Der Ministerpräsident wartet, schaut gespannt nach oben. Mit einem lauten Zischen öffnet sich die Tür der Maschine auf dem Rollfeld des Nene-Tereza-Flughafens in Tirana. Nach und nach steigen die Passagiere aus, die den zehntausenden Fans winkend die metallene Treppe hinunter schreiten. Hier wartet eben jener Edi Rama, der stellvertretend für das ganze Land jeden Spieler herzlich umarmt und kurz darauf via Twitter nachlegt: "Ein unfassbarer Traum ist wahr geworden."
Was zu Beginn der Qualifikation niemand für möglich gehalten hatte, war plötzlich real: Albanien ist dabei. Dabei bei der Europameisterschaft in Frankreich im kommenden Sommer. Der riesige Jubel im 2,7-Millionen-Einwohner-Land ist nicht schwer zu verstehen, ist die Teilnahme an den kontinentalen Endrundenspielen doch die erste seit 52 langen Jahren des Wartens.
Doch wie konnte der Traum wahr werden? Glück oder gar Zufall ist die erfolgreiche Qualifikation bei weitem nicht. Um die späte Entwicklung des Fußballs in Albanien zu verstehen, muss man in die jüngere Geschichte des Landes eintauchen. Lange Zeit fristete der Sport ein Schattendasein. Unter dem kommunistischen Regime, das kein Interesse daran hatte, war das Land isoliert und rückständig auf beinahe allen Gebieten.
Spiele aus Europas Top-Ligen zu verfolgen war während der Zeit hinter dem Eisernen Vorhang beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, Trainer auszubilden oder eigene Nachwuchszentren zu bauen. Erst nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes vor rund einem Vierteljahrhundert konnte man auf Besserung hoffen. Doch die kam nicht.
Die herrschende Armut und der Krieg im angrenzenden Kosovo trieb die Leute aus dem Land. Unter der Bevölkerung vollzog sich ein wahrer Aderlass: 800.000 der rund drei Millionen begannen sich in der Hoffnung auf einen Neustart über den Kontinent zu verteilen. An eine fußballerische Entwicklung war nicht zu denken.
Erst in den letzten Jahren normalisieren sich die Dinge allmählich. Die schlimmen Zeiten und die Folgewirkungen der Diktatur und des Krieges scheinen überstanden. Albanien ist in allen Bereichen auf einem Weg des Fortschritts.
GoalAls hätte es das Schicksal nicht anders gewollt, ist der momentane Aufschwung der Nationalmannschaft, der Kuq e zintje, der Rot-Schwarzen, wie die Fans ihre Auswahl nennen, eng mit der der Auswanderungswelle der 90er-Jahre verknüpft. Es sind zwar viele der Emigranten wieder zurück, das Lohniveau steigt an und es ist wieder an eine Entwicklung im Fußball zu denken. Doch bis diese erste Früchte trägt, ist man beim Rekrutieren von Spielern auf viel Fantasie, Kreativität und Überzeugungskraft angewiesen.
Die Secondos trumpfen auf
Heute leben rund 1,6 Millionen Albaner im Kosovo, je rund 500.000 in Mazedonien und Italien, circa 300.000 in Deutschland, 250.000 in der Schweiz und viele in weiteren Nationen. Zählt man alle zusammen, kommt man zum Ergebnis, dass doppelt so viele Albaner außerhalb der Staatsgrenzen leben denn innerhalb.
Und genau hierauf fußt die aktuelle Stärke des Nationalteams. Den Verantwortlichen ist nicht entgangen, welch großes Potenzial an Spielern im Ausland schlummert. In der Fremde aufgewachsen, in Ländern mit einer besseren fußballerischen Infrastruktur teils hervorragend ausgebildet, sollen nun die Söhne der einstigen Auswanderer-Familien ihre Liebe zum Land ihrer Eltern entdecken.
