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Das Spiel ihres Lebens im eisigen Winter! Kanadas Weg zu einer Fußballnation

Alles begann im Jahr 2019. Kanada schlug die US-Nationalmannschaft damals zum ersten Mal seit 34 Jahren. Und anstatt die Mannschaft zum Feiern anzuregen, zeigte der damalige Trainer John Herdman seinem Team einen Highlight-Clip von kämpferischen Aktionen. Zuerst war Stürmer Jonathan David zu sehen, der US-Star Michael Bradley verfolgte, als dieser versuchte, das Spiel aufzuziehen. Dann war die kanadische Bank eingeblendet, die auf ein hartes Foul reagierte.

Herdman argumentierte damals, dass es genau diese Momente waren, die Kanada zu seiner ersten Weltmeisterschaft seit 1986 führen würden. Drei Jahre später sollte er Recht behalten. Kanada empfing Jamaika im BMO Field bei eisigen Bedingungen. Und dann schlug es die Reggae Boyz gnadenlos. Cyler Larin, Tajon Buchanan und Junior Hoilett erzielten vor ausverkauftem Haus bei Minustemperaturen die Tore, Kanada hatte sich für die WM 2022 in Katar qualifiziert.

Herdman ließ in einem Interview nach dem Spiel endlich seinen Emotionen freien Lauf: "Ich denke, wenn wir alle zusammenhalten … jetzt ist es an der Zeit, dass sich alle hinter den Fußball stellen und sich vereinen. Denn wir können eine Macht sein. Und es ist an der Zeit."

Dieses Spiel, das am 27. März 2022 ausgetragen wurde, bleibt zweifellos das wichtigste Spiel in der Geschichte der kanadischen Nationalmannschaft. Sicher, sie hatte sich schon zuvor für eine Weltmeisterschaft qualifiziert - mit weniger Teilnehmern. Aber 1986 war im Vergleich zum modernen Fußball noch prähistorisch. Es war ein wahrhaftiger Moment, der Tag, an dem die kanadischen Les Rouges wieder zu einer Fußballnation wurden.

Dies ist eine weitere Episode von "Legacy", dem Podcast von GOAL, zur Weltmeisterschaft. Jede Woche bringen wir Ihnen eine neue Geschichte von der größten Fußballbühne der Welt. Die Folgen hört Ihr bei Euren üblichen Podcast-Anbietern auf Spotify und Apple.

  • Kanada 1986IMAGO / Sportfoto Rudel

    Die Misserfolge von 1986 - und die Jahre des Leidens, die darauf folgten

    Kanada hätte sich 1986 eigentlich nicht qualifizieren dürfen. Wenn 2022 schon eine Leistung war, dann war 1986 ein Wunder. Nicht alle Spieler dieses damaligen Teams waren Profifußballer, und diejenigen, die es waren, kamen aus der NASL – einer Liga, die 1985 ihren Betrieb eingestellt hatte. Nur zwei CONCACAF-Nationen qualifizierten sich damals für die Weltmeisterschaft - und da Mexiko bereits als Gastgeber feststand, musste Kanada gegen den Rest der Region antreten. Die US-Mannschaft war damals noch keine Macht. Kanada schaffte es mühelos durch die erste Runde und traf dann auf Honduras und Costa Rica – zwei Länder mit einer weitaus etablierteren Fußballkultur.

    Kanada holte einen wertvollen Punkt in Costa Rica und legten mit einem 1:0-Sieg in Honduras nach - dank eines Tores, das von einem Spieler erzielt wurde, der vollzeit in der Gas-Branche arbeitete. Damit stand im letzten Heimspiel gegen Honduras alles auf dem Spiel. Kanada füllte ein provisorisches Stadion mit 13.000 Plätzen in St. John's, Neufundland, und erkämpfte sich einen 2:1-Sieg. Das WM-Ticket war gelöst!

    Diese Mannschaft war sehr unerfahren. Kanada sogar Schwierigkeiten, Vorbereitungsspiele zu organisieren. Cheftrainer Tony Waiters erinnert sich: "Wir haben sozusagen ein Team gegründet. Und wir sind überall hingegangen, wo man uns für unseren Auftritt bezahlt hat. So haben wir eine Tournee durch Nordafrika gemacht. Wir sind auch nach Asien gereist. Wir haben jede Gelegenheit genutzt, ein Spiel zu bestreiten, bei dem Geld zu verdienen war, damit wir einen Teil davon in die Taschen der Spieler stecken konnten."

