Lew Jaschin: Revolutionär und Raucher

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Er gilt bis heute als der beste Torhüter der Geschichte, in Russland ist er immer noch ein Volksheld. Supertorwart Lew Jaschin im Porträt.

PORTRÄT
Im noblen Restaurant auf dem Eiffelturm feierten die sowjetischen Fußballer ausgelassen den Gewinn der ersten Europameisterschaft. Im Finale gegen Jugoslawien hatten sie sich am 10. Juli 1960 knapp mit 2:1 durchgesetzt. Viele führende Gesichter des Weltfußballs waren zur Feier gekommen, wollten den Siegern gratulieren. Unter ihnen auch Real Madrids legendärer Präsident Santiago Bernabeu.

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Nach dem feierlichen Bankett trat der üppige Spanier zu einigen sowjetischen Nationalspielern und bot ihnen einen Vertrag bei den Königlichen an. Besonders einen Mann wollte er unbedingt in die spanische Hauptstadt locken: Die Nummer 1 der Sowjetunion, Lew Jaschin. Schon zwei Jahre zuvor hatte dieser bei der WM in Schweden, bei der die Sowjetunion das Viertelfinale erreichte, famose Leistungen gezeigt und war zum besten Torhüter des Turniers gewählt worden. Nun bei der ersten Europameisterschaft hatte er die Fußballwelt erneut ins Staunen versetzt.

Ein Blankoscheck von Santiago Bernabeu

"Bernabeu reichte Jaschin sein Scheckbuch und sagte: 'Schreib jede beliebige Summe auf, ich werde unterschreiben', erinnert sich Jaschins damaliger Teamkollege Viktor Zarev. "Wir fingen an zu lachen und stachelten Jaschin an, eine schwindelerregende Summe zu notieren, damit Bernabeu die Spucke wegbleibt. Doch der charismatische Präsident verstand, warum wir lachten und antwortete mit ruhiger Stimme: 'Ihr glaubt, ich würde nicht jede beliege Summe unterschreiben? Ohne mit der Wimper zu zucken! Denn ein solcher Torwart wie Jaschin ist mit Geld nicht zu messen, er gleicht einem Bildnis im berühmten Madrider Kunstmuseum El Prado.'"

Doch trotz dieser schmeichelnden, gar betörenden Worte sagte Jaschin ab. Nicht, weil er nicht wollte, sondern weil er wusste, dass es nicht möglich war. Sich dem damals wohl weltbesten Team um Ferenc Puskas und Alfredo Di Stefano anzuschließen, das fünfmal hintereinander den Landesmeisterpokal gewonnen hatte, war wegen des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs nicht mehr als eine Utopie. Wie in der DDR durfte kein sowjetischer Bürger das Land verlassen.

Lev Yashin

Fernab jeglicher Glanzlichter lebte Jaschin so in einer bescheidenen Zwei-Zimmer-Wohnung in der russischen Hauptstadt und spielte sein ganzes Leben für Dynamo Moskau (1950-1970), zu Beginn der Laufbahn gleichzeitig sogar noch als Eishockey-Keeper. Wegen der damals starken Abschottung des kommunistischen Großreichs konnte Jaschin trotz fünf sowjetischen Meistertiteln nicht einmal am Landesmeisterpokal teilnehmen. Und dennoch lag ihm spätestens nach der EM 1960 die gesamte Fußballwelt zu Füßen. 1963 bekam er als bis heutiger einziger Torwart der Geschichte den Ballon d'Or verliehen.

Jaschin war Vorreiter und Revolutionär

Was war an Jaschin so Besonders, dass selbst Pele noch heute von ihm schwärmt und ihn als "größter Keeper aller Zeiten" preist? Der russische Schriftsteller Wladimir Porudominskij, der hunderte Spiele des legendären Torwarts live im Stadion sah, erklärt bei Goal das Phänomen Jaschin: "Etwas Besonderes ging vor sich. Damals verharrten Torhüter meist nur auf der Linie, waren lediglich für das Bällehalten zuständig. Jaschin fungierte hingegen als erster Passgeber im Aufbauspiel. Seine gezielten Abstöße und Abwürfe leiteten die Angriffe der eigenen Mannschaft ein. Er gab seinen Vordermännern Kommandos, ordnete die Defensive und klärte viele Situation, indem er frühzeitig das Tor verließ. Wenn ich heute Manuel Neuer auf dem Platz erlebe, erinnere ich mich immer an Jaschin."

