HINTERGRUND
Als es vorbei war, sanken die Männer in Rot zu Boden. Urplötzlich von einer inneren Leere überfallen, lagen oder hockten die Spieler des FC Bayern München völlig entkräftet auf dem perfekt getrimmten Rasen des Estadio Santiago Bernabeu. Sven Ulreich hockte dort minutenlang. Er hockte immer noch da, als all die anderen längst im Spielertunnel verschwunden waren. Während die Fans von Real Madrid auf den Rängen den erneuten Finaleinzug zelebrierten, saß Sven Ulreich einfach nur da. Ganz allein.
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Ulreichs Augen kreisten umher, mal blickte er hinunter auf den Boden, mal zum Himmel hinauf, aber eigentlich sah er etwas ganz anderes. Wieder und wieder sah er den schlechten Pass von Corentin Tolisso auf sich zurollen. Jenen Pass, den er nicht zu kontrollieren wusste, den Karim Benzema zum zwischenzeitlichen 1:2 ins leere Tor drückte.
Es war diese eine Szene, stellvertretend und mitentscheidend für das 2:2 im Halbfinalrückspiel und das damit verbundene Ausscheiden aus der Champions League. Es war aber keine Szene, die die Spieler hinterher für das Aus verantwortlich machen wollten. Genauso wenig wie den Schiedsrichter. Vergangenes Jahr hatte sich allen voran Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge noch auf Viktor Kassai eingeschossen und seine in Ansätzen gerechtfertigte, aber völlig überzogene Kritik monatelang heruntergebetet. Diesmal sprach jedoch niemand über Cüneyt Cakir, der den Bayern mindestens einen Elfmeter verwehrt hatte.
Rummenigge: Bestes CL-Spiel in fünf Jahren
Stattdessen sprach Rummenigge auf dem Bankett über die starke Leistung, die er gesehen hatte. "Wir haben das beste Spiel in der Champions League gesehen, das ich in den letzten fünf Jahren mit Bayern erlebt habe", sagte er in der Nacht zum Mittwoch zu Beginn seiner Rede.
"Wir hatten die beste Mannschaft des UEFA-Rankings am Abgrund. Wir haben am Tag der Arbeit mit harter Arbeit, großem Kampf, unglaublicher Leidenschaft und Mut gespielt", sagte er. Das einzig Traurige sei, "dass wir sie nicht in den Abgrund hineingestürzt haben". Und dennoch: "A la bonne heure" sei das gewesen.
Bei den Profis der Münchner kamen die Worte zwar an, die innerliche Leere verdrängten sie aber nicht. Ulreich wirkte noch immer wie erstarrt. Und auch all die anderen, der verletzte Arjen Robben, die Neulinge Sandro Wagner und Sebastian Rudy, die Spanier Javi Martinez und Thiago Alcantara, die Weltmeister Thomas Müller und Mats Hummels, schienen gefangen in ihren Gedanken.
Mats Hummels: Toni Kroos hatte recht
"Ich glaube, es wird in zehn Jahren noch wehtun", sagte Hummels. Das Aus sei noch schmerzhafter als 2017, weil man damals nicht so stark gewesen sei. "Die Enttäuschung", meinte auch Sportdirektor Hasan Salihamidzic, "ist groß, wir hätten sie packen können." Müller sprach von "Frustration über das fehlende Quäntchen Glück und die fehlende Qualität in den Details".
GettyDenn gerade da, im Detail, machten die Bayern schlicht zu viele, zu einfache Fehler. In 180 Minuten erspielten sie sich 38 Torschüsse, letztlich schossen sie aber nur dreimal ins Tor. Dazu hatte Rafinha im Hinspiel ein ebenso gütiges Geschenk verteilt wie Ulreich im Rückspiel. "Was sich in den letzten Jahren wiederholt, ist, dass wir in den Spielen, in denen wir ausscheiden, zu viele deutliche individuelle Fehler machen", sagte Müller. "Wenn man in den beiden Spielen jeweils das 1:2 sieht, dann ist das Unvermögen", ergänzte Hummels.
"Wir hätten es verdient gehabt. Toni Kroos hat mir nach dem Spiel gesagt: 'Das Ding haben wir nicht gewonnen. Ihr habt Euch selbst zuzuschreiben, dass Ihr nicht im Finale seid.' Damit hat er leider recht", sagte der Innenverteidiger.
FC Bayern mit rosiger Zukunft trotz Umbruch
Bei all dem Ärger über das erneute Scheitern hat das Spiel aber auch positive Dinge gezeigt. Es hat gezeigt, dass beim FC Bayern München niemand die große Angst vor dem Umbruch haben muss.
Im vergangenen Jahr hieß es: Wenn nicht jetzt, wann dann? Es wurde über die scheidenden Philipp Lahm und Xabi Alonso gesprochen, über die alternden Robben und Franck Ribery. Anno 2018 sind Lahm und Alonso längst Geschichte, Ribery und Robben sind ein weiteres Jahr älter, und doch sind da auch viele junge Spieler, die Mut machen. Auf eine rosige Zukunft und weitere große Halbfinal- oder gar Finalspiele.
GettyNiklas Süle verteidigte in Madrid überragend, Joshua Kimmich ist schon jetzt, mit 22 Jahren, Führungsspieler. Leistungsträger wie James Rodriguez und Thiago Alcantara können in den kommenden Jahren prägende Rollen im Mittelfeld spielen und Corentin Tolisso ist ebenfalls ein hoch interessanter Mann, der neue, andere Elemente ins Spiel der Münchner bringt.
Rummenigge hatte im Vorfeld der Partie etwas holprig gefordert, der FC Bayern müsse in Madrid den Heldentod leben. Tatsächlich sind die Münchner den Heldentod gestorben - und doch sind sie quicklebendig. Auch wenn die Gedanken an die kommende Saison derzeit schmerzen (Müller: "Das extrem Bittere ist, dass der ganze Schmarrn jetzt wieder von vorne losgeht"), wird die Chance dann ebenso gegeben sein, es endlich wieder ins Finale zu schaffen.
Auch deshalb müsse man beim FC Bayern jetzt "auf keinen Fall" über grundsätzliche Dinge nachdenken, meinte Hummels: "Es waren ja Millimeter, die gefehlt haben. Wenn Real in drei Jahren vielleicht dreimal die Champions League gewinnt, aber nur einmal den spanischen Pokal holt, dann zeigt das, wie viele Kleinigkeiten an den Pokalwettbewerben dranhängen."
Kleinigkeiten, die mit Glück und Qualität im Detail zu tun haben. Kleinigkeiten, die irgendwann auch wieder zugunsten der Bayern ausschlagen werden. Auch wenn das Sven Ulreich an diesem Abend keinen Trost spenden wird.