    Die Buchmacher sagten, Kanada hätte kaum eine Chance, überhaupt ein Tor zu erzielen bei der WM. Und sie sollten Recht behalten. Les Rouges schieden ohne ein einziges Tor in der Gruppenphase aus. Doch statt einem Aufschwung führte die WM-Teilnahme zu nichts. 1990, 1994 und 1998 gelang die WM-Qualifikation nicht. Der unerwartete Gold-Cup-Sieg im Jahr 2000 stellte sich zudem nur als Strohfeuer heraus.

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  • Kanada JamaikaIMAGO / Xinhua

    Herdman und der Traum

    Dann, Ende der 2010er Jahre, änderte sich etwas. Der Grund dafür war die Einstellung eines bedeutenden Trainers. Octavio Zambrano hatte beim Gold Cup 2017 gute Arbeit geleistet und die Mannschaft zum ersten Mal seit 2009 aus der Gruppenphase geführt. Als Herdman verfügbar war, schlug der kanadische Fußballverband jedoch direkt zu. Der hoch angesehene Trainer hatte mit der Frauenmannschaft gute Arbeit geleistet und sie zu einem ernstzunehmenden Akteur auf der internationalen Bühne gemacht. Der Engländer war zu dieser Zeit mit einer Reihe von guten Mannschaften in Verbindung gebracht worden – nicht zuletzt mit dem Posten des Trainers der englischen Frauenmannschaft.

    Aber der kanadische Fußballverband wollte Herdman unbedingt im Land halten und ernannte ihn im Januar 2018 zum Trainer der Männer-Nationalmannschaft und stattete ihn mit einem atemberaubenden Achtjahresvertrag aus. Seine Aufgabe war einfach: den kanadischen Fußball neu aufzubauen. Und das war eine ziemliche Herausforderung. Les Rouges hatte Talent, befand sich aber im Chaos. Herdman hatte bereits zuvor mit der Frauenmannschaft einen Neuaufbau geschafft. Er ging die Sache mit Gelassenheit an. Innerhalb eines Jahres nach seinem Amtsantritt behauptete er, dass Kanada bei der Weltmeisterschaft 2022 dabei sein würde. Viele Fans vor allem in den benachbarten Vereinigten Staaten verspotteten ihn dafür. Das konnte dieser Typ doch unmöglich ernst meinen?

    Doch dann kamen die ersten Erfolge. Und als klar wurde, dass das Land gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und Mexiko die Weltmeisterschaft 2026 ausrichten würde, rückte der Traum in greifbare Nähe.

    Hilfreich war auch, dass Kanada über eine gute Mannschaft verfügte, angeführt von Bayern-Star Alphonso Davies, Jonathan David von Juventus Turin  und vielen weiteren erfahrenen Spielern. Herdman war zudem ein hervorragender Menschenfänger, der ein Team inspirieren konnte.

    "Ich glaube, er hält jede Minute des Tages eine motivierende Rede", sagte Lucas Cavallini nach einem Sieg im Jahr 2019. "Deshalb sind wir hier. Deshalb tun wir wichtige Dinge."

  • Der Weg zum Ziel

    Die Qualifikation gestaltete sich letztendlich recht einfach. Herdman baute eine solide Mannschaft um Davies herum auf, gab Stürmer Jonathan David viel Spielzeit und überzeugte eine Reihe von Spielern mit doppelter Staatsbürgerschaft, sich für Kanada zu entscheiden. Die Identität der Mannschaft veränderte sich grundlegend. In der Vergangenheit hatte Kanada meist zurückhaltend gespielt, sich auf die Defensive konzentriert. Herdman versuchte nicht, alle nach vorne zu schicken, aber er wusste, dass taktische Flexibilität entscheidend sein würde. Und mit Davies hatte er den wohl besten Linksverteidiger der Welt.