Dieses revolutionäre Spiel diente Torhütern seiner und der nachfolgenden Generationen als Inspirationsquelle. Die "Schwarze Spinne" oder der "Schwarze Panther", wie Jaschin wegen seiner stets schwarzen Montur, seiner langen Arme und unglaublichen Reflexe genannt wurde, war der Prototyp des modernen Torhüters. "Noch 10 bis 15 Jahre später nahmen sich Keeper Jaschin zum Vorbild. Auch ich habe viel von ihm gelernt", erzählt die englische Torwart-Legende Gordon Banks, Weltmeister von 1966.

Ein Kommentar, in dem Porudominskij den Grund dafür sieht, dass Jaschin für den größten Keeper aller Zeiten gehalten wird. "Es geht bei Jaschin nicht so sehr um die Anzahl gehaltener Bälle, Partien ohne Gegentor oder Titel. Es geht um dieses neue Element, das er in den Fußball brachte. Wegen des Kalten Krieges bekam die Fußballwelt Jaschin gar nicht oft zu sehen. Dennoch prägte er den Sport wie nur wenige andere."

Lev Yashin Cruyff's Best XI

Denn bei großen Turnieren lieferte Jaschin vor den Augen der Weltöffentlichkeit stets fantastische Leistungen ab. Mit Jaschin im Tor, der in seiner Laufbahn mehr als 150 Elfmeter gehalten haben soll, erlebte die Sowjetunion die erfolgreichste Phase ihrer Geschichte. Neben dem EM-Titel 1960, gewann sie 1956 Gold bei den Olympischen Spiele in Melbourne und stand 1964 ein weiteres Mal im EM-Finale, das jedoch dieses Mal mit 1:2 gegen Spanien verloren wurde. Bei Weltmeisterschaften erreichte man mit ihm im Tor zweimal das Viertelfinale (1958, 1962) und 1966 in England sogar das Halbfinale, in dem Jaschin beim 1:2 gegen Deutschland von Helmut Haller und Franz Beckenbauer überwunden wurde.

Starke Persönlichkeit mit einer Schwäche

Dass Jaschin in der Heimat grenzenlos geliebt wurde, lag gleichwohl nicht nur an seinen Fähigkeiten als Torwart. "In der Bevölkerung nannte man ihn "Torwart des Volkes", weil er sich nie von den einfachen Menschen abhob. Er war das Gegenteil eines schillernden Superstars mit Allüren. Ihn umgab stets eine Aura von Offenheit und Freundschaftlichkeit. Er war eine große Persönlichkeit. Nie sah man ihn auf dem Feld diskutieren oder meckern. Jaschin liebte wirklich jeder, auch Spartak-Fans wie ich, die Dynamo Moskau eigentlich nicht ausstehen konnten", erinnert sich Porudominskij.

Was für eine starke Persönlichkeit Jaschin war, bewies er auch bei seinem Abschiedsspiel. "Ihm wurde damals der Lenin-Ordnen, eine der höchsten Auszeichnungen der Sowjetunion verliehen. Wir lebten ihn Zeiten der Propaganda, absolut jeder, selbst Leute, die insgeheim kritisch dachten, hätten bei solch einer Ehrung zu aller erst der kommunistischen Partei gedankt.

Jaschin hingegen sagte lediglich: "Ich danke dem Volk!" und trat ab", erzählt Porudominskij. "Leider rauchte er seit seiner frühen Kindheit wie ein Verrückter. Diese Marotte konnte ihm keiner seiner Trainer austreiben, sodass ihm nach der Karriere wegen des hohen Nikotinkonsums ein Bein amputiert werden musste. Schließlich ging er schon mit 60 Jahren - viel zu früh - von uns."

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