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Thomas Tuchel Englandgetty

Die fatale mentale Komponente hinter Thomas Tuchels Wechseln! Wie England Argentinien das WM-Finale überließ

Bastian Schweinsteiger weiß bekanntlich aus guter Quelle, wie man Argentinien in einem großen Spiel schlägt. Vielleicht auch deshalb war der Weltmeister von 2014 ziemlich erstaunt über das, was sich im letzten Drittel des zweiten Halbfinals der WM 2026 zwischen England und der Albiceleste auf dem Rasen abspielte.

"Das ist ein Geschenk für die", sagte ARD-Experte Schweinsteiger während der Schlussphase und meinte damit Englands Verhalten seit der Stundenmarke. Nach dem umjubelten Führungstreffer durch Anthony Gordon (55.) spielten die Three Lions nur noch kurz wirklich mit. Danach verlegten sie sich komplett darauf, am eigenen Sechzehner darauf zu warten, dass Welle um Welle argentinischer Angriffe auf ihr Tor zurollt. Nicht nur gegen eine Mannschaft, die Lionel Messi in ihren Reihen hat, ist das ein Himmelfahrtskommando. Aber da noch umso mehr. Und Trainer Thomas Tuchel befeuerte das vollständige Einigeln seiner Elf mit seinen Wechseln zusätzlich.

  • Argentinien vs. England: Der Unterschied bei den Hymnen spiegelte sich in der Schlussphase wider

    Schon beim Abspielen der Nationalhymnen hatte man erahnen können, auf welche Art und Weise dieses Spiel letztlich entschieden werden würde. Als die Engländer um Kapitän Harry Kane "God save the King" sangen, machten die argentinischen Fans im weiten Rund von Atlanta einfach weiter mit dem, was sie zum Besten geben wollten - und Kane und Co. blickten dementsprechend etwas irritiert drein, ließen sich schon hier so ein bisschen den Schneid abkaufen.

    Wie Lionel Messi, wie wir alle wissen für gewöhnlich kein Mann, der große Töne spuckt, mit wild entschlossenem Gesang in Argentiniens Hymne einstieg, stand im krassen Gegensatz dazu. Der letzte Teil der 90 Minuten spiegelte diese Diskrepanz beim Singen ziemlich gut wider: Hier kompromisslose Attacke der Argentinier. Dort ängstliche Verlegenheit der Engländer, die sich in der entscheidenden halben Stunde dann auch auf dem Platz zeigte.

    Umso ärgerlicher ist das, da das Mutterland des Fußballs davor viel dafür getan hatte, sein erstes WM-Finale seit dem bisher einzigen Titelgewinn 1966 zu erreichen. In der ersten Halbzeit hielten Jude Bellingham und Co. gegen die erwartbar harte und mitunter rüpelhafte Gangart der Argentinier erfolgreich dagegen. Weil so viel auf dem Spiel stand, blieben fußballerische Highlights Mangelware, Neutralisation pur war die Überschrift für die ersten 45 Minuten.

    Und dann, zu Beginn der zweiten Halbzeit, sah es noch so aus, als würde Tuchel hinterher für seinen Einfluss gefeiert werden. Morgan Rogers, den er überraschend anstelle von Noni Madueke oder Bukayo Saka auf dem rechten Flügel in die Startelf beordert hatte, brachte den Ball in absoluter Perfektion an den zweiten Pfosten, wo sein Flügel-Pendant Anthony Gordon eingelaufen war und präzise einschoss.

    David Beckham drehte auf der Tribüne durch und natürlich war jetzt förmlich zu spüren: Die viel besungenen "60 Years of Hurt" könnten 2026 in Nordamerika tatsächlich endlich enden. England nutzte seine erste echte Torchance eiskalt und hatte es bis dahin hervorragend hinbekommen, Argentinien und eben allen voran Messi die Flügel zu stutzen. Umso verwunderlicher ist das, was nach diesem vermeintlichen Vorboten eines historischen Finaleinzugs passierte.

    "Die Taktik in den ersten 60, 65 Minuten hat perfekt gepasst", analysierte Schweinsteiger nach Spielschluss in der ARD. Doch dann? "Die Engländer sind nicht mehr rausgekommen, hatten nicht mehr den Mut, die Argentinier anzulaufen. Umso mehr du dich hinten rein drängen lässt, fällt dann irgendwann eben einer rein."

