Joachim Löw setzte ein gequältes Lächeln auf, der Bundestrainer wirkte angespannt wie selten in seiner zehnjährigen Amtszeit. Beim obligatorischen Willkommensfoto sah der 56-Jährige zwischen dem strahlenden DFB-Präsidenten Reinhard Grindel und Evians bestens gelauntem Bürgermeister Marc Francina entsprechend deplatziert aus.
Das EM-Aus von Antonio Rüdiger hatte Löw vier Tage vor dem EM-Auftakt des Weltmeisters in Lille gegen die Ukraine (21.00 Uhr im LIVE-TICKER) die Stimmung verhagelt, auch wenn er schnell Jonathan Tah aus dem Hut zauberte, einen "guten" Ersatz, dem er "voll vertraut".
Löw will allen widrigen Umständen trotzen. Es fällt ja nicht nur Rüdiger aus, zuvor hatten sich schon Ilkay Gündogan und Marco Reus abmelden müssen. Mats Hummels (Muskelfaserriss) ist verletzt, Kapitän Bastian Schweinsteiger ringt um eine akzeptable Form. "Wir schrauben unsere Ansprüche nicht zurück und halten an unserem Ziel fest, das Finale zu erreichen. Wir wollen nicht jammern, sondern die beste Lösung finden, um ein erfolgreiches Turnier zu spielen", sagte der Bundestrainer.
"Tah in guter Verfassung"
Der Leverkusener Tah sei trotz mangelnder Spielpraxis "in einer guten Verfassung" und werde relativ schnell ins Team integriert werden. Zuvor blickte Löw noch einmal auf den turbulenten Anreisetag zurück. "Der gestrige Tag war ein bisschen getrübt von der schweren Verletzung Rüdigers. Es tut mir sehr leid für Toni, er hat sich im letzten Jahr kontinuierlich entwickelt. Er war in einer sehr guten Form. Seine Dynamik, sein Wille, das war alles sehr gut zu sehen."
Bereits wenige Stunden nach dem öffentlichen Training, bei dem sich Rüdiger so schwer verletzt hatte, habe er sich für Tah entschieden. "Ich wollte ganz bewusst eine Situation eins zu eins schaffen und deshalb einen Innenverteidiger nachnominieren", begründete Löw seine Wahl. Für das Ukraine-Spiel kommt Tah (20), der auf dem schnellsten Weg aus seinem Urlaubsort Miami zum Genfer See fliegen wird, aber noch nicht als Nebenmann von Abwehrchef Jerome Boateng in der Innenverteidigung infrage.
"Im Moment gibt es zwei Möglichkeiten: Shkodran Mustafi und Benedikt Höwedes", sagte Löw: "Mustafi verfügt über Erfahrung auf dieser Position, aber auch Höwedes, den ich von außen nach innen ziehen könnte." Das Problem sei, dass beide länger nicht mit Boateng zusammengespielt haben. "Ich lasse mir noch ein paar Tage Zeit für meine Entscheidung", sagte Löw.
Mats Hummels wieder im Training
Immerhin hatte er auch einige positive Nachrichten zu vermelden. "Mats Hummels hat wieder individuell mit dem Ball trainiert. Ich sehe eine sehr, sehr positive Entwicklung", berichtete der Bundestrainer. Hummels war eigentlich als Boateng-Partner gesetzt, ehe ihn im DFB-Pokal-Finale der Muskelfaserriss außer Gefecht setzte.
Auch Boateng sowie Sami Khedira, der wie Torwart Manuel Neuer als Ersatz für Schweinsteiger gegen die Ukraine die Kapitänsbinde tragen könnte, hätten keine Probleme. Die beiden Korsettstangen hätten lediglich aus Gründen der Vorsicht die erste Trainingseinheit vorzeitig beendet, so Löw.
Der Bundestrainer, der am Nachmittag auch Lukas Podolski nach dessen Babypause im Hotel Ermitage erwartete, beteuerte, er freue sich trotz aller Rückschläge auf den Turnierstart. "Wir werden gegen die Ukraine gut gerüstet sein", sagte er. Löw verwies aber auch auf die viele Arbeit in den wenigen Tagen bis zum Anpfiff in Lille: "Wir müssen noch an der Spritzigkeit arbeiten und die nötige Frische erlangen. Zudem müssen wir an der Organisation arbeiten: Wie spiele ich gegen eine starke Defensive? Wie verhalte ich mich bei Kontern?"
Löw versprach den deutschen Fans mit entschlossener Miene: "Wenn wir unsere Stärken ausspielen, werden wir einen erfolgreichen Auftakt haben."



