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Domenico Morfeo: Der egozentrische Kulinariker

10:00 MESZ 28.04.17
Domenico Morfeo
Morfeo zählt zu den größten Versprechungen Italiens. Sein hitziges Gemüt wird dem Ausnahmekönner aber immer wieder zum Verhängnis.

HINTERGRUND

Eine enge, kopfsteingepflasterte Gasse im Herzen Parmas. Altbauten und Laternen, deren spärliche Lämpchen die Szenerie in ein warmes Licht tauchen, säumen das kleine Sträßchen. Eine Komposition aus Touristen und Einheimischen drängt sich emsig hindurch, ein mancher sitzt in einem der vielen Cafes, ist entweder in ein angeregtes Gespräch verwickelt oder beobachtet das abendliche Treiben.

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So auch in diesem kleinen Restaurant mit dem herrlich klischeehaften Namen "Dolcevita". Unscheinbar liegt es da, lädt potenzielle Gäste mit seinen weit geöffneten Flügeltüren, die einen Blick auf die modern anmutende Bar mit ihren diversen Spirituosen freigeben, zum Verweilen ein. Im Inneren hängen modische Leuchten von dicken Holzbalken an der Decke, Bilder von italienischen und internationalen Schauspielgrößen zieren die Backsteinwände, es duftet herrlich. Nach Pizza, frischem Basilikum und Tomaten.

Lediglich eines von vielen Lokalen, derer es tausende in Italien gibt, sollte man meinen. Was ist also das Besondere am Dolcevita? Nun, der Besitzer des selbst ernannten Dinner Clubs ist Domenico Morfeo, einst eine der größten Hoffnungen des italienischen Fußballs des neuen, jungen Jahrtausends.

Totti, Cannavaro, Buffon, Morfeo

Geboren im Abruzzen-Dorf Pescina, schließt Morfeo sich im Alter von 14 Jahren der Nachwuchsschmiede Atalanta Bergamos und damit einer der besten des Landes an, weiß dort prompt zu gefallen. Am 19. Dezember 1993, als 17-Jähriger, feiert der offensive Mittelfeldmann bereits sein Profi-Debüt und darf im Anschluss acht weitere Male in Italiens Beletage ran. Am Ende der Spielzeit stehen drei Tore zu Buche, was die Gazetten im Land des Stiefels zu diversen Lobeshymnen veranlasst.

Aufgrund seiner herausragenden technischen Fähigkeiten, seines feinen Füßchens, wird Domenico schnell in einem Atemzug mit den vielversprechendsten Talenten genannt. Damalige Rohdiamanten, die sich heute wie die Hautevolee des italienischen Fußballs lesen: Francesco Totti, Fabio Cannavaro, Gianluigi Buffon oder Alessandro Nesta. Bei der U21-Europameisterschaft 1996 trifft er im Finale gegen Spanien den entscheidenden Elfmeter für die Squadra Azzurra und beschert seiner Mannschaft damit den Titel.

Einige Tifosi vergleichen Morfeo sogar mit einer der größten Legenden aller Zeiten, geben ihm den Spitznamen "kleiner Maradona". Vornehmlich als sportlicher Vergleich angedacht, zeigt sich alsbald, dass der Italiener auch charakterlich einige Ähnlichkeiten zu seinem Vorbild aufweist, die ihm im weiteren Verlauf seiner Karriere immer wieder zum Verhängnis werden.

Zunächst sorgt der Edeltechniker aber ausschließlich auf dem Platz für Furore, spielt sich in seiner zweiten Saison bei den Orobici in den Fokus aller Serie-A-Schwergewichte und wechselt letztlich nach Florenz, dessen Offensive mit Stars wie Gabriel Batistuta, Rui Costa und Luis Oliveira eigentlich ausreichend luxuriös besetzt ist. Nichtsdestotrotz erobert Morfeo auch die toskanischen Herzen, kommt in seiner ersten Saison bei den Violas auf 24 Einsätze, in denen er fünf Treffer erzielt, ehe er die Kunst- und Kulturmetropole gegen die Modehauptstadt Mailand eintauscht und den nächsten Karriereschritt wagt, bei Milan anheuert.

Ein Missverständnis namens Milan

Umgerechnet 20 Millionen Euro lassen sich die Rossoneri die Dienste des Ausnahmekönners kosten, müssen allerdings feststellen, dass der Transfer des Egozentrikers in die Kategorie "großes Missverständnis" fällt. Die Verantwortlichen bei Milan wollen Morfeo nach nur einem Jahr wieder loswerden und streben ein Leihgeschäft an. Cagliari signalisiert Interesse und erhält den Zuschlag. Bei dem sardischen Klub sorgt der Linksfuß nach kurzer Zeit für Ärger und überwirft sich mit Trainern und Mitspielern.

