England deflated after Russia goalGetty

England und der EM-Auftakt: Same procedure …

Was haben Jugoslawien, Belgien, Irland, Dänemark, die Schweiz, Portugal, Frankreich und Russland gemeinsam? Richtig, alle durften gegen England ein Auftaktspiel bei einer Europameisterschaft bestreiten und verloren dieses nicht. Anders ausgedrückt: England kann auch im neunten Versuch - mit Frankreich duellierte man sich zwei Mal - nicht die erste Partie bei einer EM gewinnen. Neben vier Niederlagen stehen nunmehr fünf Unentschieden.

Dabei wusste das Team von Trainer Roy Hodgson gegen die Sbornaja, bei der Roman Neustädter in der Startelf stand, durchaus zu überzeugen. Schnell, quirlig, wendig - gar nicht typisch englisch behäbig und schwerfällig präsentierten sich die Mannen um Kapitän Wayne Rooney, und legten damit jene Tugenden an den Tag, mit denen man in der Qualifikation alle zehn Spiele gewann.

Einziges Manko: Die Chancenverwertung. 15:6 Torschüsse standen am Ende für die Three Lions zu Buche. Zehn davon gingen jedoch daneben, die anderen fünf konnte Keeper Igor Akinfeev teils glänzend parieren. Adam Lallana, Dele Alli oder Raheem Sterling wirbelten regelrecht durch den russischen Verteidiger-Wald, brachten den Ball aber einfach nicht im Tor unter. Bezeichnend dafür, dass ein Freistoßknaller von Eric Dier zur Führung herhalten musste.

Am Ende bleibt die Ernüchterung, zu viele vergebene Chancen rächen sich eben doch immer wieder. Und wenngleich man nach einem Remis im ersten Spiel immer noch Europameister werden kann, bleibt nach dem Last-Minute-Patzer erneut der fade Beigeschmack, dass England einfach keine Turniermannschaft ist. Bei der WM 2014 schied man in der Vorrunde aus, bei der EM 2008 war man gar nicht dabei.

Überstand man doch mal die Gruppenphase, war bereits im ersten K.o.-Rundenspiel  - sei es die EM 2012 oder die WM 2010 - schon wieder Schluss, obwohl man sich jeweils souverän für die entsprechenden Turniere qualifizieren konnte. Und auch beim aktuellen Wettbewerb in Frankreich ist ein Deja-vu-Erlebnis nicht ausgeschlossen. Und dies hat mehrere - zum Teil aber auch erfreuliche - Gründe.

Der Weltmeister von 1966 befindet sich im Umbruch. Mit einem Altersdurchschnitt von 25,9 Jahren stellt man nach Deutschland den zweitjüngsten Kader des Turniers, zahlreiche Profis bestreiten ihr erstes großes Turnier. Was die Zukunft anbelangt, musste man im Mutterland des Fußballs schon mal besorgter sein. Trotz des Kaufrausches in der Premier League wussten in der vergangenen Saison auch zahlreiche einheimische Talente in ihren Klubs zu beeindrucken.


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Gegen den kurzfristigen Erfolg könnte derweil die fehlende Erfahrung, die fehlende Cleverness, sprechen. Dies wurde gegen Russland nicht nur in der Offensive deutlich, sondern auch in den letzten Minuten der Partie, als man irgendwo ausgepumpt und nicht abgezockt genug wirkte, die knappe Führung letztendlich auch über die Zeit zu bringen und in der Nachspielzeit den unglücklichen Ausgleich hinnehmen musste.

Die historische Nacht in Marseille mit dem ersten Sieg bei einem EM-Auftaktspiel ist damit vergeben, doch das Turnier ist noch lang. Und der englische Fan würde wohl liebend gerne auf die "Same procedure as every (two) year(s)" verzichten. Aber wer weiß, vielleicht steht England am Ende gar eine historische Nacht am 10. Juli in Paris bevor. Einige Ansätze machen durchaus Hoffnung, es ist aber auch noch jede Menge Luft nach oben.

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