Armut, Korruption, Ausbeutung, Zwangsprostitution, mittendrin abgemagerte Kinder. Sie spielen Fußball, um den Hunger zu vergessen. Heute bleibt der Tisch leer. Auch gestern gab es nichts zu essen, das kommt häufiger vor. Alltag in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Allein in dieser Stadt teilen knapp zehn Millionen Menschen dieses Schicksal, den täglichen Kampf ums Überleben. Wer all das nur einmal mit eigenen Augen gesehen hat, wird den Anblick nie vergessen.
Auch Chadrac Akolo war einst eines dieser Kinder, die auf den staubigen Ascheplätzen der Millionenstadt gegen den Hunger gespielt haben. Bis zur Dunkelheit. "Dann bin ich daheim ins Bett gefallen und habe sofort geschlafen", sagt er heute. Zidane nannten sie ihn damals, weil er so spielerisch und elegant mit dem Ball umgehen konnte. Bis 2009 lebte Akolo in Kinshasa, dann entschied sich der damals 14-Jährige zusammen mit seinem Vater zur Flucht. Vor dem Hunger. Vor der Armut. Vor der Hoffnungslosigkeit.
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Ziel der beiden war Bex, ein 7.300-Seelen-Dörfchen in der französischen Schweiz. Seine Mutter und seine Geschwister waren bereits hier und warteten auf die Aufenthaltsgenehmigung. Die Flucht führte die Beiden in einem Boot über das Mittelmeer. Eine lebensgefährliche, traumatisierende Reise. Wohl auch deshalb spricht Akolo nicht darüber. "Das soll mein Geheimnis bleiben", gibt er zu verstehen.
In der Schweiz angekommen widmete er sich wieder seiner Leidenschaft, dem Fußball. Beim FC Bex tritt er erstmals gegen einen ledernen Ball. Seine anfänglichen taktischen Defizite überdeckt er gekonnt mit starken Antritten und spektakulären Toren. 2012 folgt der Wechsel in die Jugend des FC Sion, wo er im Oktober 2014 nach sieben Treffern in zwölf Spielen für die Reservemannschaft sein Debüt für die Profis feierte. Für mehr als Kurzzeiteinsätze war es jedoch zu früh.
"Sein Talent konnte man sofort erkennen"
Im Winter 2016 ging es auf Leihbasis für ein halbes Jahr zu Neuchatel Xamax in die zweite Schweizer Liga. Hier gehörte Akolo zu den Stammkräften und entdeckte seine Torgefährlichkeit: Neun Treffer und drei Vorlagen in 16 Partien standen am Ende für ihn zu Buche, eine starke Quote für einen klassischen Flügelspieler. "Mit dem Rücken zum Tor gibt es in der Schweiz keinen besseren Spieler", schwärmte Trainer Michel Decastel gegenüber der Neuen Züricher Zeitung von seinem Shootingstar. "Akolo hat nach jedem Training eine Zusatzschicht eingelegt. Er hat eine enorme Lust demonstriert, vorwärtszukommen", begründet er dessen Entwicklung.
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Ein halbes Jahr später kehrte Akolo zurück zum FC Sion. Trainer war damals ein Deutscher, Peter Zeidler. "Wir hatten eine ganz besondere Beziehung, ich habe ihn immer gefördert. Bevor ich gekommen bin, hat er so gut wie nie gespielt, aber bei mir war er vom ersten Tag an gesetzt. Sein Talent konnte man sofort erkennen", so Zeidler kürzlich gegenüber den Stuttgarter Nachrichten. "Auf der einen Seite ist er einer, der in der Kabine oft lacht und Humor mitbringt. Andererseits ist er jedoch auch noch vorsichtig und scheu, was vermutlich mit seiner Geschichte zusammenhängt. Schließlich hat er schon viel erlebt", beschreibt er den Charakter seines Schützlings.
Ihm gab er die nötigen Freiheiten, um seine Qualitäten auszuleben. "Chadrac ist einer dieser seltenen Instinktfußballer. Wenn er mit dem Rücken zum Tor den Ball bekommt, macht er Dinge, die für den Verteidiger nicht voraussehbar sind", begründete Zeidler im Tagesanzeiger.
Überragende Saison in der Schweiz
Der Flügelstürmer zahlte in der das in ihn gesteckte Vertrauen mit herausragenden Leistungen zurück. Am Ende standen 15 Treffer und fünf Vorlagen in 34 Partien, nur drei Spieler trafen häufiger. Im April wurde Mentor Zeidler jedoch aufgrund mäßiger Ergebnisse entlassen. Bereits in den Wochen zuvor stand der 54-Jährige enorm unter Druck.
Eine Situation, welche auch an Akolo nicht spurlos vorbeiging: "Ich wollte dem Trainer mit Toren helfen. Aber ich war ja selbst in diesem Frühjahr viel zu verkrampft. Ich setze mich selber unter Druck. Und dann klemmt's. Und wenn ich dann überdies unbedingt jemandem mit Toren helfen will wie dem Trainer, wird's noch schwieriger", verriet er damals gegenüber dem Blick. In den letzten neun Partien der Saison kam der 22-Jährige nur noch auf einen einzigen Treffer. Sein enormes Potenzial hatte er zuvor jedoch mehr als angedeutet.
Am Sonntag verkündete der VfB Stuttgart schließlich die Verpflichtung des Kongolesen. "Chadrac Akolo hat sich in den zurückliegenden zwei Jahren sehr gut entwickelt. Wir trauen ihm zu, diese Entwicklung auch in der Bundesliga fortzusetzen", schwärmte Sportvorstand Jan Schindelmeiser bei der Bekanntgabe des Neuzugangs. Akolo lächelte fröhlich, als er sein Trikot mit der Nummer 19 in Richtung Kamera hielt.
"Was ich erlebt habe, ist unfassbar. Ja, meine Geschichte ist ein Wahnsinn", sagte er bereits im Februar. Abheben wird er dennoch nicht: "Die Gefahr ist klein, dass mir das passiert. Ich werde nie vergessen, woher ich komme. Und dass ich dankbar sein muss, nun ein Leben führen zu dürfen, das zehnmal einfacher ist als in Afrika." Dort wo Armut, Korruption, Ausbeutung und Zwangsprostitution den Alltag bestimmen. Wer all das mit eigenen Augen gesehen hat, wird den Anblick nie vergessen.



