Wer pfeift jetzt? Gerard Pique musste sich von vielen spanischen Fans wegen seiner kontroversen Kommentare in Richtung Real Madrid sowie seiner katalanischen Wurzeln zunächst Buhrufe und Pfiffe anhören. Dennoch avancierte der Innenverteidiger neben Vorlagengeber und Barca-Kollege Andres Iniesta zum Helden. Eine kuriose Konstellation.
Spanien begann sein EM-Auftaktmatch in Toulouse gegen Tschechien stark. Auf dem Weg zum dritten Europameisterschafts-Triumph in Folge setzte Trainer Vicente del Bosque trotz der Berichte über eine angebliche Verwicklung in einen Sex-Skandal auf David de Gea im iberischen Kasten. Im Sturm durfte indes Alvaro Morata ran, flankiert von David Silva und Nolito.

Diese Dreierreihe, ein rein spanisches MSN, hatte jedoch Mühe, die tschechische Defensive zu knacken. Silva legte Morata in Hälfte eins zwar eine exzellente Gelegenheit auf, der Angreifer von Juventus zielte aber genau auf Petr Cech. Jener zeichnete sich später dann auch noch gegen Silva, erneut Morata sowie Iniesta aus.
Letzterer diktierte derweil das Geschehen. Der Barca-Stratege war überall, schlängelte sich im Mittelfeld an den Gegnern vorbei, streute wundervolle Pässe in den Strafraum ein, gewann zudem wichtige Bälle in der Rückwärtsbewegung. Dass auch Iniesta aber nicht alles auf eigene Faust bewerkstelligen konnte, ist klar. Unterstützung von den spanischen Stürmern, die an diesem Nachmittag nicht überzeugten, bekam er aber zu wenig.
Morata fehlt die Konsequenz
Moratas Bewegungen ließen sich zwar gut an, wirklich zwingende Torgefahr beschwor er, der kein klassischer Mittelstürmer ist, aber kaum einmal herauf. Später, als mit Aritz Aduriz eine echte Nummer neun für Morata auf den Rasen geschickt wurde, profitierte Spanien dann von dieser direkteren Ausrichtung.
Nolito verbrachte unterdessen zu viel Zeit auf den Flügeln, während Silva - bei aller Wertschätzung für seine herausragende Technik - zu statisch agierte. So waren die Spanier am Ende lediglich drei Minuten davon entfernt, erst das zweite von 23 Teams seit November 2013 zu sein, das gegen Tschechien ohne Torerfolg bleibt. Die andere Mannschaft war Malta.
Glücklicherweise, werden die Fans der Furia Roja sagen, wurde dieser kuriose Fakt vermieden. Iniesta - wer sonst? - zirkelte eine traumhafte Flanke in den Sechzehner, dort rettete Pique in der 87. Minute den spanischen Start per Kopf. Ein Sieg für die Moral, nach einem engen Spiel, war damit eingetütet. Und plötzlich war kein Buhruf mehr zu hören von den gut 8.000 spanischen Fans in Toulouse. Es war so, wie es Piques königlicher Innenverteidiger-Kollege Sergio Ramos vor dem Match konstatierte: Vereinsfarben zählen jetzt nicht mehr - sondern ausschließlich die Nationalmannschaft.

Dass Pique wahrscheinlich am liebsten für eine katalanische Auswahl spielen würde, ist zwar kein Geheimnis. Aber er spielt nun einmal für La Roja, und hat immer sein Bestes für dieses Team gegeben. Beim WM- sowie einem der beiden jüngsten EM-Triumphe eine prägende Figur, ist der Barca-Star in seiner derzeitigen Verfassung vielleicht der beste Verteidiger der Welt. Und sein Kopfballtor am Montag gab der Mannschaft einen großartigen Impuls, als sie ihn am dringendsten benötigte.
"Welch ein Assist"
"Ich glaube, wir haben gut gespielt", sagte Pique nach Schlusspfiff. "Wir haben die Partie kontrolliert, aber der Ball wollte lange einfach nicht rein. Ich hatte dann das Glück, zu treffen, aber die gesamte Mannschaft war phänomenal. Und welch ein Assist von Iniesta, was für eine Qualität."
Der 28-Jährige gab zudem zu Protokoll, dass sein Sohn mit einem Spanien-Shirt im Publikum stand, und ergänzte: "Wir sind zu keinem Zeitpunkt in Panik verfallen, haben immer weiter gemacht. Wir wussten, wie wichtig es ist, mit einem Dreier zu starten - und das haben wir am Ende geschafft."
Beim WM-Triumph 2010 hat Spanien eben solch knappe 1:0-Siege häufig gefeiert. Auch das EM-Endspiel gegen Deutschland 2008 gewann man mit diesem Resultat. Dass im bisherigen Turnierverlauf nur das Spiel der DFB-Auswahl gegen die Ukraine mit mehr als zwei Toren Unterschied zu Ende ging, relativiert das knappe Ergebnis Spaniens zusätzlich.
Sicherlich gibt es Verbesserungsbedarf, speziell in vorderster Front. Aber Iniestas herausragende Leistung und Piques ultimatives Eingreifen verhalfen dem Mitfavoriten schließlich zu einem guten Start ins Turnier. Und, vielleicht genau so wichtig: Pfiffe gegen Pique wird es in den nächsten Wochen in Frankreich nicht mehr geben.
