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Gremio Lanus Final Copa Libertadores 22112017NELSON ALMEIDA/AFP/Getty Images

Mythos Gremio: Auf dem Weg in ein neues Zeitalter

Chefutbol

HINTERGRUND

Gebannt schaute die Wand, getaucht in himmelblau, schwarz und weiß, auf das satte Grün. Der gerade eingewechselte Jael, ein Mittelstürmer, der in seiner Karriere schon für unzählige Vereine gespielt hat, verlängerte den weiten Ball per Kopf genau in den Lauf von Cicero. Der frühere Profi von Hertha BSC gab der Kugel mit seinem starken linken Fuß den entscheidenden Touch - Ekstase. Plötzlich wackelte die Arena do Gremio, plötzlich bewegte sich die himmelblau-schwarz-weiße Wand wie entfesselt.

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Ciceros Tor in der 83. Minute des Final-Hinspiels um die Copa Libertadores vergangene Woche gegen CA Lanus hat die Tür zu Gremios drittem Triumph im wichtigsten Vereinswettbewerb Südamerikas, zum ersten seit 1995, ganz weit aufgestoßen. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag (00.45 Uhr im LIVESTREAM auf DAZN) kann sich Gremio im Rückspiel in Argentinien nun endgültig zum König des Kontinents krönen. Doch was steckt hinter dem Traditionsklub, der in seiner beeindruckenden Geschichte unter anderem Megastar Ronaldinho hervorbrachte?

Der 1903 gegründete Klub aus Porto Alegre erlebt gerade seine fünfte Finalteilnahme in der Copa, war schon vor dem Hinspiel als leichter Favorit auf den Titel gehandelt worden. Die Anhänger träumen vom großen Coup und schwelgen in Erinnerungen an die Triumphe alter Zeiten. Es wäre das Ende einer langen internationalen Durststrecke, in den letzten Jahren gab es nämlich nicht so viel zu bejubeln.

Der Pokalsieg im vergangenen Jahr sollte endlich die Wende einläuten und das Finale der Libertadores ist die große Möglichkeit, eine neue Ära zu begründen. Auf die Tradition ist man jedenfalls sehr stolz bei den "Gremistas“. Gerne erzählen die Fans vom 10:0 Erfolg über den Stadtrivalen Internacional im Jahre von dessen Gründung 1909. Ebenso berichtet man gerne, dass Gremio die erste ausländische Mannschaft ist, die die Boca Juniors in "La Bombonera“ bezwingen konnte. Oder vom 11. Dezember 1994, als Gremio drei Pflichtspiele der Campeonato Gaúcho an nur einem Tag bestritt und trotz dieser Strapazen dennoch sieben Punkte daraus ergatterte.

Vom "glücklichen Hafen" in die ganze Welt

Viele große Spieler trugen bereits das dreifarbige Trikot, auf das man in Brasiliens Süden so stolz ist. Später fanden einige dieser Akteure den Weg nach Europa, insbesondere auch nach Deutschland. So kennt man hierzulande Carlos Eduardo, Douglas Costa, Grafite oder Marcelinho als Virtuosen am Ball. Sie alle waren zunächst im blau-weiß-schwarzen Dress aktiv, ehe sie den Sprung über den Atlantik wagten und unsere Fußballherzen erwärmten. Die ersten Gehversuche im Profifußball unternahm auch ein gewisser Ronaldo de Assis Moreira bei Gremio. Eben aufgrund dessen Herkunft aus Porto Alegre wird besagter Herr längst nur noch Ronaldinho Gaucho gerufen. Die Klubikone ist aber dennoch ein anderer.

Denn neben 36 Staatsmeisterschaften, fünf Pokalsiegen und zwei Meisterschaften sind vor allem die Triumphe in der Copa Libertadores (1983 und 1995) der Grundstein für den "Mythos Gremio“. Diese Erfolge konnten nur noch durch den Sieg im Weltpokal 1983 getoppt werden. Damals unterlag der Hamburger SV der Mannschaft aus Porto Alegre mit 1:2 nach Verlängerung. Doppeltorschütze und seitdem Kultfigur bei der Anhängerschaft Gremios ist der heutige Trainer des Klubs, Renato Gaucho, welcher sich in seiner zweiten Amtszeit befindet. Er reiht sich hinter Trainergrößen des Klubs wie Felipe Scolari oder auch Vanderlei Luxemburgo ein.

In der langen Geschichte Gremios gab es jedoch auch dunkle Episoden. Am 17. Juli 2007 entging die Mannschaft nur hauchdünn einem dramatischen Flugzeugunglück, bei dem später 199 Personen ihr Leben lassen mussten. Die Maschine des TAM-Linhas-Aereas-Fluges 3054 schoss bei der Landung über das Ausrollfeld hinaus und kollidierte mit einem Gebäude. Die Mannschaft Gremios hätte in diesem Flugzeug sitzen sollen, um zu einem Auswärtsspiel nach Sao Paulo zu gelangen. Ihre Tickets wurden jedoch noch kurz vor der Abreise umgebucht. (auch der neue schwedische Erstligist Dalkurd FF entging knapp einer ähnlichen Tragödie - Lest hier die ganze Geschichte) So entging der Klub einer Katastrophe, wie sie einst Manchester United oder erst vor rund einem Jahr die Mannschaft von Chapecoense erleben musste. 

