Am Ende brachten sie ihm doch noch jene Wertschätzung entgegen, die er sich so sehr erhofft hatte. Es lief die 84. Spielminute im Halbfinalrückspiel der Champions League zwischen Real Madrid und dem FC Bayern München, als der vierte Offizielle die Anzeigetafel in die Höhe streckte. Die Nummer elf leuchtete rot auf im Estadio Santiago Bernabeu und James Rodriguez machte sich schnellen Schrittes auf zur Seitenauslinie. Das war er, der Moment, der dem Kolumbianer so viel bedeutete.
Hummels nach Drama von Madrid: "Wird in zehn Jahren noch wehtun"
Bei der Verlesung der Mannschaftsaufstellungen hatten die Fans der Königlichen Bayern-Trainer Jupp Heynckes noch mit Applaus bedacht, James dagegen hatten sie ebenso lautstark ausgepfifen wie Robert Lewandowski oder Thiago Alcantara. Als sei er nur ein x-beliebiger Spieler. Nun aber, in der 84. Minute, erhob sich ein beachtlicher Teil der Blancos und spendete Beifall für den Spielmacher des FC Bayern, der von 2014 bis 2017 das Real-Trikot getragen hatte. Es war eine Geste der Anerkennung, eine Geste des Respekts.
Einen Tag vor dem Spiel saß James Rodriguez im Bauch des altehrwürdigen Bernabeu auf der Pressekonferenz neben Thomas Müller. Es gab wohl noch keinen Medientermin, an dem Müller so wenig gefragt war wie an diesem Montagnachmittag. Vor allem die spanische Reporterschar stürzte sich geradezu auf den Rückkehrer mit dem Zahnpastalächeln.
James: Kein Groll gegen Real oder Zidane
"Es ist sehr schön, wieder hier zu sein. Es ist etwas Besonderes, an jenen Ort zurückzukehren, der drei Jahre lang mein Zuhause war", sagte James. Er erzählte etliche Male, dass er einfach nur ein gutes Spiel machen und das Finale erreichen wolle. Und niemandem etwas beweisen müsse.
James hegte keinen Groll, nicht gegen die Klubführung von Real oder Coach Zinedine Zidane, der am Ende nicht mehr auf ihn gebaut hatte. Wer Schuld gewesen sei, dass es für ihn in Madrid nicht mehr funktioniert habe, wurde er gefragt. "Niemand", entgegnete James: "Ich habe mich hier sehr wohl gewühlt. Man hat mich sehr gut behandelt. Es waren drei einzigartige Jahre, in denen ich viele Titel gewonnen habe." Dafür sei er dem Klub und Zidane sehr dankbar, sagte James.
GettyUnd dann kam sie, die Frage, die James am meisten ins Grübeln brachte. Was für einen Empfang er erwarte, wollte ein Reporter wissen. "Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, dass ich gut empfangen werde. Ich habe alles gegeben, als ich hier gespielt habe", sagte James. Und dann wurde er ausgepfiffen an jenem Ort, der noch immer in seinem Herzen verankert ist.
Bayern scheitert gegen Real an sich selbst
Ganz sicher berührten ihn diese Pfiffe, vielleicht spielte James am Dienstag deshalb anfänglich nicht so stark wie noch im Hinspiel sechs Tage zuvor. James machte einige unnötige Fehler, ehe er sich sukzessive steigerte und schließlich den 2:2-Endstand erzielte. "Ich würde nicht jubeln. Das hat auch etwas mit Respekt vor dem Klub und den Zuschauern zu tun", hatte James angekündigt - und er hielt Wort. Obwohl sein Treffer zu diesem Zeitpunkt immens wichtig war, obwohl er die Hoffnungen der Münchner wieder aufleben ließ, streckte James schuldbewusst beide Hände in die Höhe. Es war wohl auch diese Geste, die die Real-Anhänger umstimmte und in jener versöhnlichen Szene aus der 84. Minute mündete.
Erlebe Europas Top-Ligen live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!
Letztlich war es ein Treffer ohne Wert. Die Bayern verpassten es trotz klarer Überlegenheit und insgesamt 38 Torschüssen in 180 Minuten, Real zu stürzen. Sie scheiterten an sich selbst, an ihren individuellen Fehlern und an ihrer Chancenverwertung. Auch James vergab eine Großchance, nach 34 Minuten schoss er aus kurzer Distanz übers Tor.
Letztlich kann diese Szene aber nicht darüber hinwegtäuschen, welch eine Bereicherung der im Sommer verpflichtete James für die Münchner darstellt. "Er ist sehr enttäuscht. Er hat eine überragende Saison gespielt", lobte Thomas Müller nach der Partie in der Interviewzone. Mit etwas Abstand werden die Standing Ovations, die einem verzögerten, einem endgültigen Abschied glichen, James' Enttäuschung lindern. Denn wie sagte der Feingeist, den die Bayern 2019 mittels Kaufoption fest verpflichten können, am Montagabend: "Meine Gegenwart ist Bayern München."





