Die Defensive der deutschen Mannschaft gilt als die größte Baustelle auf dem Weg zum ersten EM-Titel seit 1996. Was macht man mit so vielen Innenverteidigern und eigentlich nur einem echten Außenverteidiger (Jonas Hector)?
Ganz klar: Mit einer Dreierkette spielen. So wurde eine deutsche Mannschaft auch zuletzt Europameister. 1996 war Matthias Sammer der zentrale Mann in der Abwehr, eine Art Libero. Ihm assistierten - nach der verletzungsbedingten Heimreise von Jürgen Kohler - Markus Babbel und Thomas Helmer. Diese Variante wäre für Joachim Löw ebenfalls machbar. Mit Jerome Boateng, Mats Hummels (wenn rechtzeitig fit) und Benedikt Höwedes stünden entsprechend erfahrene und gestandene Spieler zur Verfügung.
Im Mittelfeld glänzten technisch starke Spieler wie Thomas Häßler und Andreas Möller, die wir im aktuellen Kader im Überfluss haben. Im Finale gegen Tschechien wurden – wie zumeist im Turnierverlauf – mit Jürgen Klinsmann und Stefan Kuntz zwei nominelle Spitzen aufgeboten, von denen aber Kuntz (damals bei Besiktas) eher hängend agierte. Diese Variante wäre für Löw ebenfalls denkbar – Mario Gomez als klassischer Strafraumstürmer und Mario Götze oder auch Thomas Müller dahinter.


Doch was machte den damaligen Kader von Berti Vogts zum Europameister? Der Zusammenhalt war ungemein. Matthias Sammer drückte es in einem Kommentar in der Zeit, in dem er auf die EM 1996 zurückblickte, so aus: "Unser Erfolgsgeheimnis war, dass diese Individualisten sich sportlich und menschlich sehr gut verstanden und deshalb eine geschlossene Mannschaft bildeten.“ Mit Stefan Kuntz (Besiktas) und Final-Goalgetter Oliver Bierhoff (Udinese Calcio) standen nur zwei Legionäre im Kader, das Gros spielte bei Meister Borussia Dortmund, Bayern München und Werder Bremen.
1996: Zweikämpfe statt Ballbesitz
Vom viel zitierten "Rumpel-Fußball" konnte damals noch keine Rede sein, dennoch war die Spielweise der Deutschen längst nicht so dominant wie heute. Dies stellen die Statistiken von Opta unter Beweis. Der Datendienstleister hat alle Europameisterschaften seit 1980 detailliert analysiert.
Die lediglich 51% Ballbesitz wurden bei den folgenden vier EM-Endrunden immer überboten. Genauso verhielt es sich mit dem Passspiel: Die Anzahl der Pässe (414 pro Spiel) und deren Präzision (79% kamen an) waren europäischer Durchschnitt. Zum Vergleich: Bei der Europameisterschaft 2012 spielte die DFB-Elf pro Spiel 555 Pässe, die zu 87% einen Mitspieler fanden.

Ein großer Trumpf war damals die Effektivität vor dem Tor. Eine Fähigkeit, die der heutigen Mannschaft oftmals abgesprochen wird. Den Vorwurf, den Ball ins Tor tragen zu wollen, konnte man Jürgen Klinsmann & Co. jedenfalls nicht machen. Die Chancenverwertung von 16% war die beste des Turniers. Bei den enttäuschenden EM-Turnieren 2000 und 2004 brachten die Deutschen nur desolate zwei bzw. vier Prozent ihrer Schüsse im Tor unter.
Joachim Löw hat es zum Ziel gemacht, einen Zweikampf möglichst ohne Foul zu lösen. Eine löbliche und moderne Einstellung. 1996 haute Deutschland allerdings noch dazwischen. Fast 20 Fouls wurden pro Spiel begangen – beim letzten EM-Turnier 2012 waren es gerade mal halb so viele. Wie sich das Spiel verändert hat, zeigen auch die Zweikämpfe: 128 bestritt die DFB-Elf beim EM-Triumph im Durchschnitt in jeder Partie und damit rund 50 mehr als 2012.
Steht die Achse 2016 schon?
Eine erfolgreiche Achse war damals wie heute eine Grundvoraussetzung auf dem Weg zu großen Titeln. 1996 waren aus deutscher Sicht vor allem drei Namen zu nennen, die auch von der UEFA in die Elf des Turniers gewählt worden: Andreas Köpke, Matthias Sammer und Dieter Eilts. Allesamt Defensivspieler.
Drei Gegentore kassierte die Mannschaft von Berti Vogts im Turnierverlauf, kein einziges davon in den drei Gruppenspielen. Köpke, der heutige Torwarttrainer des DFB, der vor der EM mit Eintracht Frankfurt aus der Bundesliga abgestiegen war, hielt überragende 86% der gegnerischen Schüsse. Matthias Sammer war als Libero der Kopf der Mannschaft und Schlüsselspieler im Spielaufbau. Der "Feuerkopf“ hatte mit 531 Ballaktionen die mit Abstand meisten aller Spieler im Turnierverlauf und war Deutschlands bester Zweikämpfer. Im Mittelfeld räumte der unterschätzte Dieter Eilts auf, der von der englischen Presse als "Lord Eilts" betitelt wurde.
Projiziert man diese Schlüsselspieler positionsgetreu auf die heutige Elf, hießen die drei defensiven Stützen wohl Manuel Neuer, Jerome Boateng und Sami Khedira. Dieses Trio ist für die Abwehrarbeit immens wichtig und stand seit der Weltmeisterschaft in Brasilien in nur zwei Partien gemeinsam auf dem Platz. Ein Fakt, der die Probleme in der Rückwärtsbewegung erklärt. Und Hoffnung macht für die Europameisterschaft.