Und das scheinen sie immer mehr zu tun. Im 26er-Kader für die anstehenden beiden Testspiele gegen Österreich (Samstag, 17.30 Uhr im LIVE-TICKER) und Luxemburg befinden sich 16 Akteure, die nicht in Albanien aufgewachsen sind. Das Gros der Profis, zehn Stück an der Zahl, kommt aus der Schweiz, wo die Entwicklungsmöglichkeiten für Jungfußballer hervorragend sind. Secondos, die Zweiten, nennen die Eidgenossen die Nachkömmlinge der Migranten.
Einbürgerung im Eilverfahren
Damit kein einziges Talent verloren wird, setzt der albanische Verband FSHF mittlerweile auf professionelles Scouting. Sokol Dauti heißt der Mann, mit einer Liste, auf der sich über 100 Namen potentieller Nationalspieler tummeln. Fällt dem technischen Direktor des in Zürich ansässigen FC Albania jemand ins Visier, wird dieser von ihm kontaktiert und heftig umworben.

Dass viele der beobachteten Kandidaten noch gar keine albanische Staatsangehörigkeit besitzen, spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. "Wenn sich ein Spieler uns entschieden hat, dann regelt der Verband das direkt. Das dauert zwei bis drei Wochen", gibt Dauti unverhohlen gegenüber dem Schweizer Rundfunk zu.
Hierzulande das vielleicht prominenteste Beispiel für dieses Rekrutierungsgebaren ist Taulant Xhaka, der ältere Bruder des Mönchengladbacher Bundesliga-Profis und Schweizer Nationalspielers Granit. In Basel geboren, erlernte er dort das Kicken, durchlief alle Jugend-Nationalmannschaften der Eidgenossen, schnürt aber seit September 2014 die Schuhe für das Land seiner Eltern.
Doch viele hochveranlagte Spieler allein machen noch keinen EM-Teilnehmer. Giovanni De Biasi, ein gebürtiger Norditaliener, ist seit Dezember 2011 Trainer, ist der Kopf hinter dem Aufschwung. Er brachte Attribute wie Mannschaftsgefühl und Disziplin ein. Auch auf sein Bestreben wurde das Bemühen um die Secondos in die Wege geleitet.
"Er ist zu allen Spielern gereist, die im Ausland aufgewachsen sind, und hat ihnen eine Chance gegeben", gab Mittelfeldspieler Burim Kukeli einst gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung zu Protokoll.
Zugehörigkeit, Dank und Anerkennung oder Karriere?
In den persönlichen Gesprächen geht es dann vor allem um Zugehörigkeit, Loyalität und Dankbarkeit. Dennoch weiß der 59-Jährige De Biasi, dass viele der Spieler die Entscheidung pro Albanien nicht nur aus Zugehörigkeitsgefühlen treffen: "Es geht nicht um die Nation, nicht um den Stolz oder ums Herz. Heute gibt es für jeden von uns andere Werte."
Für viele geht es um die eigene Karriere. Einer, der es bei der Schweiz oder einer anderen Nation nicht schafft, läuft lieber für Albanien auf. Und mit der EM-Qualifikation im Rücken kann das kleine Land eine ganz besondere Plattform bieten. De Biasi bringt das auf den Punkt: "Früher mussten wir Spieler anflehen, in unser Team zu kommen. Inzwischen bieten uns Spielerberater sogar Fußballer an."
Jeder, der sich für die Adler entschieden hat, kann sich aber der Anerkennung der Verantwortlichen gewiss sein. "Wir sind dankbar und stolz, dass sie sich für uns entschieden haben. Wir brauchen diese Spieler, um Großes zu erreichen", sagt Redi Jupi, technischer Leiter beim albanischen Verband gegenüber dem Schweizer Rundfunk .
"Großes" hätten die Mannen von De Biasi vermutlich schon geleistet, würden sie die Gruppe gegen Gastgeber Frankreich, Rumänien und - ausgerechnet - der Schweiz überstehen. Dann würde der Ministerpräsident sicher wieder auf dem Rollfeld stehen. Und warten. Und Umarmen.