Gremio Lanus Final Copa Libertadores 22112017NELSON ALMEIDA/AFP/Getty Images

Alte Bekannte und ein begehrter Star

In der Gegenwart sind zwei ganz wichtige Eckpfeiler des Teams zwei alte Bekannte aus der Bundesliga: Pedro Geromel ist zum Abwehrchef der Tricolor geworden. Der Ex-Kölner und Kapitän ist im Abwehrverbund nicht mehr wegzudenken und befindet sich in der Blüte seiner Karriere. Und im Angriff sorgt seit dieser Saison Lucas Barrios für die Tore. Der "Wahl-Paraguayer“, der einst für die Borussia aus Dortmund auf Torejagd ging, wurde vom Ligarivalen Palmeiras verpflichtet und steuerte bisher sechs Treffer in der Copa bei. Die beiden Haudegen bringen internationale Erfahrung in die Mannschaft von Gremio.

Star des Teams ist allerdings der 24-jährige Luan Riveira. Der Angreifer, der sich als hängende Spitze am wohlsten fühlt, erzielte sieben Treffer im Wettbewerb und weckte bereits Begehrlichkeiten in Europa. Gremio darf sich also glücklich schätzen, dass Anfang November sein Vertrag bis Ende des Jahres 2020 verlängert werden konnte. Auf eine andere Säule muss die Mannschaft aus Porto Alegre seit Kurzem allerdings verzichten: Ende August wurde Pedro Rocha für zwölf Millionen Euro von Spartak Moskau verpflichtet. Der Offensivmann hatte in der Anfangsphase der Saison in der Copa Libertadores bis zum Achtelfinale mit vier Toren und drei Assists auf sich aufmerksam gemacht - im Finale gegen Lanus hätte ihn Gremio sicher gerne dabei gehabt.

Qualifikation die höchste Hürde auf dem Weg ins Finale

Die Argentinier haben zwar nicht das Renommee wie die Prestigeklubs Boca Juniors oder River Plate, Lanus eliminierte River aber im Halbfinale. Für Porto Alegre wirkte der Weg in das Finale indes weniger beschwerlich als die Qualifikation für das Turnier. Gremio spielte im vergangenen Jahr eine absolut enttäuschende Saison, mit dem neunten Tabellenplatz wurden die internationalen Ränge deutlich verpasst. Durch den Erfolg in der Copa do Brasil konnte Last-Minute aber doch noch das Ticket für den Kontinentalwettbewerb gelöst werden. Begünstigt ist Gremio durch den Umstand, dass Brasilien die einzige Nation des Verbandes ist, deren Pokalsieger sich automatisch für die Copa Libertadores qualifiziert.

In der Gruppenphase angekommen, gab sich die Tricolor dann keine Blöße. Mit 13 Punkten aus sechs Partien gab es lediglich ein Unentschieden sowie eine Niederlage. Im Achtelfinale musste man CD Godoy Cruz aus Argentinien bezwingen, ehe es zum innerbrasilianischen Duell mit Botafogo kam. Einer Nullnummer im Hinspiel folgte ein knapper 1:0-Sieg im Rückspiel und der Weg ins Semifinale war geebnet. Dort sorgte man in Ecuador bei Barcelona SC im Hinspiel bereits für klare Verhältnisse. Auch die 0:1-Heimniederlage im Rückspiel konnte das 3:0 aus der ersten Begegnung nicht mehr gefährden. Held des Halbfinales war einmal mehr Luan, welcher mit zwei Treffern den Weg ins Finale ebnete. Jetzt will sich die Mannschaft in die Geschichtsbücher des Vereins eintragen, um den es nicht immer so rosig stand wie aktuell.

Die dunkle Facette des Traditionsvereins

So war der heimische Fußballtempel in Porto Alegre auch Schauplatz einer der dunkelsten Momente in der Vereinsgeschichte: Am 28. August 2014, beim Heimspiel von Gremio gegen den FC Santos, waren die "Gremistas“, wie die Anhänger genannt werden, zum wiederholten Male mit rassistischen Beleidigungen auffällig geworden. Zielscheibe war der dunkelhäutige Gästekeeper Aranha, der brasilianische Verband reagierte und schloss die Tricolor vom Pokalwettbewerb aus, obwohl das Rückspiel noch ausgestanden hätte.

Es war nicht der erste Fall von Rassismus im Block der "Gremistas". Derlei Vorkommnisse sind Relikte aus anfänglichen Epochen der Vereinsgeschichte, welche sich bei so manchem Stadionsbesucher leider bis in die Gegenwart manifestiert haben. Bei all der Tradition des großen Klubs eröffnet sich bei näherer Ansicht eine schaurige Schattenseite. Gremio war der Verein deutscher Einwanderer im Süden Brasiliens. Der Rassengedanke aus Europa fand Einzug, wie bei vielen brasilianischen Vereinen war es dunkelhäutigen Spielern untersagt, für Gremio zu spielen. Erst spät wurde diese Denkweise verworfen.

Der Stadtrivale Internacional legte hingegen von Beginn an großen Wert auf Gleichberechtigung. So kam es gerade bei den Derbys in der Vergangenheit zu Konflikten mit rassistischem Charakter. Und auch wenn sich Gremio mittlerweile von diesem Gedankengut distanziert, bleibt der fade Beigeschmack. Für den Showdown in Lanus im Final-Rückspiel der Copa Libertadores bleibt zu hoffen, dass die Gremistas aus Fehlern der Vergangenheit gelernt haben und die Akteure auf dem Rasen positiv anfeuern – egal, welche Hautfarbe sie haben. Und uns bleibt ein spannendes Spiel zwischen zwei interessanten Vereinen.

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