Nach einer lange eher uninspirierten Vorstellung drehten Englands Superstars in der zweiten Halbzeit auf: Jude Bellingham (62.) und Harry Kane (67.) schossen Thomas Tuchels Mannschaft zum 2:0-Sieg gegen Panama. Im Sechzehntelfinale trifft England am Mittwoch auf einen noch unbekannten Gruppendritten - vermutlich Senegal.
gettyThomas Tuchel mit neuem Ansatz beim "Kimmich-Problem": Harry Kane schreibt englische WM-Geschichte
AFPEngland: Thomas Tuchel bietet gegen Panama historische Startelf auf
Das Spiel war noch nicht einmal angepfiffen, da hatte Trainer Thomas Tuchel schon englische Fußballgeschichte geschrieben: Mit Jarell Quansah (Leverkusen), Harry Kane (FC Bayern), Marcus Rashford (Barcelona) und Jude Bellingham (Real Madrid) berief Tuchel insgesamt vier Legionäre in die Startelf. Das hatte es in Englands langer WM-Geschichte zuvor noch nie gegeben.
Getty Images SportThomas Tuchel präsentiert interessante Lösung seines "Kimmich-Problems"
Aushilfs-Rechtsverteidiger Quansah rückte für den verletzten Reece James in die Startelf - Tuchels Antwort auf sein ganz eigenes "Kimmich-Problem". Bei der Kadernominierung war Tuchel ein ähnliches Risiko eingegangen wie Bundestrainer Julian Nagelsmann: Auch er verzichtete auf einen nominellen Ersatz-Rechtsverteidiger. Während in Deutschland hinter (dem gelernten Mittelfeldspieler) Joshua Kimmich die große Dürre herrscht, hätte Tuchel sogar einen brauchbaren Kandidaten zur Verfügung gehabt, der immerhin Stammspieler von Real Madrid ist: Trent Alexander-Arnold.
Bei seiner ursprünglichen Nominierung verzichtete Tuchel zu Gunsten von Reece James (FC Chelsea) und Tino Livramento (Newcastle United) auf Alexander-Arnold. Als sich Livramento in der Vorbereitung verletzte, nominierte Tuchel statt des Real-Stars mit Trevoh Chalobah lieber einen weiteren Innenverteidiger nach. In den ersten beiden Partien spielte James erwartungsgemäß durch, dann verletzte auch er sich. Wegen muskulären Problemen im Oberschenkel wird James mindestens noch für das Sechzehntelfinale ausfallen.
Gegen Panama war Tuchel also erstmals zu einer Notlösung gezwungen: Er entschied sich für das Konzept "Ochsenabwehr" und bot mit Quansah rechts hinten einen dritten Innenverteidiger auf. Gleichzeitig setzte er links anstelle von Djed Spence auf Nico O'Reilly, was zu einer interessanten Taktik führte.
In Ballbesitz schob O'Reilly in die Mitte und agierte als linkes Glied einer Doppelsechs neben Elliot Anderson. Quansah blieb derweil konsequent hinten und bildete mit Marc Guehi und Ezri Konsa eine Dreierkette. Die gewünschte Wirkung hatte diese Taktik zunächst nicht. England blieb offensiv lange blass und offenbarte im Rückwärtsgang wiederholt Lücken, was zu einigen gefährlichen - aber ungenutzten - panamaischen Kontern führte. Mitte der zweiten Halbzeit dann der Schock: Nun musste Quansah angeschlagen runter. Für ihn kam Spence, der zuletzt links verteidigt hatte. Bei einem längerfristigen Quansah-Ausfalls dürfte er Tuchels nächster Ersatz-Rechtsverteidiger sein.
Nagelsmann ist zwar nicht in einer Notsituation wie Tuchel, denn Kimmich ist weiterhin topfit - dafür wird aber intensiv über eine Versetzung Kimmichs ins Mittelfeld debattiert. In diesem Fall müsste Nagelsmann rechts hinten ebenfalls improvisieren. Und als Option gilt ebenfalls eine "Ochsenabwehr", die schon beim WM-Titel 2014 zum Erfolg geführt hatte. In Quansahs Rolle könnten im DFB-Team theoretisch Waldemar Anton oder Malick Thiaw schlüpfen.
AFPEnglands Superstars Jude Bellingham und Harry Kane drehen erst spät auf
Nach dem enttäuschenden 0:0 gegen Ghana setzte Tuchel gegen Panama auf eine neue Flügelzange: Marcus Rashford und Bukayo Saka begannen anstelle der enttäuschenden Anthony Gordon und Noni Madueke. Für Torgefahr sorgte in der ersten Halbzeit einzig Rashford, der die drei besten englischen Chancen vergab.
Und Harry Kane? Nach seinem Doppelpack beim 4:2-Sieg gegen Kroatien hatte er gegen Ghana nur 19 Ballaktionen verzeichnet und damit einen persönlichen Negativrekord bei Turnierspielen aufgestellt. Gegen Panama machte er zunächst genau so weiter. In der ersten Halbzeit war Kane zehnmal am Ball und gab keinen Schuss ab.
Nach der Pause steigerte sich Kane aber deutlich. Zunächst tauchte er dreimal gefährlich am gegnerischen Strafraum auf (52., 57. und 66.), dann traf er nach einer Flanke des Führungstorschützen Bellingham per Kopf zum 2:0. Es war Kanes insgesamt elftes WM-Tor: Damit überholte er Gary Lineker (10) und ist nun Englands alleiniger WM-Rekordtorschütze.
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