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Jetzt gegen den BVB, früher Knast: Daniel Keita-Ruel war der "Big Boy" und startet neu durch

16:30 MESZ 20.08.18
GFX Daniel Keita-Ruel SpVgg Greuther Fürth
Keita-Ruel steht gegen den BVB vor dem Spiel seines Lebens. Eine Entwicklung, die ihm während seiner langjährigen Haftstrafe niemand zugetraut hätte.


HINTERGRUND

DFB-Pokal, 1. Hauptrunde, das Montagsspiel zur Prime Time. Das Duell wird im TV übertragen, Millionen sehen zu. Der Gegner? Der große BVBDaniel Keita-Ruel muss es dieser Tage wie im Märchen vorkommen, wenn er an die bevorstehende Begegnung denkt. Der Angreifer der SpVgg Greuther Fürth ist endlich angekommen auf der Bühne Profi-Fußball. Ein Traum geht in Erfüllung, an den er vielleicht vor zwei Jahren bei seiner vorzeitigen Entlassung aus dem Gefängnis nicht einmal selbst geglaubt hätte.

Fürth vs. Dortmund im TV und LIVE-STREAM sehen: Alle Informationen zur Übertragung

Zeitsprung, 2016. "LIVE FAST", lebe schnell, prangt in Großbuchstaben auf der Brust. Im Hintergrund dominiert eine schlichte, graue Betonmauer das Bild. Die Kapuze des schwarzen Hoodies hat Keita-Ruel über den Kopf gezogen und gleichzeitig einen leicht skeptischen und ernsten Blick aufgesetzt.

Daniel Keita-Ruel: Wegen eines Modeljobs nimmt sein Leben wieder Fahrt auf

Der Spruch, der die Kollektion eines Modelabels prägt, passt perfekt zum damals 27-jährigen Stürmer. Sein Leben hat nach seinem dunkelsten Kapitel wieder Beschleunigung aufgenommen, er steht wieder mitten im Leben – nicht nur auf dem Platz, sondern auch als Teilzeitmodel macht er eine gute Figur.

"Das Label ist ausgerechnet durch mein Entlassungsfoto aus dem Gefängnis auf mich aufmerksam geworden. Sie wollten ein Model mit Persönlichkeit, mit Geschichte. Das Probeshooting lief gut und danach war ich unter anderem in Mailand, Cannes und Monaco", erzählt er gelassen gegenüber Fussball.de. Es wirkt gerade so, als hätte es sie nie gegeben, die Zeit, als alles zum Stillstand gekommen war.

Daniel Keita-Ruel: Der "Big Boy" muss lange ins Gefängnis

Im September 2011 fällt der Vorhang fürs Erste, die Leidenszeit von Keita-Ruel bricht an: Festnahme. Gerichtsverhandlung. Schuldig gesprochen. Fünfeinhalb Jahre Gefängnis. Der Grund? Gemeinsam mit sieben Komplizen überfiel Keita-Ruel, der in der Bande nur den Spitznamen "Big Boy" trägt, Kioske, Postfilialen und einen Baumarkt. Der damals 21-Jährige war an insgesamt drei Raubüberfällen beteiligt, soll mit seinen Mittätern rund 100.000 Euro erbeutet haben.

"Ganz einfach: Falsche Freunde"”, ist seine kurze Antwort, wenn man ihn nach den Gründen seines Handelns fragt. "Ich habe mich von älteren, damals für mich so coolen Typen beeindrucken lassen. Ich wollte einer von ihnen sein und wollte zeigen, dass ich auch so cool bin. Das war definitiv der größte Fehler meines Lebens.”

Es war nicht nur der "größte Fehler seines Lebens", sondern - so sieht es damals aus -  auch das abrupte Ende seines Traums, dem er seit seinen Kindertagen hinterherjagte: Fußball-Profi sein.

"In der Birne bist du Kreisliga": Borussia Mönchengladbach sortiert Keita-Ruel aus

Als er 17 Jahre Jahre alt war, wurde der Bundesligist aus Mönchengladbach auf ihn aufmerksam. Nach zwei Saisons war aber abrupt Schluss am Niederrhein. Der ganz große Sprung wurde ihm nicht zugetraut. "Von Kopf bis Fuß bist du Bundesliga, aber in der Birne bist du Kreisliga", gibt Keita-Ruel gegenüber der Süddeutschen Zeitung die Worte von Borussen-Manager Max Eberl wieder, als er den Youngster zum Rapport in sein Büro zitierte.

"In Gladbach habe ich keinen Profivertrag bekommen, sollte bei den Amateuren bleiben. Dann war ich enttäuscht und bin von dort weggewechselt. Ich fing an, nur rumzuhängen und so habe ich dann auch die falschen Freunde kennengelernt", sagt er heute gegenüber Franken Fernsehen.

Keita-Ruel schloss sich dem damaligen Regionalligisten Bonner SC an. Doch auch hier lief es nicht wie gewünscht. Nur ein Jahr später, 2009, kehrte er wieder in seine Geburtsstadt zurück, kickte für den Wuppertaler SV, dem Verein, für den er schon während der Jugend die Schuhe schnürte.

