Manuel Neuer wollte die Diskussion schon im Keim ersticken, bevor sie überhaupt richtig Fahrt aufnehmen konnte. "Wir werden am Sonntag eine sehr gute Abwehr haben", hatte die Nummer eins der deutschen Nationalmannschaft angekündigt. Was die Defensivreihe des DFB-Teams dann tatsächlich in den ersten 45 Minuten des Auftaktspiels gegen die Ukraine zeigte, war von Neuers Prophezeiung aber weit entfernt, das 2:0 (1:0) am Ende trügerisch.
Gerade die im Vorfeld bekannte und benannte Anfälligkeit bei Standardsituationen war im Stade Pierre Mauroy allgegenwärtig. Fast jede der sieben ukrainischen Ecken im ersten Durchgang stellte das Team von Joachim Löw vor arge Probleme.
Zwar standen mit Jerome Boateng, Shkodran Mustafi und Benedikt Höwedes drei großgewachsene Spieler und gelernte Innenverteidiger auf dem Rasen, trotzdem gingen nahezu alle wichtigen defensiven Luftduelle verloren. Hauptursächlich war eine katastrophale Raumaufteilung im eigenen Strafraum.
Nur Neuer und Boateng auf der Höhe
Doch auch aus dem Spiel heraus offenbarte die deutsche Defensive eklatante Schwächen. Die schnellen Yevhen Konoplyanka und Andriy Yarmolenko konnten sich über die Flügel immer wieder gegen Höwedes und Jonas Hector durchsetzen - auch weil der Rest der Mannschaft zu langsam verschob, die Offensivreihe teilweise die Zweikämpfe verweigerte und das Pressing streckenweise überhaupt nicht funktionierte.
So musste Neuer in höchster Not mit starken Reflexen gegen Konoplyanka (5.) und Yevhen Khacheridi (26.) klären. Auch bei Vyacheskav Shevchuks Schuss (32.) und Konoplyankas Hereingabe (37.) verteidigten die Deutschen vogelwild. Letztere Situation entschärfte Boateng noch gerade so mit einer Wahnsinss-Rettungstat auf der Linie.
Kurz vor der Pause überlief dann Shevchuk Höwedes auf dem linken Flügel und flankte scharf in die Mitte in Richtung Roman Zozulya. Mit großer Mühe bekam Boateng noch den Fuß dazwischen. Überhaupt: Einzig Neuer und Boateng machten gegen den Ball eine richtig gute Figur. "In der Viertelstunde vor der Pause haben wir unser Spiel nicht mehr durchgebracht. Da hätten wir uns nicht beschweren dürfen, wenn die Ukraine den Ausgleich erzielt hätte", befand Toni Kroos.nach der Partie treffend.
In der zweiten Halbzeit verbessert, aber nicht sicher
Immerhin scheint Löws Halbzeitansprache gesessen zu haben. Nach der Pause präsentierte sich das DFB-Team verbessert, weil das Anlaufen des Gegners in vorderster Linie besser gelang und die Ukraine somit nur noch selten in die gefährlichen Zonen oder zu Standardsituationen kam.
Dass die Abstimmung allerdings noch nicht annährend der eines Weltmeisters würdig ist, offenbarte die Schlussphase. Erst verschätze sich Boateng nach einem langen Ball von Andriy Pyatov, ehe es zum Missverständnis zwischen Mustafi und Neuer kam (88.), dann ließen sich Mustafi und Co. erneut auf der linken Außenbahn viel zu einfach ausspielen (89.).
Eine ebenso alte wie abgedroschene Mannschaftssport-Weisheit besagt: Offense wins Games, Defense wins Championships. Der Angriff gewinnt Spiele, die Verteidigung Meisterschaften. Man kann über das Gehalt dieses Sprichworts freilich diskutieren. Eines dürfte aber klar sein: Eine Defensive wie die der Deutschen am Sonntagabend gewinnt keine Europameisterschaft.
Der Trainingsschwerpunkt dürfte in der kommenden Woche damit klar sein. Im zweiten Gruppenspiel gegen Polen braucht es eine deutlich verbesserte Defensivleistung.




