Schon beim Abspielen der Nationalhymnen hatte man erahnen können, auf welche Art und Weise dieses Spiel letztlich entschieden werden würde. Als die Engländer um Kapitän Harry Kane "God save the King" sangen, machten die argentinischen Fans im weiten Rund von Atlanta einfach weiter mit dem, was sie zum Besten geben wollten - und Kane und Co. blickten dementsprechend etwas irritiert drein, ließen sich schon hier so ein bisschen den Schneid abkaufen.
Wie Lionel Messi, wie wir alle wissen für gewöhnlich kein Mann, der große Töne spuckt, mit wild entschlossenem Gesang in Argentiniens Hymne einstieg, stand im krassen Gegensatz dazu. Der letzte Teil der 90 Minuten spiegelte diese Diskrepanz beim Singen ziemlich gut wider: Hier kompromisslose Attacke der Argentinier. Dort ängstliche Verlegenheit der Engländer, die sich in der entscheidenden halben Stunde dann auch auf dem Platz zeigte.
Umso ärgerlicher ist das, da das Mutterland des Fußballs davor viel dafür getan hatte, sein erstes WM-Finale seit dem bisher einzigen Titelgewinn 1966 zu erreichen. In der ersten Halbzeit hielten Jude Bellingham und Co. gegen die erwartbar harte und mitunter rüpelhafte Gangart der Argentinier erfolgreich dagegen. Weil so viel auf dem Spiel stand, blieben fußballerische Highlights Mangelware, Neutralisation pur war die Überschrift für die ersten 45 Minuten.
Und dann, zu Beginn der zweiten Halbzeit, sah es noch so aus, als würde Tuchel hinterher für seinen Einfluss gefeiert werden. Morgan Rogers, den er überraschend anstelle von Noni Madueke oder Bukayo Saka auf dem rechten Flügel in die Startelf beordert hatte, brachte den Ball in absoluter Perfektion an den zweiten Pfosten, wo sein Flügel-Pendant Anthony Gordon eingelaufen war und präzise einschoss.
David Beckham drehte auf der Tribüne durch und natürlich war jetzt förmlich zu spüren: Die viel besungenen "60 Years of Hurt" könnten 2026 in Nordamerika tatsächlich endlich enden. England nutzte seine erste echte Torchance eiskalt und hatte es bis dahin hervorragend hinbekommen, Argentinien und eben allen voran Messi die Flügel zu stutzen. Umso verwunderlicher ist das, was nach diesem vermeintlichen Vorboten eines historischen Finaleinzugs passierte.
"Die Taktik in den ersten 60, 65 Minuten hat perfekt gepasst", analysierte Schweinsteiger nach Spielschluss in der ARD. Doch dann? "Die Engländer sind nicht mehr rausgekommen, hatten nicht mehr den Mut, die Argentinier anzulaufen. Umso mehr du dich hinten rein drängen lässt, fällt dann irgendwann eben einer rein."