HINTERGRUND
Als 2016 beim Ranking des Schweizer "CIES Football Observatory", das die beste Jugendarbeit Europas kürt, der FC Bayern nur auf dem 20. Platz landete, war der mediale Aufschrei groß. "Hinter Nantes: Watschn für die Bayern-Nachwuchsarbeit", titelte die tz. Was dabei vom Münchner Boulevardblatt vergessen wurde: Der FC Nantes leistet herausragende Jugendarbeit, es ist keineswegs eine Schande, dass der FCB hinter den West-Franzosen landete.
Zwei ganz besondere bei Nantes ausgebildete Spieler wollen den Bayern am Dienstag in der Champions League (20.45 Uhr im LIVETICKER ) zeigen, wie gut die Ausbildung bei den Kanarienvögeln tatsächlich ist: Adrien Trebel und Sofiane Hanni. Beide spielen für den RSC Anderlecht, der in der Münchner Allianz Arena antritt, die Wege der beiden unterschiedlichen Charaktere sind untrennbar miteinander verknüpft.
Ungleiches Duo: Straßenfußballer und Streber
Es begann also beim FC Nantes, damals, im Jahr 2005, als Zinedine Zidane noch den Transferrekord hielt und im Champions-League-Finale Clarence Seedorf, Paolo Maldini und Jamie Carragher standen. In Nantes' U16 trafen zwei 15-Jährige aufeinander. Da war einmal Sofiane Hanni, ein Straßen- und Instinktfußballer, den die Scouts in Boulogne-Billancourt entdeckt hatten, einer 116.000-Einwohner-Gemeinde im Norden Frankeichs.
Hanni war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hatte seine Tricks und seine Technik erst auf der Straße gelernt, wo er sich gegen vier, fünf Jahre Ältere behaupten musste, und später dann bei der US Ivry, die vor allem für ihre Handballmannschaft bekannt ist. Er, das erkannte man in Nantes, war ein ungeschliffener Diamant, der das Zeug hatte, ein Großer zu werden, der Freistöße spielerisch leicht ins Tor zirkelte und bei seinen Dribblings stets den Kopf oben hielt.
Erlebe Europas Top-Ligen live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!
Der andere 15-Jährige stand dazu in krassem Gegensatz. Er war kleiner als Hanni und deutlich schmächtiger, fiel äußerlich lediglich durch seine roten Haare auf. Rund 80 Kilometer entfernt von Hanni geboren, lernte Adrien Trebel sein fußballerisches Handwerk auf satten Rasenplätzen. Dreimal wechselte er, ehe er 2004, ein Jahr vor Hanni, bei Nantes landete.
Dort erkannte man seine Ruhe am Ball, seine herausragende Antizipation, sein sicheres Passspiel. Er war ein Teamspieler, einer, der nicht durch auffällige Aktionen glänzt, dafür aber Offensive und Defensive zusammenhält. Schon in der Jugend war er Kapitän, trennte Hanni, der auf der Zehn vor ihm wirbelte, ein ums andere Mal von einem Gegenspieler, der ihn gefoult hatte.
Hanni flieht, Trebel startet durch
Hanni und Trebel, da waren sich bei Nantes alle einige, würden es schaffen. In die erste Mannschaft. 2010/11 wurde der spektakulärere Hanni zu den Profis gezogen, ein Jahr später Trebel. "Beide waren super Mittelfeldspieler, lernwillig und sehr talentiert", so der damalige Trainer Philippe Anziani.
Hier aber begann, der Weg der beiden Youngster auseinanderzudriften. Hanni kam zu spät zum Training, zog nachts um die Häuser, während Trebel alles dem großen Traum unterordnete. Ein einziges Mal standen sie gemeinsam in der Startelf, am 8. April spielte Nantes 0:0 gegen Chateauroux. Danach wurde Linksfuß Trebel immer wichtiger, spielte immer öfter als Achter, Sechser oder gar Zehner, während Hanni in die 2. Mannschaft verbannt wurde. Er, das große Talent, das in seinem Zimmer Poster von Zidane, der wie er algerische Wurzeln hat, hängen hatte, war beleidigt.
2012, vor der Saison, in der Trebel 33 Pflichtspiele absolvierte, floh Hanni in die zweite türkische Liga zu Erciyesspor. Dort explodierte seine Leistung, er lieferte 20 Scorerpunkte ab, spielte wie entfesselt. Auch, weil man ihm nun Freiheiten ließ. Auf und außerhalb des Platzes.