    Aufgrund seinem niedrigen Stand in der FIFA-Weltrangliste musste Kanada eine Vorrunde absolvieren, um in die Quali-Gruppe der acht Mannschaften zu gelangen, die letztlich über die WM-Teilnehmer entscheiden würde. Das gelang schnell: Mit einem Gesamtergebnis von 4:0 gegen Haiti zog Kanada mühelos in die Endrunde ein. Auf dem Papier sah es nach einer schwierigen Gruppe aus, auch wenn drei von acht Teilnehmer direkt zur WM fahren durften. Die USA waren nach dem Verpassen der WM 2018 auf Revanche aus und wirkten unter Trainer Gregg Berhalter wie neu belebt. Mexiko war Mexiko – und hatte wie immer gute Chancen auf die Qualifikation. Der dritte Platz schien für Kanada möglich, aber Costa Rica war nach seinem denkwürdigen WM-Lauf 2014 der Favorit.

    Les Rouges starteten mit zwei Unentschieden: einem frustrierenden Punkt zu Hause gegen Honduras, gefolgt von einem akzeptableren Unentschieden auswärts gegen die Vereinigten Staaten. Dann machten sie kurzen Prozess mit El Salvador, holten einen Punkt im Azteken-Stadion von Mexiko und stolperten zu einem torlosen Unentschieden gegen Jamaika.

    Nach fünf Spieltagen waren die Leistungen gut – und Kanada war ungeschlagen –, aber es mussten mehr Siege her, nicht nur Unentschieden. Was folgte, war eine eindrucksvolle Siegesserie von sechs Spielen, deren Höhepunkte Siege gegen Mexiko und dann, ganz entscheidend, gegen die USA waren. Das erste Spiel fand bei starkem Schneefall in Edmonton statt – was zu einer Social-Media-Bewegung führte, die das Commonwealth Stadium als "Iceteca" bezeichnete.

    Das reichte tatsächlich aus, um sich die automatische Qualifikation zu sichern. Als das Spiel gegen Jamaika anstand, fühlte sich alles wie eine Formalität an. Kanada qualifizierte sich sogar als Gruppenerster.

    "Jetzt glauben die Leute daran. Und es ist unglaublich, wie sehr die Leute daran glauben. Und es wird nur noch besser werden. Jetzt wollen wir zur Weltmeisterschaft fahren und ein Zeichen setzen", sagte Mittelfeldspieler Jonathan Osorio.

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  • HerdmanIMAGO / Anadolu Agency

    Der Einfluss der MLS auf die Reds

    An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Verbesserung des kanadischen Fußballs unter Herdman deutlich von der Major League Soccer geprägt ist, an der vor allem Mannschaften aus den USA teilnehmen - aber auch aus Kanada. Ja, der Trainer wurde in England geboren und sammelte seine ersten Erfahrungen in Neuseeland. Und ja, Kanada hatte sicherlich schon eine ordentliche Mannschaft, als er das Amt übernahm. Aber ohne die MLS wäre die Qualifikation für die Weltmeisterschaft nicht möglich gewesen. Es gibt offensichtliche Gründe: Die MLS hat drei Franchises in Kanada – darunter den Toronto FC, der 2017 das Triple gewann.

    Der kanadische Kader war stark von der MLS geprägt. Während US-Coach Berhalter sich von einheimischen Talenten abwandte und in Europa tätige Spieler bevorzugte, suchte Herdman die Antwort in der MLS. Er berief im Laufe der langen Qualifikationsphase 16 MLS-Spieler und zehn für die letzten beiden Spiele. Vier weitere Spieler in diesem Kader hatten sich in der MLS entwickelt, bevor sie nach Europa wechselten.

    Kanadische Talente mussten jahrelang an Colleges in Amerika wechseln, um überhaupt eine Chance zu haben, Profi zu werden. Als der Toronto FC 2007 als Expansionsteam in die Liga eintrat, gab es endlich gute Chancen für kanadische Spieler, in der Heimat zu Profis zu werden. Die kanadischen Vereine haben zwar keine Stars in ihren Reihen, aber dafür gute Spieler, die Superstars wie Davies und David unterstützen.

