Die Anfield Road und der Celtic Park sind zwei der legendärsten Stadien der Welt. Beide haben etwas Nostalgisches an sich, die Fans in beiden Spielstätten sind ebenso legendär wie die Arenen selbst. Als oberste Wertschätzung gilt es, wenn die Anhänger ihren Lieblingen einen eigenen Song widmen. "Ich hatte Gänsehaut, wenn The Kop meinen Chant anstimmte", sagt etwa der finnische Hüne und ehemalige Reds-Publikumsliebling Sami Hyypiä.
Wenn einem Spieler die Ehre zuteil wird, dass sowohl Celtic als auch Liverpool-Fans ihn ins Herz schließen, dann muss er vieles richtig gemacht haben. Robbie Keane ist ein solcher Spieler. In Liverpool sangen sie: "He's fast, he's red, he talks like Father Ted, Robbie Keane" und auch in Glasgow priesen sie "Keano" mit einem Song. Dabei spielte der nur 16 Mal für die Schotten.
"Er macht uns alle stolz"
Egal, wo Keane in seiner Karriere hinkam: Die Fans liebten ihn. Das liegt einerseits an seinen Toren, anderseits aber an seiner irischen Ehrlichkeit. Er war immer einer, der seine Meinung sagte, und nie einer, der mit millionenschweren Autos prahlte oder auf Instagram Fotos seines Hochglanz-Lebens postete.
Im Gegenteil: Er hat zwar einen facebook-Account, die meisten Posts erstellt er aber nicht selbst. Und wenn doch, dann sind es Fotos, die sein Wesen gut charakterisieren. Dann zeigt er sich mit irischen Fans und wirkt mit seinem Grinsen fast wie einer von ihnen. "Er macht uns alle stolz, er ist einer von uns", schreibt ein User unter einem Bild und zeigt, wie sehr man Keane in Irland verehrt.
Nur noch ein Tor hinter dem Bomber
Inzwischen ist Keane 35 Jahre alt, hat die besten Jahre längst hinter sich und doch ist er beliebter denn je. Schließlich hat er inzwischen den Status einer lebenden Legende erlangt. Schließlich ist Keane nicht nur irischer Rekordspieler (147 Spiele) und -torschütze (67 Tore), sondern auch der derzeit erfolgreichste aktive Nationalmannschafts-Torschütze der Welt Und auch Platz eins in der ewigen Bestenliste ist nicht weit weg: Nur die Deutschen Gerd Müller (68 Tore) und Miroslav Klose (71) und das Ungarn-Duo Ferenc Puskas (84)/Sandor Kocsis (75) liegen noch vor ihm - eine beeindruckende Leistung für einen Stürmer aus dem kleinen Irland.
Keane selbst wirkt manchmal wie einer, der gar nicht glauben kann, dass er es in England geschafft hat, dass er ein Weltstar ist und dass er mit Größen wie dem "Bomber" um Rekorde ringt. "Als Kind aus Dubliner Hinterhöfen stellten wir uns immer vor, dass wir bei der WM spielen würden und jetzt wird dieser Traum Realität werden", sagte er 2002, als er sich mit Irland für die Endrunde in Japan und Südkorea qualifizierte.
Getty ImagesGroße Ehre: Wie Barack Obama oder David Beckham durfte Keane bei einem MLB-Spiel den First Pitch werfen
Auch Amerika liebt ihn
Es sind die Worte eines Spielers, der immer bescheiden geblieben ist und der sein Glück nie als selbstverständlich ansah. "Ich hatte viel Glück. Dafür werde ich immer dankbar sein", sagt Keane, der nach seinen langen und erfolgreichen Jahren seit 2011 in Kalifornien für Los Angeles Galaxy spielt. Erst an der Seite von David Beckham, nun an der von Steven Gerrard.
Und selbst im Football- und Basketball-Land USA ist Keane zum Liebling aufgestiegen. Die Fans mögen seinen irischen Akzent und vergöttern ihn dafür, dass er den Klub 2011, 2012 und 2014 zum MLS Cup geführt hat. Vor einigen Tagen zeigte sich die Wertschätzung der amerikanischen Fußball-Skeptiker, als Keane beim Baseball-Klub Los Angeles Dodgers den First Pitch werfen durfte. Diesen symbolischen Startschuss lässt man eigentlich nur Männer wie David Beckham oder Präsident Barack Obama vollziehen. Und nun Robbie Keane.
