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Norway v England: Quarter Final - FIFA World Cup 2026Getty Images Sport

Ein bitteres Schicksal bleibt ihm sicher erspart! Jude Bellingham ist Englands Hommage an einen deutschen WM-Helden

Deutschlands Weg ins WM-Finale 2002? Wir erinnern uns alle: Hinten ganz viel Oliver Kahn und vorne ganz viel Michael Ballack. Schon in der Vorrunde trug er das DFB-Team mit seinen wichtigen Assists gegen Irland (1:1) und Kamerun (2:0), in der entscheidenden Phase war Ballack dann auf dem Feld der X-Faktor, der Kahn zwischen den Pfosten war. Im Viertelfinale gegen die USA gelang dem damals 25-jährigen Mittelfeldspieler ebenso das 1:0-Siegtor wie im Halbfinale gegen Südkorea.

Jude Bellinghams Einfluss auf das englische Spiel entwickelt sich 24 Jahre später in Nordamerika in die gleiche Richtung. Ein ähnlicher Spielertyp wie Ballack, war Bellingham schon im Achtelfinale gegen Mexiko (3:2) mit einer ihm eigenen, hervorstechenden Qualität gewinnbringend: Die Gier auf wichtige Tore. Dem Doppelpack gegen die Mexikaner ließ der Mann von Real Madrid im Viertelfinalkrimi gegen Norwegen (2:1 n.V.) einen weiteren folgen. Ja, man kann inzwischen sagen: Bellingham ist bei der WM 2026 Englands Hommage an Michael Ballack.

  • Jude Bellingham bleibt Michael Ballacks Schicksal erspart

    Was auf der Insel aufatmen lässt: Das gleiche Schicksal wie Ballack 2002 bleibt Bellingham in jedem Fall erspart. Deutschlands legendäre Nummer 13 hatte sich kurz vor seinem goldenen Tor im Halbfinale eine Verwarnung eingehandelt und fehlte bei der 0:2-Finalniederlage gegen Brasilien bekanntlich gelbgesperrt. Nicht wenige hierzulande ärgerten sich nach dem Endspiel, dass man die damals schier übermächtige Selecao mit Ballack durchaus hätte schlagen können.

    Bellingham wird bei dieser WM keine Gelbsperre mehr absitzen müssen, so viel ist sicher. Es hätte ihm eine für das Halbfinale gedroht, wäre er gegen Norwegen verwarnt worden. Doch da das nicht passierte und die Gelben Karten nach dem Viertelfinale gelöscht werden, kann Bellingham keine Partie mehr wegen einer Gelbsperre verpassen. Und will die Three Lions im Optimalfall bis zum lange ersehnten zweiten WM-Titel, dem ersten seit 1966 führen.

    In der Runde der letzten Acht im brütend heißen Miami war der ehemalige Dortmunder die gewinnbringende Komponente. "Pure Weltklasse", lobte dessen früherer BVB-Mitspieler Mats Hummels als TV-Experte bei MagentaTV Bellinghams Ausgleichstor am Samstag. Mit herausragender Ballmitnahme brachte sich der Real-Star in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit im norwegischen Strafraum in Abschlussposition und ließ Keeper Örjan Nyland mit links keine Chance.

  • Norway v England: Quarter Final - FIFA World Cup 2026Getty Images Sport

    Jude Bellingham war für England unter Thomas Tuchel zunächst nicht unverzichtbar

    "Er hat England getragen", wurde Bellingham schon nach dem Achtelfinale gegen Mexiko vom ehemaligen englischen Nationalspieler Gary Neville bei Sky Sports attestiert. "Er und Harry Kane waren in diesen Spielen bisher unglaublich, aber Bellingham ist nochmal auf einem anderen Level. Ich kann ihn gar nicht genug loben."

    Bellingham und Kane waren auf der Route ins Halbfinale die absoluten Schlüsselfiguren im englischen Team. Zuletzt machte Bellingham aber sogar nochmal ein bisschen mehr den Unterschied. So auch bei seinem 2:1-Siegtreffer gegen Norwegen, der ihm zu Beginn der Verlängerung gelang. Handlungsschnell war er nach dem Patzer von Nyland als Erster am Ball und netzte eiskalt ein, diesmal mit seinem stärkeren rechten Fuß. Auch das erinnert an Ballack: Bellingham trifft mal mit dem Kopf, mal mit links, mal mit rechts. Im Abschluss ist er ebenso variabel wie der frühere DFB-Kapitän.