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  • Thomas Tuchel Englandgetty

    England igelt sich viel zu früh ein - und Tuchel befeuert das Verhalten mit seinen Wechseln

    Dass sich England mit der Führung im Rücken mehr und mehr auf das Verteidigen des knappen Vorsprungs fokussieren würde, konnte man zwar erwarten. Aber dass der Vize-Europameister so früh so sehr und so alternativlos nur noch tief verteidigen wollte, machte beinahe fassungslos. Mit der Erfüllung des großen Traumes vom ersten WM-Endspiel seit 60 Jahren so dicht vor Augen, hätte den Engländern mehr Balance zwischen Abwehrschlacht und Entlastung gut getan.

    Stattdessen gab es ab der 60. Minute kaum noch längere Phasen, in denen sich England nicht dicht vor dem eigenen Tor einschnüren ließ. "England hat sie druckvoller werden lassen, ohne Gegenwehr. Haben sich einfach verbarrikadiert am eigenen Sechzehner. Sie haben sich
    verschanzen wollen am eigenen Sechzehner und das war viel zu früh", kritisierte auch Schweinsteigers Weltmeisterkollege Mats Hummels als Experte bei MagentaTV.

    Argentinien spielte die immer größere Passivität des Gegners in die Karten. Die Südamerikaner konnten tief in der englischen Hälfte kombinieren und Messi musste sich nicht mehr stets mit zahlreichen Verteidigerbeinen im Zentrum herumschlagen, sondern hatte durch das wunderlich weite Zurückziehen der Engländer nun immer wieder Räume auf der rechten Seite in der Nähe des Strafraumes. Konnte von dort aus Dribblings nach innen starten, Flanken schlagen, Gefahr erzeugen. Jeder Beobachter sah, dass es so nur eine Frage der Zeit wäre, bis England das lange ersehnte Finalticket wieder aus den Händen gerissen wird. Aber Tuchel schien es eben nicht ganz so deutlich zu sehen.

    Der deutsche Coach war fatalerweise nicht darum bemüht, seinen Spielern wieder mehr Aktivität zu verordnen, sie anzuweisen, das Spiel wieder mehr vom eigenen Tor fernzuhalten. Stattdessen befeuerte er das ängstliche Verbarrikadieren mit seinen Auswechslungen zusätzlich, brachte nach gut 70 Minuten Abwehrspieler Ezri Konsa für Offensivmann und Torschütze Gordon. Kurz, bevor das englische Unheil seinen Lauf nahm, wechselte Tuchel in der 82. Minute auch noch Verteidigerhüne Dan Burn für den Achter Declan Rice ein. Das Potenzial für Entlastung ging damit gen Null und der Eindruck verfestigte sich, dass mehr als Bälle wegschlagen und sich dann wieder neu einigeln jetzt ohnehin nicht mehr drin sein würde.

  • Die fatale mentale Komponente hinter Tuchels Wechselverhalten

    Dass die mentale Komponente hinter derlei Wechseln nicht zu unterschätzen ist, erklärte Cesc Fabregas mal in einem Interview mit The PFA ziemlich anschaulich: "Wenn die Spieler sehen, dass der Trainer einen Stürmer auswechselt und dafür einen Defensivspieler bringt, ändert sich ihr Mindset automatisch zu: 'Oh, der Trainer will, dass wir verteidigen. Wir müssen uns zurückziehen'", so der spanische Welt- und Europameister, der inzwischen sehr erfolgreich als Chefcoach des italienischen Erstligisten Como arbeitet. Die Folge einer solchen Vorgehensweise: "Dadurch entsteht immer mehr Druck, man lädt den Gegner ein, mehr den Ball zu haben, gefährlicher zu sein. [...] In 80 oder 90 Prozent der Fälle geht das nach hinten los", so Fabregas.

    Im Fall von England und Tuchel ging es im Kampf um die Teilnahme am wichtigsten Fußballspiel der Welt dramatisch nach hinten los. Argentinien, in den ersten 60 Minuten ebenso wie die Three Lions nur sehr vereinzelt mal gefährlich, entfaltete nun plötzlich von Minute zu Minute mehr Druck. Weil die Engländer es den Südamerikanern schlichtweg gestatteten, weil die sich nun nicht mehr erst durch ein dicht gestaffeltes Mittelfeld kombinieren mussten, um ins Angriffsdrittel zu kommen. Nein, England lud sie ein und es war gar keine Kraftanstrengung mehr nötig, um reihenweise 20 oder 25 Meter vor dem gegnerischen Kasten aufzutauchen.