  • Katar und das Ende eines Zyklus

    Allerdings reichte dies in Katar nicht aus. Les Rouges erwischten eine brutale Auslosung. Sie wurden in eine Gruppe mit dem hoch eingeschätzten Belgien, dem sehr erfahrenen Kroatien und der Turnierüberraschung Marokko geworfen. Herdman setzte vor dem Turnier auf den Erfolg seiner Mannschaft: "Wir werden auf Giganten des Weltfußballs treffen, daran besteht kein Zweifel, wir sind hier der David. Aber David war immer dazu bestimmt, Goliath zu besiegen, weil er seine Stärken genau kannte."

    Eine knappe Niederlage gegen Belgien gab Anlass zur Hoffnung, und nachdem Davies zwei Minuten nach Anpfiff gegen Kroatien das erste Tor seines Landes bei einer Weltmeisterschaft erzielt hatte, war die Hoffnung groß. Allerdings war sie nur von kurzer Dauer. Kroatien schoss danach vier Tore. Marokko vernichtete Kanada schließlich im letzten Gruppenspiel. Man ging mit 0:3 unter, holte keinen einzigen Punkt. Die Erwartungen wurden brutal getrübt.

    Und die Dinge gerieten im Anschluss fast außer Kontrolle. Herdman führte Kanada ins Finale der CONCACAF Nations League 2023 - doch dort verlor man gegen die USA. Herdman verließ seinen Posten im Oktober 2023 und übernahm den Toronto FC, wo er große Schwierigkeiten hatte.

    Er musste 2024 zurücktreten, nachdem bekannt wurde, dass er in einen massiven Skandal verwickelt war, bei dem der kanadische Fußballverband mit Drohnen das Training der Gegner ausspioniert hatte. Herdman wurde in dem Bericht erwähnt und erhielt eine "schriftliche Verwarnung".

    Der US-Amerikaner Jesse Marsch, 2021 auch kurz Trainer von RB Leipzig und im Red-Bull-Kosmos groß geworden, der nach Herdman eingestellt wurde, behauptete später, dass er "nicht viel über die Vorgänge wusste" - aber offensichtlich auch nicht nichts.

  • Jesse MarschGetty Images

    Jesse Marsch und eine vielversprechende Zukunft

    Und so kommen wir zu Marsch, dem Mann, der wie kein anderer etwas zu beweisen hat. Wenn man den Berichten Glauben schenken darf, war der Amerikaner der Favorit für den Posten bei der US-Mannschaft, bevor man sich für Mauricio Pochettino entschied. Der wütende Marsch startete danach eine PR-Kampagne, in der er detailliert beschrieb, wie sehr er von dem Fußballverband, für den er einst als Co-Trainer gearbeitet hatte, getäuscht worden war.

    Im Mai 2024, weniger als einen Monat vor der Copa America, übernahm er den Posten in Kanada. Marsch hatte wie Herdman einen hervorragenden Kader zur Verfügung, schien aber gegen einige der besten Teams Südamerikas chancenlos zu sein. Er führte Les Rouges zu einem unerwarteten Einzug ins Halbfinale, wo sie vom späteren Sieger Argentinien geschlagen wurden. Seitdem ist Kanada immer stärker geworden. Der Gold Cup war eine Enttäuschung, aber in den Freundschaftsspielen vor der Weltmeisterschaft 2026 hat sich Kanada als schwer zu schlagende Mannschaft präsentiert. Davies ist nach seiner kontroversen Verletzung  - er zog sich während eines Spiels für Kanada, das er angeschlagen und gegen den Rat der Bayern bestritt, einen Kreuzbandriss zu, der zunächst nicht diagnostiziert worden war -  wieder zurück. Er dürfte bei der anstehenden WM wie erhofft der Schlüsselspieler werden.

    Auch Marsch profitiert von der MLS – wenn auch auf etwas andere Weise. Da Canada Soccer knapp bei Kasse ist, übernehmen die drei kanadischen MLS-Vereine einen Teil seines Gehalts. Der Trainer betont zwar, dass es keine Verpflichtung gibt, im Gegenzug Talente aus der MLS einzusetzen. Dennoch unterstreicht diese Vereinbarung das Gefühl der Einheit im ganzen Land.

    Und vielleicht ist genau das der Punkt. Marsch ist ein ausgezeichneter Trainer, der die undankbare Aufgabe übernommen hat, in die Fußstapfen einer kanadischen Fußballlegende zu treten. Er wird versuchen, auf heimischem Boden bei der Weltmeisterschaft 2026 noch einen draufzusetzen.