    Mittlerweile steht der 23-Jährige bei sechs Turniertoren, ist längst absolut unverzichtbar für England. Dass das im Vorfeld der WM gar nicht mal so selbstverständlich war, wirkt inzwischen ziemlich weit weg. Aber es war so, das Verhältnis zwischen Trainer Thomas Tuchel und Bellingham war nicht immer eitel Sonnenschein. So kritisierte der Coach den Madrilenen beispielsweise noch im vergangenen Sommer schlagzeilenträchtig, als Bellingham mit einer wütenden Reaktion auf eine 1:3-Testspielniederlage gegen Senegal auffiel.

    Dessen Schärfe könne zwar positiv sein, aber sie müsse "auf den Gegner und auf unser Ziel ausgerichtet sein und darf nicht dazu dienen, die Mitspieler einzuschüchtern oder zu aggressiv gegenüber Mitspielern oder Schiedsrichtern zu sein", gab Tuchel bei talkSPORT zu denken. Wenig später ließ sich Bellingham zunächst einmal an der Schulter operieren, fehlte daher bei den Länderspielen im September 2025.

    Als Tuchel einen seiner Superstars dann auch für die WM-Qualifikationsspiele im Oktober nicht nominierte, erklärte er das mit noch fehlender Matchpraxis infolge der Schulter-OP. Durchaus bemerkenswert war aber, dass Tuchel die Stimmung im gesamten Team und explizit auf der Ersatzbank bei den September-Partien lobte, bei denen Bellingham fehlte. Und dass er sagte, dass jener auch völlig fit vielleicht nicht berufen worden wäre: "Es wäre eine andere Basis dafür gewesen, aber möglicherweise die selbe Entscheidung", so Tuchel.

  • Norway v England: Quarter Final - FIFA World Cup 2026Getty Images Sport

    WM 2026: Tuchel übt nach Kraftakt gegen Norwegen Kritik an seiner Mannschaft - auf die Mentalität lässt er aber nichts kommen

    Hatte die englische Presse Tuchels Verzicht auf Bellingham scharf kritisiert, wurde der deutsche Trainer einen Monat später dafür gefeiert, den Mittelfeldlenker erfolgreich gekitzelt zu haben. Im November 2025 war Bellingham nämlich wieder dabei und überzeugte beim 2:0-Sieg gegen Serbien nach Einwechslung. "Tuchel hat erreicht, was er wollte. Sei es durch ein Machtspiel, ein Ziehen an den Fäden oder einfach nur durch das Anstacheln von Jude Bellingham", schrieb der Guardian.

    Dennoch blieb lange offen, ob Bellingham bei der WM überhaupt Stammspieler sein würde. Mit Morgan Rogers von Aston Villa drängte sich ein hochkarätiger Konkurrent nachhaltig auf, den Tuchel wohl zuweilen aus taktischer Sicht besser für die Besetzung auf der Zehnerposition geeignet sah. Noch dazu erlebte Bellingham im Verein bei Real eine ziemlich schwierige und mitunter verletzungsgeplagte Saison.

    Tuchel entschied sich letztlich aber doch dazu, voll auf Bellingham zu setzen. Einem Bericht des Telegraph zufolge dabei maßgeblich: Im Mai soll Tuchel für ein ausführliches Gespräch nach Madrid geflogen sein, bei dem jegliche Problemchen ausgeräumt wurden und Bellingham seinen Coach davon überzeugen konnte, ihm bei der WM eine wichtige Rolle zu geben.

    Eine solche füllt der 54-fache Nationalspieler nun mit Bravour aus. Und profitiert davon auch von einem Detail, das Tuchel für sein Einsatzgebiet festgelegt hat. Denn Bellingham hat bei dieser WM deutlich mehr Aktionen im Angriffsdrittel als noch bei den vorherigen beiden großen Turnieren. Tuchel gibt ihm dabei die nötigen Freiheiten, seinen Instinkt in Tornähe auszuleben - und Bellingham dankt es mit Aktionen wie jenen bei seinen beiden Toren gegen Norwegen.

    Zum Abschluss noch eine Parallele zu 2002: Auch Ballack und Co. glänzten fürwahr nicht immer, kämpften sich aber von Runde zu Runde weiter. Ebenso steinig war Englands Weg ins Halbfinale und gegen starke Norweger hatten die Three Lions zeitweise besonders große Probleme. "Wir haben uns das Leben heute selbst sehr schwer gemacht", kritisierte Tuchel nach kräftezehrenden 120 Minuten. "Das Resultat ist fantastisch, wir stehen unter den letzten Vier, das ist wunderbar. Aber mit der Leistung bin ich nicht zufrieden."

    Deutliche Worte. Auf die Mentalität seines Teams wollte Tuchel nach einer entsprechenden Frage allerdings nichts kommen lassen: "Wie können Sie nach diesem Spiel über Mentalität reden? Das war pure Mentalität", stellte sich der Trainer vor seine hingebungsvoll kämpfende Mannschaft. Und dürfte dabei zuvorderst Jude Bellingham vor Augen gehabt haben.


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