ImagoWiedersehen in Belgien
PSG beobachtete ihn, Stade Rennes ebenso, er entschied sich 2014 aber für Mechelen. Dort bot man ihm die X-Faktor-Rolle in einem hochtalentierten Team an. 44 Scorerpunkte gelangen ihm in zwei Saisons für Mechelen. Besonders im zweiten Jahr explodierte er mit 17 Saisontoren. Der RSC Anderlecht, der zweimal in Folge nur Dritter geworden war, wollte ein neues Team aufbauen. Mit Hanni, der 2015/16 zum Fußballer des Jahres gekürt wurde.
Trebel hatte sich unterdessen ebenfalls einen Namen in Belgien gemacht. 2014 wechselte er zu Standard Lüttich, weil bei Nantes ein neuer Trainer nicht mehr auf ihn setzte. Dort wurde er zum Publikumsliebling und zur Säule des Teams. In seiner dritten Saison war er Kapitän, spielte Champions League gegen Ajax und war einer der Besten der Jupiler League.
"Vier Bundesligisten sind an mir interessiert", verriet er im Winter 2016. Er entschied sich für die Offerte des RSC Anderlecht und war im Januar 2017 plötzlich wieder Mitspieler von Hanni, fast zwölf Jahre, nachdem sie sich im westfranzösischen Sommer zum ersten Mal gesehen hatten. Mit den Beiden wurde Anderlecht Meister, es gibt Bilder, wie sie sich in den Armen liegen und gemeinsam den Pokal in die Höhe recken.
Heute ist Hanni Kapitän, nicht mehr Trebel
Denn so unterschiedlich sie auf dem Feld agieren, so gut verstehen sie sich inzwischen, jubeln nach Toren Hannis gemeinsam, belegen auf Auswärtsfahrten das gleiche Zimmer. "Früher haben wir nicht so viel gemacht außerhalb des Platzes, heute sind wir gut befreundet, Sofiane ist erwachsen geworden", sagt Trebel im Interview mit dem Vereinsmagazin lachend.
Und das ist er. Der algerische Nationalspieler wurde gleich in seiner ersten Saison Kapitän, ist ruhiger geworden, gelassener. Auch, wegen seiner Freundin, mit der er Bilder aus Paris oder Los Angeles auf Instagram postet. Und die Fans vergöttern ihn. Sein Poster hängt in vielen Anderlechter Kinderzimmern, besonders Kinder von Migranten himmeln ihn an.
Weil er auf dem Platz wieder so leicht agiert wie in Jugendtagen. Weil er Tore schießt (13 in der vergangenen Saison), weil er diesen ganz besonderen Spielmacher-Blick hat (19 Assists) und weil er stets ein Lächeln auf den Lippen hat, liebevolle Bilder mit seinem Sohn postet, ein stolzer Vater und guter Kapitän ist. Der Bad Boy ist gereift.
Zwölf Jahre nach Nantes Champions League gegen Bayern
Erst im Europa-League-Viertelfinale flog Anderlecht in der vergangenen Saison raus. Gegen den späteren Gewinner Manchester United. In beiden Spielen agierte Hanni fabelhaft. Trebel durfte dabei nicht mitmachen, er war gesperrt, weil er in der Hinrunde bereits mit Lüttich europäisch gespielt hatte.
Ganz anders ist das in dieser Saison, in der Trebel wie in Jugendtagen Hanni den Rücken freihält. Nach dem Tielemans-Abgang ist es an Leander Dendoncker, das Dynamische und Antreibende im Spiel der Mannschaft von Rene Weiler zu übernehmen, Trebel dagegen läuft Lücken zu, gewinnt Zweikämpfe, ist bissiger Teamspieler. So will er es auch gegen die Bayern halten.
Und Hanni? Der wird gegen den haushohen Favoriten befreit aufspielen, versuchen, bei Kontern seine messerscharfen Pässe einzubringen. Natürlich stehen die Chancen nicht sehr hoch, dass Anderlecht Zählbares aus München mitnimmt. Dennoch: Diese beiden ungleichen Freunde haben es geschafft. Aus der fabelhaften Nantes-Akademie in die Champions League. Dabei galt es Hindernisse zu überwinden. Für beide: den Musterschüler und den Rebellen, Adrien Trebel und Sofiane Hanni.