Der Fußball wird nach und nach zum Nebenschauplatz. Er rutscht auf die schiefe Bahn ab. Die "falschen Freunde" nehmen einen immer größeren Platz in seinem Leben ein. Bis zum großen Knall im September 2011. Der “Big Boy” hat ausgespielt.

Durch SEK-Beamte festgenommen: Keita-Ruel "war völlig geschockt"

"Ich war völlig geschockt. Die Beamten kannten mich ja auch noch fast alle. Ich solle nicht weglaufen, hat einer gesagt. Sie wussten schließlich, dass ich Profifußballer bin. Vorher hatte ich nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt", beschreibt er den Tag der Festnahme durch SEK-Beamte bei derwesten.de.

Fünfeinhalb Jahre. Im März 2012 fällt das Urteil, Keita-Ruel und seine Komplizen müssen hinter Schloss und Riegel. Das Gericht verdonnert ihn zu einer langen Haftstrafe.

Aufgrund guter Führung darf der gebürtige Wuppertaler nach rund drei Jahren das Gefängnis verlassen, ist im offenen Vollzug. Ein Jahr später wird seine Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Er heuert beim Oberligisten Ratingen 04/19 an. Dort ist er gleich wieder mitten im Geschehen, macht mit klasse Leistungen auf sich aufmerksam. Wie geht das? Er war doch vier Jahre komplett aus dem Fußballzirkus raus?!

"Man hat viel Zeit, über sich nachzudenken. Glücklicherweise konnte ich fußballerisch und athletisch arbeiten." Der Angreifer, den neben einer überdurchschnittlichen Schnelligkeit noch eine gute Abschlussstärke und ein guter Blick für seine Mitspieler auszeichnen, übernimmt hinter Gittern die Rolle des Sportwarts. Er ist für den gesamten Sportbereich der Justizvollzuganstalt verantwortlich. Mit Trainingsplänen vom Athletik-Trainer seines alten Vereins aus Wuppertal ausgestattet, arbeitet er an den Grundlagen seines Comebacks.

Im Sommer 2016 führt ihn sein Weg zur SG Wattenscheid 09. Wieder Regionalliga. Doch dieses Mal soll es dort nicht enden, er will sich nicht mehr vom Weg abbringen lassen: "Meine Mittäter sind heute auch alle raus aus dem Knast. Ich habe aber keinen Kontakt mehr zu diesen Leuten."

Von der Regionalliga ins Profigeschäft: Keita-Ruel arbeitet sich nach oben

Vielmehr will er seine Leistungen auf dem Platz kontinuierlich verbessern. “Ich bin 27 und habe noch einiges vor. Ich werde aber mit meinen Zielen, Träumen nicht herum posaunen. Das macht keinen Sinn. Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft und es kann schnell nach unten wie auch oben gehen", gibt er sich selbstbewusst und schiebt hinterher: "Für das, was ich jetzt mache, habe ich vier Jahre hart gearbeitet. Es gibt genügend Beispiele von Profis, die es erst spät in eine höhere Liga geschafft haben. Dieses Ziel verfolge auch ich nach wie vor."

Und er verwirklicht sein Ziel, in atemberaubendem Tempo. Ein Jahr Wattenscheid, dann der Wechsel zu Fortuna Köln in die dritte Liga. Dort erzielte er in seiner ersten Saison 15 Tore, empfahl sich schnell für höhere Aufgaben – und entschied sich nach nur einem Jahr in Köln für den Wechsel in die 2. Bundesliga nach Fürth.

Jedes Jahr eine Liga höher - Keita-Ruels Stationen nach dem Gefängnis

SPIELZEIT VEREIN LIGA
Saison 2018/19 SpVgg Greuther Fürth 2. Bundesliga
Saison 2017/18 Fortuna Köln 3. Liga
Saison 2016/17 Wattenscheid 09 Regionalliga
Saison 2015/16 Ratingen 04/19 Oberliga
Saison 2014/15 Ratingen 04/19 Oberliga

"Ich hatte ein gutes Gespräch mit dem Trainer, der extra seinen Urlaub abgebrochen hat – das hat mir imponiert. Danach wusste ich dann auch gleich, dass ich nach Fürth kommen muss und ich habe anderen Vereinen, mit denen die Verhandlungen schon viel fortgeschrittener waren, abgesagt", sollte der 28-Jährige danach verraten.

Und Keita-Ruel liefert auf Anhieb. Am ersten Spieltag sorgt er sofort mir seinem Doppelpack für den 3:1-Sieg, der perfekte Saisonstart. Dass er als junger Kerl durch den Einfluss falscher Freunde auf die schiefe Bahn geriet, kann er nicht mehr ändern. Aber er will jetzt mit Beharrlichkeit daran arbeiten, die verlorene Zeit zwischen dem 22. und 25. Lebensjahr so weit wie möglich aufzuholen. 

Er ist wieder mittendrin im Fußballerleben - vorbei die kriminellen Zeiten. Überfälle waren gestern. Und böse schauen tut er nur noch auf Fotos für seinen Modeljob. Ein zweites Standbein, das er sich aufgebaut hat - sollten Abende wie am Montag, Prime-Time, gegen Borussia Dortmund, doch nicht zur Regelmäßigkeit werden ...

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