Thomas Müller Deutschland Germany 06162016Getty Images

DFB-Team: Wenn das Müllern schwierig wird

Beim Kurznachrichtendienst Twitter nennt er sich es müllert. Müllern, das heißt Tore schießen, und ist in Deutschland mittlerweile in Fachkreisen genauso etabliert wie zlatanieren in Schweden. Nur ist bei dieser Europameisterschaft alles anders: Zlatan Ibrahimovic zlataniert nicht, und Thomas Müller müllert nicht.

Das wurmt den Deutschen. "Ich persönlich bin nicht zufrieden", sagte der angefressene Angreifer nach dem 0:0 gegen Polen im Stade de France. Nun ist Müller ein Teamplayer. Der Münchner ist nicht gleich unzufrieden, bloß weil seine persönliche Torausbeute nicht stimmt. Nein, Müller stellt seinen eigenen Erfolg stets hinter den der Mannschaft. Wenn aber auch der ausbleibt, kann selbst der sonst so umgängliche Müller ungemütlich werden. 

"Mich stört gar nicht die Tatsache, dass ich noch kein EM-Tor geschossen habe, sondern viel mehr, dass ich mir in den letzten beiden Spielen mit dem Team zusammen keine wirkliche Tormöglichkeit erarbeiten konnte. Daran haben wir zu knabbern", ärgerte sich der 26-Jährige. Was so unglaublich klingt, als sei es eine maßlose Übertreibung, ist nahe an der Realität: In 180 EM-Minuten hat Müller erst einmal aufs Tor geschossen.

Überhaupt ist Müller noch nicht richtig in Frankreich angekommen. Er bekommt Bälle in Zonen, in denen ein Müller keine Bälle bekommen sollte. Auf dem rechten Flügel wirkt er isoliert, also lässt er sich fallen, rückt ins Zentrum, ohne Erfolg. Müller ist kein Spielmacher, er ist ein Vollstrecker. Und ein Raumdeuter. Einer, der im und um den Sechzehner herumwuselt, sich geschickt zwischen den Linien bewegt und Räume kreiert. Der unkonventionelle Laufwege wählt, seine Gegenspieler mit seiner konfusen Spielweise verwirrt und lose Bälle verwertet. Einer, der seine Stärken am besten im Zentrum ausspielen kann.

Als Mittelstürmer traf Müller etwa im WM-Eröffnungsspiel vor zwei Jahren dreifach gegen Portugal, als hängende Spitze erzielte er in der abgelaufenen Bundesliga-Saison 20 Tore. Nun wäre es gelogen zu behaupten, Müller könne nicht auf dem rechten Flügel spielen. Unter Joachim Löw kam er dort häufiger zum Einsatz als in der Mitte. Und er machte sehr wohl gute Spiele und Tore. In diesen Spielen wurde er aber von seinen Mitspielern deutlich besser unterstützt, als es bei dieser EM der Fall ist. Derzeit spielt mit Benedikt Höwedes zwar ein defensiv im höchsten Maße zuverlässiger Mann hinter ihm, aber keiner, der nach vorne Dampf macht, hinterläuft, sich anbietet.

Insbesondere weil Deutschland seit Miroslav Klose ein echter Knipser fehlt, könnte Müller der Mannschaft im Zentrum, wie die Fußballer selbst gerne sagen, am besten helfen. "Ich würde Müller hinter die Spitze stellen, das ist die Position bei Bayern, die näher am gegnerischen Tor und damit auch gefährlicher ist", kannte Müller selbst seine Stärken schon 2011 im Interview mit der Süddeutschen Zeitung ganz genau. Nur gibt es da ein Problem - und das hat einen Namen: Mesut Özil.

Özil und Müller im Zentrum?

Der Spielmacher vom FC Arsenal ist ebenfalls aus der Mitte heraus am ehesten in der Lage, seine Qualitäten vollumfänglich abzurufen. Daher machte Löw schon vor EM-Beginn gegenüber dem kicker klar: Dass Özil auf dem Flügel aufläuft wie bei der WM in Brasilien, "ist im Moment keine Alternative. Mesut ist auf der Zehn in diesem Jahr so stark, wie er vielleicht 2012 und 2013 war. Er ist für die Mannschaft am wertvollsten, wenn er in der Zentrale spielt." Bislang konnte Özil das Vertrauen nicht rechtfertigen.

Sollte bei Löw dennoch kein Umdenken stattgefunden haben, gibt es nur eine Alternative, um die Stärken beider Akteure maximal auszureizen: Eine Aufstellung mit Müller im Sturm und Özil auf der Zehn. Mario Götze konnte in vorderster Front schließlich noch nicht überzeugen, Mario Gomez scheint auch nur bedingt eine Alternative zu sein, kam er bislang doch auf gerade einmal 20 Einsatzminuten.

Bleibt alles wie es ist, kann es natürlich auch klappen mit Müller. Dann allerdings müssen sich Özil, Götze und Julian Draxler deutlich steigern. Und natürlich Müller selbst. Aber Müller wäre nicht Müller, wenn er seinen Glauben aufgrund zwei schwacher Spiele verlieren würde. Ob auf dem rechten Flügel oder im Zentrum, Müller weiß, dass er seine Möglichkeiten im Laufe des Turniers bekommen wird.

"Dann", sagt Müller, "muss ich da sein." Dann heißt es: Es müllert wieder. So nennt sich übrigens seine Internetseite.

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