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Maignan PSG Ligue 1Getty Images

Mike Maignan: Vom Banlieue-Problemkind zum Elfmeterkiller


HINTERGRUND

Aus fast 30.000 Kehlen schallte ein markerschütternder Jubelschrei durch das Stade Pierre Mauroy. Während sich oben auf der Tribüne bei den Ultras der Wahnsinn Bahn brach, war unten, auf dem Platz, ganz klar, wer der Mann der Stunde war. Alle Spieler des LOSC Lille eilten zu ihrem Torhüter. Thiago Maia sprang ihm auf den Rücken. Und der Gefeierte selbst? Der ballte die Fäuste und schrie seine Anspannung und Freude hinaus. Mike Maignan hatte in der 90. Minute einen Elfmeter von Toulouse-Stürmer Andy Delort gehalten - Sieg für Lille!

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Maignan schrie natürlich wegen des parierten Strafstoßes - zumal der zu Unrecht gegeben worden war. Der Emotionsausbruch des 22-Jährigen fußte aber vor allem auf dem Frust der letzten Wochen. Lille, das mit Taktik-Spezialist Marcelo Bielsa so viel vorhatte, hat die Saison bisher gehörig verpatzt. Der Sieg gegen Toulouse ist der zweite in Folge. Nach der vorläufigen Suspendierung Bielsas wird es nun ruhiger. Hinzu kommt die persönliche Situation des Torhüters. Einst als eines der größten Talente des Landes gehandelt, galt er schon als gescheitert. Nun aber ist er angekommen im Profi-Fußball. Endgültig. 

Wie Malouda und Thuram

Sein Weg begann exakt 7211 Kilometer von nordfranzösischen Lille entfernt. In Cayenne, einer 54.000 Einwohnerstadt des Überseedepartments Französisch-Guayana. Knapp 250.000 Einwohner leben hier am Atlantik. Viele Fußballer stammen aus den Departments. Aus Cayenne etwa Florent Malouda. Lilian Thuram und der Vater von Thierry Henry kommen aus Guadeloupe, Dimitri Payet aus Reunion. Als Maignan noch klein war, zog seine Mutter mit ihm weit weg. In die französische Hauptstadt Paris.

Wie so viele andere wuchs er dort in einer Banlieue auf. Wie Kylian Mbappe, wie Henry, wie N'Golo Kante. Maignan spielte mit den anderen auf Hartplätzen, war ein guter Techniker. Anders als viele derer, die es irgendwann auf die große Bühne schaffen, war er aber kein unermüdlicher Arbeiter, der für seinen Traum kämpft, sondern ein Querulant. Ihm fehlte eine Vaterfigur, da er seinen Vater nie kennengelernt hatte. Und so machte er ständig Schwierigkeiten. 

Maignan PSG Ligue 1Getty Images

Problemkind im Problemviertel

"Es war nie einfach mit ihm", erzählt sein Jugendtrainer Romain Damiano bei So Foot. "Er hat viel Blödsinn gemacht. Besonders in der Schule, wo seine Noten schlecht waren." Ein Ventil war immer der Fußball. Weil er tolle Reflexe zeigte und schon in jungen Jahren groß war, war schnell klar, dass aus ihm ein Torwart werden würde. Sein Vorbild war der junge Steven Mandanda. Der talentierte Maignan wurde von Paris Saint-Germain entdeckt. Eigentlich eine Ehre, doch er machte weiter Probleme.

"Einmal war ich so angepisst, dass ich seine Spiellizenz zerriss", erinnert sich Damiano. "Ich war sein Trainer, aber auch sein Ersatzvater." Und siehe da: Nach einer Standpauke von Damiano, in der er den jungen Torhüter an die große Chance erinnerte, die ihm der Fußball bot, wurde es langsam besser. 