Standing Ovations vom Gegner
Im Nationalteam ist er kein unangefochtener Stammspieler mehr, Gefahr strahlt er aber immer noch aus, wie seine fünf EM-Quali-Treffer zeigen. "Seine Präsenz ist wichtig. Er ist eine Ausnahmepersönlichkeit", sagt Trainer Martin O’Neill über seinen Kapitän.
Keane ist eines dieser seltenen Exemplare wie Andrea Pirlo, das überall freundlich empfangen wird. So erhoben sich im November 2014 bei Keanes Einwechslung im Quali-Spiel zwischen den "Boys in Green" und Schottland nicht nur die Iren applaudierend, sondern auch die Schotten. Ehre, wem Ehre gebührt.
Und sollte Keane Kloses Rekord noch brechen, wonach es aussieht, dann wird ihn wohl der Applaus der ganzen Welt empfangen. Denn kaum jemandem gönnt man es so sehr wie Keane. "Ich konzentriere mich auf das Match. Diese Torstatistik ist Nebensache", wiegelt er vor dem wichtigen Spiel gegen Deutschland am Donnerstagabend (20.45 im LIVE-TICKER) ab. Dabei ist es alles andere als selbstverständlich, dass er überhaupt dabei ist in Dublin, wo man gegen die DFB-Elf einen Punkt holen will, um Platz drei vor den lauernden Schotten zu behaupten.
Goal"Solange er nicht selbst stillt ..."
Denn am 6. Oktober freuten sich Keane und seine Frau Claudine über die Geburt ihres zweiten Kindes. "Er hat das Baby ja nicht bekommen", beantwortete Irlands Co-Trainer-Raubein Roy Keane, nicht verwandt mit Robbie, die Frage nach Keanes Einsatzchance. "Solange er nicht selbst stillt, wird er spielen." Keane selbst beschreibt es so: "Am Montag wurde ich in Los Angeles um 19 Uhr Vater, um 21 Uhr saß ich im Flugzeug, und jetzt bin ich hier." Das zeigt: Trotz seiner 35 Jahre will er unbedingt spielen – und punkten.
Denn gegen Müller und Co. rechnet man sich durchaus Chancen aus. Das Hinspiel endete durch John O'Sheas spätes Tor 1:1. Dieses Ergebnis würde man nun sofort wieder unterschreiben. "Wir haben die große Sehnsucht, etwas zu erreichen. Und natürlich wollen wir Deutschland schlagen", rückt O'Neill sogar drei Punkte in den Bereich des Möglichen. Vier Punkte liegt man vor den Schotten auf Platz drei, hat aber noch Deutschland und Polen in den letzten beiden Spielen vor der Brust. Platz drei würde das Erreichen der Playoffs bedeuten – und das Wahren von Keanes Chance, nach der WM 2002 in Asien und der EM 2012 in Polen sein drittes großes Turnier zu bestreiten. "Frankreich 2016 wäre die Krönung meiner Karriere", sagt er selbst.
Eine letzte Aufgabe
Dabei bedarf seine Karriere mit mehr als 700 Spielen und mehr als 300 Toren gar keiner Krönung mehr. Denn ein Liebling der Massen ist er längst, eine Ikone, der Fans in Dublin sogar ein Denkmal gebaut haben. Robbie Keane hat wahrlich etwas Besonderes an sich: Er ist einer, der auf dem Boden geblieben ist, obwohl er den irischen Auswanderer-Traum wahr gemacht hat. Die Anfield Road und der Celtic Park sangen seinen Namen. Er hat mehr Tore geschossen als die meisten anderen Stürmer der Welt. Er ist einer der Großen.
Das alles interessiert ihn im Oktober 2015 wenig. "Ich bin keiner dieser Spieler, die zurückschauen", sagt er und blickt stattdessen nach vorne. In Richtung der Partie gegen Deutschland. Und in Richtung der EM 2016. Um Rekorde geht es ihm dabei nicht, sondern um neue Impulse, neue Herausforderungen. "Manchmal brauchst du im Leben etwas anderes. Du brauchst andere Aufgaben, die dir diesen kleinen Antrieb geben", sagte Keane einst.
Neben der neuen Aufgabe als Vater eines zweiten Sohns wäre im Spätherbst der Karriere eine andere Aufgabe genau das Richtige: das Erreichen eines EM-Viertelfinales. Dann würden sie sich in Irland einen neuen Song ausdenken. Und "Keano" wäre unsterblich.
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