Als sich Nico Schlotterbeck am Samstagabend nach dem 2:2 gegen den FC Bayern vor die Pressevertreter stellte und sechs Minuten über das Topspiel der Bundesliga sprach, tat er das beinahe in sich ruhend. Borussia Dortmunds Kapitän strahlte während seiner Ausführungen viel Überzeugung und Selbstvertrauen aus, was angesichts des Spielverlaufs und Punktgewinns nicht überraschte.
Doch bei dem, was er so alles sagte, schwang mehr mit als nur die kurzfristige Betrachtung eines soeben abgelaufenen Spiels. Schlotterbeck scheint zu spüren, dass beim BVB in dieser Saison noch eher etwas möglich ist als in den Vorjahren. "Die Mannschaft ist gut", sagte er und lieferte eine Begründung mit, die weniger das Kollektiv umfasste: "Ich glaube sogar, dass manche Spieler gar nicht wissen, wie gut sie eigentlich sind."
Aufgelöst, welche Teamkollegen er konkret damit meinte, hat Schlotterbeck nicht. Ein guter Tipp wäre zweifelsfrei Joane Gadou. Das Talent, sein Potential, die bisherigen Fortschritte - der 19-jährige Innenverteidiger, der den BVB durch Boni bis zu 25 Millionen Euro kosten könnte, erweist sich immer mehr als echtes Schnäppchen.
Das Paket, das der 1,95 Meter große Gadou mitbringt, ist bereits in diesem jungen Alter enorm. Mit seiner überragenden Physis agiert er in den direkten Duellen kompromisslos, aggressiv und unnachgiebig. Einen Zweikampf gegen diesen Schrank zu gewinnen, ist alles andere als leicht.
Getty ImagesJoane Gadou ist der drittschnellste Spieler der Bundesliga
Hinzu kommt seine erstaunliche Geschwindigkeit. An den bisherigen acht Bundesligaspieltagen gab es nur vier Spieler, die auf ein Tempo von über 36 km/h kamen. Gadou steht mit 36,55 km/h nur hauchdünn hinter dem Mainzer Sheraldo Becker mit 36,58 und Spitzenreiter Alphonso Davies vom FC Bayern, der auf 36,7 kommt, auf dem Treppchen.
Diesen Trumpf setzt der Franzose gekonnt ein. Er bringt seine PS teils so explosiv und dynamisch auf die Strecke, dass ihm so gut wie kein Gegenspieler wegläuft. Häufig fungierte er als Dortmunds Ein-Mann-Restverteidigung. Schon jetzt ließen sich zahlreiche Szenen finden, in denen Gadou per Sprint einen allein Richtung Tor stürmenden Gegner einfing und aufhielt.
Auch mit dem Ball wird er immer besser. Gadou ist vom Spielertyp her jemand, der gerne ins Mittelfeld und letzte Drittel dribbelt und so Überzahl schaffen kann. Da fand er anfangs nicht immer die richtige Mischung, auch sein Passspiel geriet teils schludrig. Doch mittlerweile findet er häufiger ein gutes Passfenster, um seine Mitspieler ins Spiel zu bringen. In der Kategorie "Linienbrechende Pässe" gehört Gadou ebenso zu den besten Bundesligaspielern wie bei Tacklings und Wiedereroberungen.
Getty ImagesKovac über Joane Gadou: "Nicht auf dem Niveau, wo ich ihn gern hätte"
Auf seine positive Entwicklung mit der Kugel am Fuß angesprochen, sagte Sportdirektor Ole Book am Samstag: "Total. Ich fand die letzten Wochen wirklich sehr gut bei ihm. Eigentlich verbessert er jede Woche ein Thema. Da arbeitet das Trainerteam wirklich sehr, sehr akribisch mit ihm. Es sind ständig Sitzungen und Analysen. Ich finde, die Fortschritte sind von Woche zu Woche erkennbar."
