Mit dem Abpfiff hielt es Antonio Conte nicht mehr auf dem Boden. Der Trainer musste einfach hoch hinaus – höher, als man es ihm und seinem Team zugetraut hatte. Und so sprang der Coach auf das Dach der Trainerbank, stütze sich ab und jubelte gen Tribüne, als würde ihn absolut nichts mehr aufhalten können.
Vier Jahre nach der 0:4-Demütigung im EM-Finale von Kiew gleicht der Triumph der Italiener gegen Titelverteidiger Spanien einer Sensation. Eine Überraschung, die aufgrund des Turnierverlaufs jedoch gar nicht so erstaunlich ist.
Die Squadra Azzurra ging mit verhaltenen Ambitionen ins Turnier. Der Kader strotzte angeblich nicht von internationaler Qualität und auch der Trainer sah die Teilnahme am Turnier eher als Teil eines Reifeprozesses. Nachdem die Ära Andrea Pirlo im Nationalteam beendet war, lagen die Hoffnungen der Fans auf Marco Verratti und Claudio Marchisio - doch beide Mittelfeldspieler mussten verletzt passen. Und das Erbe eines Christian Vieri, Pippo Inzaghi oder Luca Toni trat nun ein international mäßig erfahrener Graziano Pelle an – mit fünf Toren vor EM-Start der erfolgreichste Stürmer im Aufgebot.
"Der Kader ist nicht perfekt"
Auch Conte erkannte die Probleme: "Wir müssen uns alle bewusst werden, dass es derzeit kein einfacher Moment für den Calcio ist", gab der Trainer kurz vor der EM im Interview mit kicker und dpa zu. "Wir haben ein Generationsproblem, der Fußball bringt kaum neue Talente hervor."
Doch auch Spaniens Coach Vicente del Bosque hatte bei der Kaderauswahl so seine Probleme – jedoch ein grundlegend anderes: nämlich ein Überangebot. Mit Juan Mata, Fernando Torres und Javi Martinez mussten Top-Leute zuhause bleiben, die Conte wohl nur zu gerne aufgenommen hätte. Ergebnis: "Der Kader ist nicht perfekt", gab del Bosque zu. Doch falsch machen konnte man bei der Auswahl angesichts der Masse an Stars eher wenig.
Getty ImagesGraziano Pelle und Lorenzo Insigne bejubeln Italiens Viertelfinal-Einzug
Spanien ging als einer der heißesten Titelanwärter ins Turnier, während Italien mit seinem Rumpfkader nur aus historischen Gründen mit Außenseiterchancen bedacht wurde. Doch Spiel für Spiel glichen sich beide Teams an. Nach Italiens klarem Sieg über Belgien waren die Squadra plötzlich wieder diese Mannschaft, die man niemals abschreiben darf.
Der "Alchemist" sorgt für die perfekte Mixtur
Und während Spaniens Favoriten-Image durch die Niederlage gegen Kroatien deutlich leiden musste, erkannte man bei den Italienern nach dem 0:1 gegen Irland zielorientierten Pragmatismus – schließlich war man bereits als Erster qualifiziert und konnte die (wenigen) Top-Stars auf der Bank schonen.
Die Zielstrebigkeit Italiens war kein falscher Eindruck. Der "Alchemist", wie die Gazzetto dello Sport Trainer Conte nannte, nachdem er ein mittelmäßiges Juve-Team zum Erfolg geführt hatte, hat eine Mixtur erschaffen, die aus einer kompromisslosen Defensive, einem beinharten Mittelfeld und einem kaltschnäuzigen Konterspiel besteht. Und Pelle, der gegen Spanien durch den 2:0-Endstand (90.+1) sein Konto auf sieben Nationalmannschafts-Treffer hochschrauben konnte, zeigt Qualitäten, bei denen sogar Inzaghi warm ums azurblaue Herz werden dürfte.
Chiellini-Tor ist das Symbol der Squadra
Und dann war da diese Szene in der 33. Minute gegen Spanien, die all diese Zielstrebigkeit verdeutlichte: Nach Eders Freistoß, den Torwart David de Gea nur abprallen lassen konnte, wusste Emanuele Giaccherini als Erster, wo es brannte und servierte Kollege Giorgio Chiellini, der im Gegensatz zu einem Cristiano Ronaldo oder Dimitri Payet nicht die Hacke oder den Außenspann nimmt, sondern sein Schienbein. Ergebnis: das gleiche – nämlich ein Tor.
Den 2:0-Sieg Italiens über Spanien kann man nennen, wie man will. Ob Überraschung, Sensation, oder zu erwartender Erfolg: Italien hat eine der besten Mannschaften des Turniers besiegt und sich trotz, oder gerade wegen der schwierigen Voraussetzungen Respekt verdient.
Nun steht Antonio Conte und seinen Männern das Duell mit dem nächsten Favoriten bevor. Gegen Deutschland werde es "wahrscheinlich noch härter" als gegen Spanien, wie der Trainer glaubte. Doch Antonio Conte aufzuhalten, wird schwierig, denn der will nun noch höher hinaus.




