HINTERGRUND
Schalke darf noch von Europa träumen. Trotz einer durchwachsenen Bundesliga-Spielzeit mit unerklärlichen Leistungsschwankungen liegt die Mannschaft von Trainer Markus Weinzierl kurz vor Saisonende nur drei Zähler hinter dem siebten Rang in Lauerstellung.
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Dass Königsblau tatsächlich noch realistische Chancen hat, erneut ins internationale Geschäft einzuziehen, ist in erster Linie ein Verdienst von starken Einzelspielern und der schwächelnden Konkurrenz. Schaut man auf die Personalien, überrascht allen voran Sead Kolasinac in dieser Saison positiv. In der besten Form seiner bisherigen Karriere ist der Bosnier inzwischen auch offensiv eine echte Waffe und wird nicht von ungefähr von zahlreichen Top-Klubs umworben. Das Herzstück der Schalker Mannschaft ist jedoch ein Anderer. Einer, der lange etwas unterhalb des Radars agierte. Sein Name: Leon Goretzka.
Als echter Ruhrpottjunge wird der gebürtige Bochumer längst von den Fans in Gelsenkirchen vergöttert. Dementsprechend geschockt reagierten die Anhänger, als Goretzka in der vergangenen Woche erklärte, "bisher keine intensiven Gespräche" über eine mögliche Vertragsverlängerung geführt zu haben – ein echtes Alarmsignal für S04, denn eine solche Aussage ist alles andere als ein klares Bekenntnis zum Verein.
Mehr als nur gute Statistikwerte
Allein wegen seiner wettbewerbsübergreifend 13 Torbeteiligungen (acht Treffer, fünf Vorlagen) hat sich der 22-Jährige in dieser Saison unentbehrlich gemacht. Das Spiel des U21-Nationalspielers allein auf Tore und Vorlagen zu beschränken, wäre allerdings fatal, schließlich bringt Goretzka viel mehr Fähigkeiten mit auf den Rasen, die seinesgleichen suchen.
So ist der Rechtsfuß fast überall auf dem Platz zu finden, läuft starke elf Kilometer pro Spiel und ist sich dabei für keinen Zweikampf zu schade. Es ist also kein Zufall, dass kein Schalker in der Bundesliga mehr direkte Duelle bestreitet als er (655). Mit Blick auf die Statistikbögen fällt ohnehin auf, dass Goretzka in nahezu allen relevanten Kategorien zu den erfolgreichsten Bundesligaspielern von Königsblau gehört. Egal ob bei Toren (5) Einsatzzeit (2297 Min.), Torschussvorlagen (33), Ballsicherungen (164), Zweikämpfen oder der Laufstrecke, in jeder dieser Rubriken liegt Goretzka mannschaftsintern in den Top drei.
Zudem bringt Goretzka etwas mit, das man nicht mit nackten Zahlen ausdrücken kann. Eine Fähigkeit, auf die man speziell in einer Arbeiterregion wie dem Ruhrgebiet stolz ist, nämlich überragende Einsatzbereitschaft und den Willen, bis ans körperliche Limit zu gehen – oder sogar darüber hinaus, was er speziell im Viertelfinal-Rückspiel der Europa League gegen Ajax Amsterdam unter Beweis gestellt hat.

Königsblaues Mentalitätsmonster
Obwohl die Geschichte bereits mehrfach erzählt wurde, kann man diesen Einsatz schlicht nicht hoch genug anerkennen. Trotz Gehirnerschütterung und ausgerenktem Kiefer biss der Mittelfeld-Spieler auf die Zähne und dachte nicht an eine Auswechslung in einem derart wichtigen Spiel. Sichtlich angeknockt schleppte er sich weiter über den Platz, übergab sich in der Kabine und schaffte es trotzdem, der Partie seinen Stempel aufzudrücken – inklusive Treffer zur 1:0-Führung. Erst als die Beine ihn nicht mehr trugen, taumelte er kurz vor Ende der regulären Spielzeit, gestützt von zwei Betreuern vom Platz.
Aktionen wie diese stehen sinnbildlich dafür, wie wichtig der 22-jährige Alleskönner für das Spiel von S04 ist. Nicht zuletzt deshalb betont auch Sportvorstand Christian Heidel immer wieder, ihn unbedingt in Gelsenkirchen halten zu wollen und gar nicht daran zu denken, ihn vorzeitig abzugeben. "Es gibt nur einen Plan – mit Goretzka", schob er einem Sommerwechsel vor wenigen Wochen einen Riegel vor.
Zukunft auf Schalke ungewiss?
Deutet man allerdings auch Goretzkas Aussagen bezüglich seiner Zukunft, scheint es, als wolle sich der 22-Jährige bewusst nicht zu früh entscheiden, um sich alle Optionen offen zu halten – auch vor dem Hintergrund, dass Schalke ihm keinesfalls garantieren kann, in den nächsten Jahren international zu spielen. Passend dazu geistern seit Wochen angebliche Gedankenspiele des FC Bayern durch die Medien, in denen es heißt, der Schalker werde als einer der potenziellen Nachfolger von Mittelfeld-Stratege Xabi Alonso gehandelt.
Der Vertrag des zentralen Mittelfeldmanns läuft zwar noch bis 2018, doch darauf ausruhen darf sich Heidel auf keinen Fall. Schließlich sollte es der Verein unbedingt vermeiden, nach Joel Matip (und möglicherweise auch Sead Kolasinac in diesem Sommer) den nächsten Top-Spieler zum Nulltarif abzugeben.
Bevor jedoch eine Entscheidung über seine Zukunft fällt, wird Schalke in den nächsten Wochen alles daran setzen, sich doch noch für die Europa League zu qualifizieren. Schon am Sonntag wartet beim SC Freiburg das erste von drei Endspielen - in dem auch der unkaputtbare Alleskönner Goretzka wieder eine Hauptrolle spielen soll.