An der Seite von Kingsley Coman

2011 wurde er erstmals in die U16 Frankreichs berufen, durfte mit den größten Talenten des Landes in die legendäre Akademie Clairefontaine. An der Seite von Anthony Martial und Thomas Lemar gehörte er zu den Führungsspielern seines Jahrgangs 1995.

Bei PSG war er da längst Führungskraft. Man schätzte sein herausragendes fußballerisches Verständnis, seine tollen Reflexe und seinen Mut im Eins-gegen-Eins. Der Lohn: 2012/13 spielte er eine Saison im B-Team. Das damals als hoch veranlagte Team galt als Zukunft des Klubs. Zu den Profis hat es nur Presnel Kimpembe geschafft. Kingsley Coman wurde zwar von den Hauptstädtern aussortiert, spielt bei Bayern aber eine starke Saison. 

Und Maignan? Der wurde 2013 zwar zu den Profis befördert. Mit Salvatore Sirigu, Nicolas Douchez, Alphonse Areola und Mory Diaw standen aber vier weitere Keeper im Kader von Cheftrainer Laurent Blanc. Maignan stand ein paarmal im Kader, eine Minute für PSG absolvierte er nie. 

Mike Maignan Lille Toulouse 01122017Getty

Gescheitert ... und dann kam Bielsa

Deswegen folgte 2015 die Flucht in den hohen Norden. Immerhin eine Millionen Euro bezahlte LOSC Lille damals für den Youngster, der noch nicht eine Erstligaminute absolviert hatte. Für das einstige Supertalent, dem Damiano "das gesamte Paket" bescheinigte, alles, was es brauche, um es zu schaffen. Aber Maignan verlor beim Traditionsklub an der belgischen Grenze seinen Platz zwischen den Pfosten schnell wieder und verletzte sich dann schwer an der Schulter. Nur viermal spielte er deshalb 2015/16. Sieben Einsätze waren es in der Folgesaison. 

Es übernahm Bielsa das Zepter - und der argentinische Fußballlehrer, den Guardiola so tief bewundert, verbannte Routinier Vincent Enyeama auf die Bank und setzte auf sein Talent. Die fußballerische Ausbildung - erst auf den Banlieue-Courts, dann bei PSG - zahlte sich aus. 

"Ich wollte wie meine Freunde Feldspieler sein", erinnert sich Maignan im Interview mit France Football an seine Anfänge. "Tatsächlich betrachte ich mich vom Kopf her als Feldspieler. Wenn mein Team den Ball hat, nehme ich am Spiel teil. Erst, wenn wir den Ball verlieren, werde ich wieder Torhüter."

Dank Elfmeterkiller Maignan aus der Krise

Ausgerechnet, als ein ambitionierter Trainer, der im Sommer viel Geld ausgibt, auf ihn baute, holte ihn die Vergangenheit ein. Im zweiten Spiel beging er gegen Straßburg eine grobe Unsportlichkeit. Ganz wie früher waren ihm die Sicherungen durchgebrannt, als er Benjamin Corgnet erst schubste und ihm dann den Ball an den Kopf warf. Lille verlor, weil man schon dreimal gewechselt hatte, und deshalb ein Feldspieler ins Tor musste. 

Und trotzdem: Bielsa, der die Aktion als "sehr dumm" bezeichnete, baute nach abgesessener Sperre weiter auf den 22-Jährigen. Doch bei Lille lief es miserabel: Sieben Spiele in Folge wurden nicht gewonnen. Es schlug die Stunde des Mike Maignan. Gegen Lyon parierte er einen Elfmeter von Nabil Fekir, der LOSC gewann. Gegen Toulouse dann die Szene gegen Delort, der LOSC gewann.

Und jeweils jubelte Maignan fast aggressiv. Weil es endlich läuft. Bei Lille und vor allem bei ihm. Er ist endlich angekommen. Nicht bei PSG wie erhofft. Sondern im Norden Frankreichs. 7211 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem er einst das Licht der Welt erblickte. 

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