent. Die Dortmunder Borussia war der letzte erstzunehmende Widersacher der inzwischen übermächtigen Bayern. Zwischen 2010 und 2012 war das, sprich vor mehr als fünf Jahren.
Danach machten die damals durchaus in ihrem Stolz und Selbstverständnis verletzten Münchner ernst, sie investierten mit großer Finanzgewalt (Javi Martinez 2012, Mario Götze 2013, Arturo Vidal 2015, Mats Hummels 2016, Corentin Tolisso 2017) und Weitsicht (Thiago Alcantara 2013, Lewandowski 2014, Kingsley Coman 2015, Joshua Kimmich 2015, Hummels 2016, Niklas Süle 2017, James Rodriguez 2017) auf dem Transfermarkt und enteilten jenen Klubs, die sich heutzutage gar nicht mehr Konkurrenten schimpfen können, immer weiter.
In der Gegenwart ist längst der Worst Case für das Produkt Bundesliga und all die neutralen Beobachter eingetreten. Die potenziellen Verfolger wollen von der Verfolger-Rolle nichts wissen, die Langeweile an der Tabellenspitze, sie ist allgegenwärtig. Dabei war gerade zu Beginn der laufenden Saison noch Spannung aufgekeimt.
Während die Bayern jedoch ob der ausbleibenden Entwicklung unter Carlo Ancelotti nicht lange fackelten, den Italiener durch Jupp Heynckes ersetzten und einen fulminanten Siegeszug starteten, hielten die Dortmunder viel zu lange an ihrem offensivfanatischen Trainer ohne Plan B fest. Bei Peter Boszs Entlassung war der zwischenzeitliche Fünf-Punkte-Vorsprung der Borussen bereits in einen 13-Punkte-Rückstand auf die Bayern umgekehrt worden. Inzwischen liegen die Schwarz-Gelben sogar 19 Punkte hinter den Münchnern.
Die Lehre aus früherer Nachlässigkeit
In einem einzigen Spiel, ob in der Liga oder im Pokal, können die Dortmunder den Bayern zwar noch Paroli bieten, über 34 Spieltage aber sind sie chancenlos. Einerseits dokumentiert diese gesamtheitlich gesehen beängstigende Entwicklung die zunehmende Stärke des FC Bayern, andererseits stellt sie auch für den Rekordmeister eine bekannte Gefahr dar.
Vor knapp drei Jahren hatte Pep Guardiola die Bundesliga im Mai für beendet erklärt, der FC Bayern verlor in der Folge nicht nur drei Ligaspiele hintereinander, sondern auch die für die Pokalwettbewerbe notwendige Form und Spannung. In dieser Phase setzte es im DFB-Pokal und in der Champions League zudem Pleiten gegen den BVB und gegen den FC Barcelona, und dann war die Saison tatsächlich vorbei für die Münchner.
Genau das wollen die Bayern in der laufenden Spielzeit tunlichst vermeiden. "Wir haben daraus gelernt, dass wir auch in der Bundesliga immer fokussiert bleiben und immer auf 100 Prozent spielen müssen, damit wir uns besser auf die Champions League vorbereiten können. Deswegen müssen wir uns gut in Form halten", forderte Lewandowski also noch einmal mit Nachdruck.


