Hatte die englische Presse Tuchels Verzicht auf Bellingham scharf kritisiert, wurde der deutsche Trainer einen Monat später dafür gefeiert, den Mittelfeldlenker erfolgreich gekitzelt zu haben. Im November 2025 war Bellingham nämlich wieder dabei und überzeugte beim 2:0-Sieg gegen Serbien nach Einwechslung. "Tuchel hat erreicht, was er wollte. Sei es durch ein Machtspiel, ein Ziehen an den Fäden oder einfach nur durch das Anstacheln von Jude Bellingham", schrieb der Guardian.
Dennoch blieb lange offen, ob Bellingham bei der WM überhaupt Stammspieler sein würde. Mit Morgan Rogers von Aston Villa drängte sich ein hochkarätiger Konkurrent nachhaltig auf, den Tuchel wohl zuweilen aus taktischer Sicht besser für die Besetzung auf der Zehnerposition geeignet sah. Noch dazu erlebte Bellingham im Verein bei Real eine ziemlich schwierige und mitunter verletzungsgeplagte Saison.
Tuchel entschied sich letztlich aber doch dazu, voll auf Bellingham zu setzen. Einem Bericht des Telegraph zufolge dabei maßgeblich: Im Mai soll Tuchel für ein ausführliches Gespräch nach Madrid geflogen sein, bei dem jegliche Problemchen ausgeräumt wurden und Bellingham seinen Coach davon überzeugen konnte, ihm bei der WM eine wichtige Rolle zu geben.
Eine solche füllt der 54-fache Nationalspieler nun mit Bravour aus. Und profitiert davon auch von einem Detail, das Tuchel für sein Einsatzgebiet festgelegt hat. Denn Bellingham hat bei dieser WM deutlich mehr Aktionen im Angriffsdrittel als noch bei den vorherigen beiden großen Turnieren. Tuchel gibt ihm dabei die nötigen Freiheiten, seinen Instinkt in Tornähe auszuleben - und Bellingham dankt es mit Aktionen wie jenen bei seinen beiden Toren gegen Norwegen.
Zum Abschluss noch eine Parallele zu 2002: Auch Ballack und Co. glänzten fürwahr nicht immer, kämpften sich aber von Runde zu Runde weiter. Ebenso steinig war Englands Weg ins Halbfinale und gegen starke Norweger hatten die Three Lions zeitweise besonders große Probleme. "Wir haben uns das Leben heute selbst sehr schwer gemacht", kritisierte Tuchel nach kräftezehrenden 120 Minuten. "Das Resultat ist fantastisch, wir stehen unter den letzten Vier, das ist wunderbar. Aber mit der Leistung bin ich nicht zufrieden."
Deutliche Worte. Auf die Mentalität seines Teams wollte Tuchel nach einer entsprechenden Frage allerdings nichts kommen lassen: "Wie können Sie nach diesem Spiel über Mentalität reden? Das war pure Mentalität", stellte sich der Trainer vor seine hingebungsvoll kämpfende Mannschaft. Und dürfte dabei zuvorderst Jude Bellingham vor Augen gehabt haben.