Fünfmal steht er für die Rossoblu auf dem Rasen, bevor er weiterzieht und auf's Festland zurückkehrt, bei Hellas Verona vorspielt, wo er auf einen alten Bekannten trifft: Cesare Prandelli, Förderer Morfeos aus gemeinsamen Zeiten bei Atalanta. Unter seinem Ex-Coach findet der Youngster langsam wieder in die Spur, was gleichzeitig die Erwartungshaltung der Fans und Medien offenbar ins Unermessliche steigen lässt. Wann schöpft dieses fußballerische Genie endlich sein volles Potenzial aus?

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In der Saison 2000/01 steht der nächste Wechsel an: Morfeo versucht sich erneut bei der Fiorentina, soll zusammen mit Enrico Chiesa Großes vollbringen, doch bis auf einige Torvorlagen läuft nicht viel zusammen beim einstigen Wunderknaben. Im Winter 2001 steht die nächste Leihe ins Haus, Morfeo kehrt zurück an den Ort, wo seine so verheißungsvolle Karriere etliche Jahre zuvor begonnen hatte: nach Bergamo. Die Lombarden schließen – nicht zuletzt dank Morfeos starken Auftritten – die Runde als Siebtplatzierter ab, Florenz beordert ihn zurück, hat aber mittlerweile mit großen finanziellen Nöten zu kämpfen und ist daher gezwungen, seine Bestverdiener abzugeben.

Morfeo zählt zu eben jenen Akteuren. Sein Weg führt erneut nach Mailand, diesmal allerdings zu Inter, wo er mit der legendären Nummer zehn auf dem Rücken glänzen soll. Wieder ein Top-Verein der Serie A, wieder kein Durchbruch. Domenicos Einstellung lässt auch bei den Nerazzurri zu Wünschen übrig, abermals stellt sich sein Transfer als Flop heraus. Erneut lässt ein neuerlicher Wechsel nicht lange auf sich warten. Inter verleiht den nun 27-Jährigen zum AC Parma. Wie schon in Verona oder bei seinem zwischenzeitlichen Gastspiel in der alten Heimat, ist Morfeo hier der große Zampano im Teich kleiner Fische. Es folgen die wohl fünf besten Spielzeiten in seiner letztlich verschenkten Karriere.

Nächster Rückschlag in Parma

Morfeo läuft bei den Gialloblu zu Höchstform auf, spielt unnachahmliche Pässe und trifft darüber hinaus selbst fünfmal ins Schwarze. Endlich scheint der Regisseur die perfekte Heimat gefunden zu haben. Doch auch in Parma will das Schicksal einfach nicht mitspielen. Der Hauptsponsor des Traditionsklubs, Parmalat, meldet Insolvenz an, das Unternehmen wird von einem Korruptionsskandal erschüttert, welcher den Verein ebenfalls mit voller Wucht trifft. Spieler müssen verkauft werden, der gute fünfte Tabellenrang aus dem Vorjahr kann nicht ansatzweise bestätigt werden. Vielmehr gerät die Mannschaft in Abstiegsangst, hält die Klasse erst, nachdem sie den Umweg über die Relegation macht, dort über Bologna triumphiert.

Ein Kraftakt, der letztlich auf den Schultern dreier Spieler bestritten wird. Torwart Sebastian Frey und die beiden Offensivkräfte Alberto Gilardino und eben Morfeo sind die Protagonisten, die Parma im Oberhaus halten. Ein aufgeschobenes Desaster, wie sich später herausstellen soll. Während der Saison 2007/08 trägt Morfeo interne Machtkämpfe mit Vorsitzenden und Trainerstab aus, äußert sich öffentlich negativ über seine Vorgesetzten.

Am Ende steigt Parma in die Serie B ab – und der vormalige Held sucht das Weite, nachdem das Tischtuch zwischen ihm und Klubführung endgültig zerschnitten ist. Nur ein Jahr darauf beendet Morfeo seine Karriere.

Wer den Fußball liebt, liebte auch Morfeo

Eigenen Angaben zufolge interessiert sich Morfeo nicht mehr besonders für seine einstmalige große Leidenschaft. Zusätzlich zu seinem Restaurant eröffnet er im 2015 ein Einkaufszentrum in der Nähe seiner Heimatstadt. Lieber, als dem runden Kunstleder hinterher zu jagen, Gegenspieler mit seinem Können zur Verzweiflung zu bringen, widmet sich der Kulinariker nun den anderen schönen Nebensachen im Leben.

Fernab des medialen Rummels, des Blitzlichtgewitters, in einer kleinen kopfsteingepflasterten Gasse in Parma, dort, wo zu gutem Wein und Pasta über Gott und die Welt schwadroniert wird, hat er sein Glück, sein Dolce Vita gefunden. Und so bleibt zum Abschluss einer aufwühlenden Laufbahn nur ein Calciomercato-Zitat festzuhalten, das nach Morfeos Rücktritt zu lesen war: "Es ist für Menschen, die den Fußball lieben, unmöglich, Domenico Morfeo nicht geliebt zu haben."