EXKLUSIV
Es war gerade 13:45 Uhr vorbei an diesem Freitagmittag, als Andres Iniesta die Worte sprach, mit denen alle gerechnet hatten. Worte, die die Fans des FC Barcelona aber dennoch so schmerzhaft ins Mark trafen. "Barca ist für mich der beste Klub der Welt, der mir alles gegeben hat", sagte der 33-jährige Mittelfeld-Meastro, da vorne auf dem Podium im Presseraum des Trainingszentrums. "Es ist sehr schwer, mich heute hier zu verabschieden, nachdem ich mein ganzes Leben hier verbracht habe", fügte er an - und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Erlebe LaLiga live und auf Abruf auf DAZN. Hol' Dir jetzt Deinen Gratismonat!
Nach 16 Jahren bei den Profis der Blaugrana, nach 669 Pflichtspielen für den Vorzeigeklub aus Katalonien, unter anderem acht spanischen Meistertiteln und vier Champions-League-Triumphen, macht der Vorzeigeprofi im Sommer also Schluss bei Barca, geht mit bisher noch unbekanntem Ziel. "Ein Großteil von dem, was ich heute bin, verdanke ich Barca und La Masia - ich bin sehr dankbar", sagte er. Schon als Zwölfjähriger war Iniesta zu Barca gekommen. Als riesiges Talent, als Versprechen für die Zukunft, das er viel mehr als nur einlösen sollte.
Joan Martinez Vilaseca kann sich noch sehr gut an dieses Versprechen erinnern. Er, bis 2008 Talentsucher bei Barca und rechte Hand des legendären Scouts Oriol Tort, der alle Barca-Größen aus dem eigenen Nachwuchs seit Pep Guardiola entdeckt hatte. Er, Martinez Vilaseca, war es, der vor nunmehr knapp 22 Jahren den zwölfjährigen Andres Iniesta nach Barcelona holte.
"Wir haben ihn während des Brunete Turniers entdeckt", verriet Vilaseca exklusiv gegenüber Goal. Albert Benaiges, damals Jugend-Coach bei Barca, machte ihn und Oriol Tort auf Iniesta aufmerksam, die beiden Scouts fackelten nicht lange und machten sich auf den Weg, den talentierten Jungen genauer unter die Lupe zu nehmen. "Also sind wir hin und haben ihn uns angeschaut", sagte Vilaseca.
Iniesta "hatte alles, wonach wir suchen"
Das enorme Potenzial des jungen Iniesta erkannten sie sofort. "Er hatte herausragende technische Fähigkeiten, eine unglaubliche Übersicht und war sehr handlungsschnell", so Vilaseca weiter. "Er hatte alles, wonach wir bei einem jungen Mittelfeldspieler suchen." Schnell war daher klar: Den Jungen wollen wir unbedingt. Iniestas Familie von dem Wechsel zu überzeugen, bedurfte aber dann doch mehr als nur des schillernden Namen Barcas.
"Es war nicht einfach, ihn zu Barca zu holen", gestand Vilaseca. "Aber das Schicksal wollte, dass wir in der Copa del Rey der Junioren gegen Albacete spielten", erklärte er. Iniesta stammt aus Fuentealbilla, einer kleinen Gemeinde in der Provinz Albacete. "Also haben wir uns erneut mit seiner Familie getroffen."
Iniestas Vater war skeptisch, seinen Sohn so früh zu einem solch großen Klub gehen zu lassen. "Ich verstand das sehr gut und sagte ihm, dass für einen so guten Spieler wie seinen Sohn früher oder später die nächsten Angebote einflattern würden. Und ich versicherte ihm, dass wir immer Interesse an Andres haben würden", erinnerte sich Vilaseca.
"Wir waren der erste Klub, der Interesse an ihm gezeigt hatte und wir haben ihn und seine Familie eingeladen, sich La Masia anzuschauen, falls sie in der Gegend sein sollten", erklärte Vilaseca, wie man mit Familie Iniesta verblieb. Und Barca hatte Glück: Wenige Wochen später rief Andres' Vater an, sie seien auf dem Weg in einen Erlebnispark nahe Barcelona. "Also luden wir sie in LaMasia ein", sagte Vilaseca.
