Fußball ist bekanntlich eine der schönsten Nebensachen der Welt. Dienstagabends im Wembley, wo sonst die Kicker-Szene im Mittelpunkt steht, um Siege kämpft, war der Sport diesmal ebenso nur zweitrangig. Vielmehr war es das Drumherum, das beeindruckte. So erstrahlte die Arena in Blau-weiß-rot. An den Spielfeldrand wurden Gedenkkränze gelegt.
Und als schließlich mehr als 70.000 Kehlen die Marseillaise, die französische Nationalhymne, sangen, trieb es nicht wenigen Tränen in die Augen. Es war ein Moment der Verbundenheit, wie man ihn selten erlebt. Man stand gemeinsam auf, für Freiheit, für Demokratie, ein friedliches Miteinander nach den Pariser Anschlägen.
Galerie: Wembley gedenkt Pariser Opfern
"Wir werden das nie vergessen und hoffentlich nie mehr erleben", sagte Blaise Matuidi gegenüber der L'Equipe. Er brachte zum Ausdruck, was jeder im Oval oder vor der Mattscheibe zu fühlen schien: Freude über den Zusammenhalt gepaart mit einem beklemmenden Gefühl des Unwohlseins.
"Wir haben drei schreckliche Tage hinter uns", so der PSG-Mittelfeldspieler. "Aber es war richtig, diese Partie zu absolvieren. England hat uns eine große Ehre erwiesen. Wir haben jedem gezeigt, dass sich das echte Leben über die Grenzen von Herkunft und Religion hinwegsetzt." Frankreichs Nationalteam kam nach London, um einen Schritt gen Normalität zu machen. In den vergangenen Tagen wurde rund um den Globus Anteil genommen.
Politiker versprachen Unterstützung im Kampf gegen den Terror. Via sozialer Medien (#PrayforParis) gedachten die Menschen der Opfer. Selbst das Weiße Haus in Washington, das New Yorker One World Trade Center, die Oper zu Sydney oder das Brandenburger Tor leuchten in den französischen Landesfarben. Beim Test zwischen England und der Equipe Tricolore fand all das seinen Höhepunkt.
Sichtlich gerührt richtete sich Torhüter Hugo Lloris danach an die Gastgeber: "Ich möchte mich bei ihnen für den Respekt bedanken." Im Vorfeld waren Fans beider Lager in trauter Zweisamkeit zum Stadion geschlendert. Keine Spur von Rivalität. Keine Spur von latenter Abneigung. Manch stolzer Engländer warf sich sogar kurzerhand in ein Frankreich-Jersey. Es ging so weiter.

"Das Leben muss weitergehen"
Der stimmgewaltigen Gesangseinlage folgte eine Schweigeminute, ehe Vertreter beider Länder an der Seitenlinie Blumen niederlegten. Kurz vor Anpfiff reihten sich englische und französische Stars Arm in Arm auf, um ein Mannschaftsbild für die Ewigkeit zu liefern. "Es ging um Solidarität, darum, Charakter zu zeigen. Das Leben muss weitergehen", sagte Lloris.
Er gestand jedoch, dass es keine einfache Situation war. "Wir waren nicht aggressiv genug und es mangelte an Konzentration, das ist normal." Normal waren diesmal auch die englischen Ole-Rufe bei Ballstafetten des Gegners. Immer, wenn die französischen Supporter die Marseillaise anstimmten, wurden sie zudem mit Applaus gefeiert. Am Ende stand für Frankreich eine 0:2-Niederlage.
Das Ergebnis war jedoch nebensächlich. Im Wembley stand ausnahmsweise nicht der Fußball im Fokus. "Wir müssen nach vorne blicken, obwohl das angesichts der Ereignisse nicht leicht fällt", betonte Matuidi. Er hatte Mühe, die passenden Worte zu finden für diese unvergesslichen Fußball-Momente. Für ein Spiel der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Liberte. Egalite. Fraternite.