Coach Niko Kovac soll sich mit Gadou gezielt individuell beschäftigen. Es heißt, das Einzeltraining umfasse sein Stellungs- und die Kopfballspiel. Gerade in der Luft hat er in Sachen Technik noch Luft nach oben. Bisher tauchte Gadou bei offensiven Standardsituationen quasi nie entscheidend auf, was beim größten Spieler im Kader natürlich noch reichlich ungenutztes Potenzial bietet.
Auch bei der Körperlichkeit verlangt Kovac (noch) mehr, wie er kürzlich verriet: "Joane hat sich richtig gut entwickelt, er macht richtig Fortschritte. Bei ihm ist es dasselbe wie bei allen anderen Spielern, die in jungen Jahren hierherkommen: Sie brauchen Zeit, um sich zu entwickeln, auch körperlich. Er ist auf einem guten Weg, auf einem guten Niveau, aber nicht auf dem Niveau, wo ich ihn gern hätte."
IMAGOJoane Gadou zeigt hervorragende Leistung gegen Bayern
Bislang hält Gadou den für ihn zuvor aus Salzburg noch eher unbekannten Spielrhythmus mit permanenten englischen Wochen gut durch. 13 der 14 Pflichtspiele hat er bereits absolviert. Elfmal stand er dabei in der Startelf, in neun Partien kam er über die vollen 90 Minuten zum Einsatz.
Am Wochenende in München waren es deren 87, den späten Ausgleich von Fabio Silva zwei Minuten später erlebte Gadou von der Bank aus. Zuvor hatte er in der überraschenden Rolle als Rechtsverteidiger in einer Viererkette einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Bei seinem wohlgemerkt ersten Topspiel in München.
Fünf Tacklings, neun Wiedereroberungen, drei Klärungen, acht gewonnene Zweikämpfe, zwei von zwei erfolgreiche Dribblings - das sind überragende Werte. Vor allem dank Gadous Tempo und der Stärke im Zweikampf war es Dortmund möglich, mit der Kette deutlich höher zu schieben und den FCB weiter vorne zu attackieren.
Getty ImagesBVB-Neuzugang Joane Gadou "hat unfassbare Möglichkeiten"
"Er hat halt unfassbare Möglichkeiten: Physisch, defensiv, in den Zweikämpfen", sagte Book. "Wenn das so zusammenkommt, werden wir in Zukunft viel Freude an ihm haben." Wird Gadou körperlich gar noch stärker und verstetigt seine Fortschritte, erst recht in der bisherigen Geschwindigkeit, könnten Fragen nach seiner Zukunft schnell dringlicher werden als man aktuell denkt.
Bis 2031 hat der zweimalige U21-Nationalspieler beim BVB unterschrieben. Dass er mit seinen Fähigkeiten perfekt in die Premier League passen würde, ist offensichtlich. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis der Name Gadou erstmals in Englands Gerüchteküche auftaucht.
Im vergangenen Sommer hatte es zahlreiche Spekulationen rund um einen möglichen Abgang des derzeit formschwachen Felix Nmecha gegeben, der als potenziell nächster 100-Millionen-Euro-Abgang der Westfalen gilt. Macht Gadou jedoch so weiter, könnte dies eines Tages ein enges Rennen werden.
BVB, Spielplan: Die nächsten Spiele von Borussia Dortmund
Datum | Wettbewerb | Spiel |
Mittwoch, 4. November (21 Uhr) | Champions League | Borussia Dortmund vs. Real Betis |
Samstag, 7. November (15.30 Uhr) | Bundesliga | Borussia Dortmund vs. SV Elversberg |
Samstag, 21. November (15.30 Uhr) | Bundesliga | Borussia Mönchengladbach vs. Borussia Dortmund |
Dienstag, 24. November (21 Uhr) | Champions League | FC Arsenal vs. Borussia Dortmund |
Sonntag, 29. November (19.30 Uhr) | Bundesliga | Borussia Dortmund vs. Bayer |