Barcas großer Vorteil gegenüber Real Madrid seinerzeit: Bei den Katalanen wohnten die Talente schon in einem Internat, letztlich also gemeinsam auf einen Haufen, während die Königlichen ihre Jugendspieler in separaten Mietwohnungen unterbrachten. "So hatten wir Real auch schon im Rennen um den jungen Ivan de la Pena (in den 90ern und Anfang der 2000er Barca-Profi, d. Red.) ausgestochen", sagte Vilaseca.

Ohnehin bedurfte es nicht mehr viel Überzeugungsarbeit, als Iniesta und seine Familie LaMasia schließlich betreten hatten. "Sie liebten es", erinnert sich Vilaseca. "Mit dem Internat war unsere Akademie damals einzigartig. Nur ein paar Tage nach dem Treffen rief mich Iniestas Vater an und bestätigte, dass sie unser Angebot annehmen würden. LaMasia war die Grundlage, um sie zu überzeugen."
Iniesta: Barca-Debüt mit 18 unter van Gaal
In Barcas berühmter Nachwuchsschmiede verfeinerte Iniesta seine Fähigkeiten, alle seine Trainer waren sich sicher, dass er das Zeug hat, eines Tages bei den ganz Großen im Camp Nou zu zaubern. "Unser Plan war, ihn mit 17 ins B-Team hochzuziehen und ihn mit 18 in die erste Mannschaft zu integrieren", erklärte Vilaseca. Ein Plan, der aufging. Im Oktober 2002, mit 18 Jahren und fünf Monaten, feierte Iniesta unter Louis van Gaal im Champions-League-Spiel gegen Brügge sein Debüt in der ersten Mannschaft.
"Als van Gaal damals zu seiner zweiten Amtszeit bei Barca anheuerte", verriet Vilaseca, "fragte er mich, ob im B-Team irgendetwas Interessantes für das A-Team herumläuft. Ich sagte ihm, dass wir da einen haben, der in der ersten Mannschaft spielen muss."
Gemeint war damit natürlich Iniesta. Und van Gaal war ein Glücksfall für den Mann, der 2010 im Finale gegen Holland das entscheidende Tor zu Spaniens erstem und bisher einzigem WM-Titel erzielen sollte. "Um als junger Spieler zu wachsen, braucht man einen Trainer, der in dich vertraut", weiß Vilaseca. "Und van Gaal tat das immer."
Für gut eineinhalb Jahrzehnte sollte Iniesta Barcas Spiel prägen, ihm aus dem Mittelfeld Esprit, Genialität und Hingabe verleihen. Doch bei all den guten Zeiten und Erfolgen blieben auch schlechtere Tage nicht aus. "In manchen Phasen musste Iniesta auch leiden", weiß Vilaseca. "Zum Beispiel 2006, als er im Champions-League-Finale von Paris gegen Arsenal nicht in der Startelf stand."
Lange litt Iniesta allerdings nie - so auch an jenem Tag im Frühjahr 2006 nicht, als er zur Halbzeit eingewechselt wurde und beide Tore Barcas einleitete, die aus einem 0:1 schließlich noch einen 2:1-Sieg gegen Arsenal machten.
Die Höhen überwogen die Tiefen jedenfalls eindeutig. Und wenn es mal nicht lief, wusste Barca genau, was man an Iniesta hatte. "Ob als Jugendspieler oder als Profi - viele Klubs versuchten, Iniesta zu verpflichten", weiß sein Entdecker Vilaseca. "Aber zum Glück verstand der Klub gut, welche Art von Spieler sie in ihm hatten."
Das wurde auch am Freitagmittag mal wieder deutlich. Als Präsident Bartomeu, Trainer Valverde, seine Teamkollegen, etliche Presseverteter und Millionen von Fans da draußen an Iniestas Lippen hingen. Mit ihm verlässt einer der ganz Großen in wenigen Wochen die große Bühne. Einer, der eine der besten Mannschaften aller Zeiten geprägt hat. Der als Zwölfjähriger nach Barcelona kam - und für Barca steht wie kaum ein Anderer.