    "Wir hätten anders spielen müssen", räumte Stürmerstar Kane später ein. Hummels bemängelte: "Das kann man vielleicht 20 Minuten später machen, aber nicht so. Das war reines Bus reinstellen. Leider dann zu passiv." Der ehemalige deutsche Nationalspieler weiter: "Es gibt ein englisches Sprichwort: 'Prevention game only prevents you from winning.' Ich krieg' es nicht ins Deutsche übersetzt, aber es passt perfekt." Man könnte es probieren mit: Eine Spielweise, die nur auf Verhindern ausgelegt ist, verhindert letztlich nur, dass du gewinnst.

    Und so musste es am Ende kommen, wie es eben kam. Argentinien hätte schon früher ausgleichen können, erarbeitete sich Chance um Chance und scheiterte dabei entweder am englischen Torhüter Jordan Pickford oder an der letzten Präzision, die den Abschlüssen fehlte. Enzo Fernandez brach mit seinem sehenswerten und mit der perfekten Flugkurve versehenen Distanzschuss in der 85. Minute schließlich doch den Bann und traf zum zwischenzeitlichen 1:1. Eigentlich läuft ein solches Spiel dann häufig auf eine Verlängerung hinaus, doch die Engländer schienen sich nach all dem Verteidigen und den defensiven Wechseln zu fragen: Wie sollen wir hier noch einmal den Schalter umlegen?


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  • tuchel(C)Getty Images

    Argentinien bestraft England: "Die Vorwürfe werden noch Jahre anhalten"

    Es macht die Sache umso bitterer, dass Argentinien in der zweiten Minute der Nachspielzeit auf eine Art und Weise zum 2:1-Sieg traf, auf die bei einem derart tief verteidigen Block eigentlich kein Tor fallen darf: Eine Flanke Messis segelte über sämtliche englische Abwehrrecken hinweg und landete am zweiten Pfosten bei Lautaro Martinez, der ziemlich ungestört einköpfen konnte. Die Partie lief danach zwar noch einige Minuten weiter, doch echte Hoffnung auf ein englisches Comeback keimte nicht mehr auf. Der Schalter war nicht mehr umzulegen, die physische und mentale Erschöpfung kam erschwerend hinzu.

    "Ich übernehme die Verantwortung", stellte sich Tuchel hinterher vor seine Mannschaft. "Aber wir bereuen nichts. Das Team hat alles gegeben, wir hatten die Führung verdient. Die Mannschaft war top, aber wir haben uns nicht ins Ziel gerettet", ärgerte sich der Coach, für den es in England nun ziemlich ungemütlich werden dürfte. "England-Fans wütend auf Tuchel - das geht auf seine Kappe", schrieb die Sun am Mittwochabend und der Telegraph prophezeite: "Die Vorwürfe werden noch Jahre anhalten."

    Während Englands Traum, nach 60 Jahren endlich wieder einen großen Titel bejubeln zu dürfen, zum x-ten Mal jäh zerschellte, darf bei all der Kritik an der ängstlichen letzten halben Stunde der Three Lions der erneut wahnsinnige Kraftakt Argentiniens nicht vergessen werden. Ihr schier unerschöpflicher Glaube an den Sieg trägt die Albiceleste bei dieser WM. 0:1 hinten gegen ein Team der Qualität von England? Das kann schon mal Verdrossenheit schüren. Doch davon war bei Messi und Co. zu keiner Sekunde auch nur ein Hauch zu erkennen. Als wüssten sie, dass ihr Moment vor Ablauf der Spielzeit noch kommen würde. Auf ein Neues am Sonntag gegen Spanien.

  • WM 2026: Spiel um Platz 3 und Finale in der Übersicht

    Spiel um Platz 3:


    Spiel

    England vs. Frankreich

    Datum

    Samstag, 18. Juli 2026

    Anstoß (deutsche Zeit)

    23 Uhr

    Spielort

    Miami (USA)

    Übertragung im TV und Livestream

    MagentaTV

    Finale:


    Spiel

    Argentinien vs. Spanien

    Datum

    Sonntag, 19. Juli 2026

    Anstoß (deutsche Zeit)

    21 Uhr

    Spielort

    New York/New Jersey (USA)

    Übertragung im TV und Livestream

    ZDF / MagentaTV