Wieder und wieder wurde Mario Gomez mit hohen Bällen gefüttert. Als einziger Spieler stand der wuchtige Angreifer am Freitagmittag beim Geheimtraining auf dem Trainingsplatz in Evian. Immer wieder tat er das, was er am besten kann, was er aber lange hatte nicht zeigen können: Gomez vollstreckte. Mit einem beeindruckenden Selbstverständnis.
"Ich fühle mich so gut wie noch nie", sagt Gomez. Lange habe er sich nach seiner vergebenen Großchance im letzten Gruppenspiel der EM 2008 gegen Österreich ungerecht behandelt gefühlt, erklärt er im Interview mit dem Tagesspiegel. "Das war schwer zu verarbeiten für mich damals mit Anfang 20. Ich glaube sogar, dass mich dieses Missgeschick eine gute Zeit in der Nationalmannschaft gekostet hat."
Im Jahr 2016 hat sich Gomez von seiner Vergangenheit befreit. Auch von der jüngeren. Nach zwei Seuchenjahren mit Verletzungsproblemen und nur sieben Ligatoren in 29 Spielen beim AC Florenz kämpfte sich Gomez zurück. Er wechselte zu Besiktas, wurde Meister und Torschützenkönig. In der Türkei schoss sich Gomez wieder in den Kreis der deutschen Nationalmannschaft.
Gomez mit sich im Reinen
"Ich habe überhaupt nicht mehr das Gefühl, dass mich alle Fans und alle Journalisten mögen müssen. Es ist weg", erklärt Gomez heute und mutmaßt: "Das mag daran liegen, dass es für meine Karriere auf die Zielgerade geht. Ich genieße den Fußball wie noch nie in meiner Karriere. Gerade weil ich eben weiß, wie es ist, wenn man keinen Erfolg hat, wenn einen das Gefühl verlässt, das Vertrauen und die Power."
Jenes Vertrauen und jene Power sind längst wieder da. Das ist deutlich zu spüren, als Gomez da steht, allein auf dem Rasen in Evian und die Bälle versenkt. Er, dessen Nominierung vor einem Jahr noch völlig absurd gewesen wäre, darf sich plötzlich berechtigte Hoffnungen machen, bei der EM in Frankreich eine Schlüsselrolle einzunehmen.
Ob er dann tatsächlich von Beginn an spielt, wenn das DFB-Team am Sonntag mit dem ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine (21.00 Uhr im LIVE-TICKER) ins Turnier startet, hängt womöglich auch von einer Grundsatzfrage ab. Es könnte heißen: Mario oder Mario, Gomez oder Götze, echte oder falsche Neun.
Tief im Inneren verbunden
Bundestrainer Joachim Löw wird sich wohl entscheiden müssen zwischen zwei Spielern, die sich tief im Inneren verbunden fühlen dürften. Beiden wurde schon im zarten Alter der Ruf des Ausnahmetalents zuteil, beide konnten die exorbitante Erwartungshaltung auf Dauer nicht erfüllen. Während der eine aber längst wieder der alte ist, muss der andere erst wieder der alte werden. Bei der Nationalmannschaft.
Mario Götze hat gelitten, in drei Jahren beim FC Bayern wurde er seinem zweifelsohne vorhandenen, herausragenden Potenzial nicht gerecht. Er bekam nur selten das Vertrauen und wenn doch, wusste er nur selten zu überzeugen. Mitreißende Leistungen wie zu seiner Zeit bei Borussia Dortmund konnte er plötzlich nicht mehr abrufen, zumindest nicht in früherer Regelmäßigkeit.
Wenn Götze seine Qualitäten aufblitzen lässt, dann ist da plötzlich wieder dieser junge Kicker, dem man einst zutraute und irgendwie auch noch immer zutraut, einer der Größten seiner Zunft zu werden. Der mit seiner exquisiten Ballführung an den Gegenspielern vorbeispaziert, der Pässe spielt, die andere nicht einmal sehen. Der junge Kicker, der formvollendete Treffer erzielt wie jenen historischen vor zwei Jahren im Maracana-Stadion. Sie sind noch da, die lichten Momenten. Einzig die Konstanz fehlt.
"Unsere Mannschaft steht"
"Mario Götze ist ein Spieler mit vielen Fähigkeiten. Dass er nach so einem emotionalen Moment ein Tief erlebt, ist nichts Ungewöhnliches", sagt Löw, der Götze gute Leistungen in den Testspielen gegen die Slowakei und Ungarn bescheinigt: "Ich habe ihn sehr positiv gesehen. Er war in beiden Spielen gut und hat sich sehr gut bewegt."
In Löw hat Götze einen Trainer, der ihm vertraut und den Rücken stärkt, das tut ihm gut. Schon im Trainingslager in Ascona, aber auch am Genfer See in Evian wirkte Götze selbstbewusst, befreit. Er sei bereit, sagt Löw.
Zufrieden ist der Bundestrainer derzeit mit beiden Marios. Auch weiß er schon längst, was er mit mit seinen Offensivkräften vorhat. "Unsere Mannschaft steht", verriet Co-Trainer Thomas Schneider auf der Pressekonferenz am Freitag - ohne dabei Namen zu nennen. Womöglich stehen beide Marios ja sogar zusammen in der Startelf.
