Koke, der Unermüdliche: Xavi-Erbe wider Willen

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Der 22-Jährige zählt zu Spaniens Hoffnungsträgern für die Zukunft. Als Xavi-Erbe will das Eigengewächs von Atletico allerdings nicht abgestempelt werden.

Madrid. Alles in die Waagschale werfen, um dem Team zu helfen. Eine einfache, aber zugleich aufwändige Formel, die einen mannschaftsdienlichen Spieler beschreibt. Hört man Interviews von Koke, kristallisiert sich genau jene Formel heraus. Jorge Resurreccion Merodio, so der vollständige Name des 22-Jährigen von Atletico Madrid, will immer das Maximum. Für sich selbst, aber vor allem für das Kollektiv. "El incansable", der Unermüdliche, titelte kürzlich die Marca. Weil er so oft, so viel, ja eigentlich immer spielt.

Alle vier Champions-League-Partien der aktuellen Spielzeit hat er über die volle Distanz absolviert (zwei Tore, vier Assists). Auch in der Primera Division verpasste er noch keine Minute. Ein Tor gelang ihm dabei, mit bereits sieben Assists ist er gemeinsam mit Lionel Messi der Top-Vorbereiter der Liga. Ebenso wie der Argentinier in Barcelona, darf sich auch Koke bei den Colchoneros als echtes Eigengewächs bezeichnen. Im Alter von acht Jahren schloss er sich der Nachwuchsakademie des Klubs an. "Viele Erinnerungen", habe er an seine Zeit dort, verrät er im Interview mit dem Youtube-Kanal von Atletico.

Kleiner Koke, junger Torres

Etwa an ein Foto mit Fernando Torres, als jener Anfang der 2000er Jahre gerade begann, sich zu einer Vereins-Ikone aufzuschwingen. Schüchtern blickte der kleine Koke drein, die Hand des damaligen Jungstars auf der Schulter - und mit sehr auffällig gelocktem Haar ausgestattet, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. "Meine Mutter liebte Locken, deshalb hat sie meine Frisur immer so gelassen", erklärt er lächelnd.

Wie Torres feierte Koke später schon als 17-Jähriger sein Debüt bei der ersten Mannschaft. Im September 2009 gegen den FC Barcelona. Mittlerweile ist er ausgereift. Zu einem Dauerbrenner, der seit Beginn der Saison 2012/13 eine absolute Schlüsselrolle im Team von Diego Simeone einnimmt, einen hohen Anteil an spanischem Pokalsieg (2013), spanischer Meisterschaft (2014) und dem Einzug ins Champions-League-Finale hat. Unter dem argentinischen Coach hat er gelernt, ein Team sowohl offensiv als auch defensiv zu dirigieren, das Spiel, ob in Vorwärts- oder Rückwärtsbewegung, wahrlich zu gestalten.

Wegweisender Maschinenraum

Seine Rolle ist dabei zentral. Sein vornehmliches Wirkungsgebiet wäre mit diesem Wort jedoch nicht unbedingt treffend beschrieben. Denn er handelt lieber aus den Halbpositionen heraus, verschiebt überwiegend leicht nach links. Einerseits, um von dort das Spiel anzukurbeln, den Außenspielern als wegweisender Maschinenraum zu dienen. Andererseits, um in diesem Raum auf Balljagd zu gehen, mit Härte und Geschick im Zweikampf gegnerischen Angriffen die Fahrt zu nehmen.

Im Verein stimmt er sich dabei meist prächtig mit Mario Suarez, Gabi oder Tiago ab, die das Zentrum besetzen. In der spanischen Nationalelf, mit der Koke am Dienstagabend im Freundschaftsspiel gegen Deutschland antritt (20:45 Uhr im LIVE-Ticker), ist Sergio Busquets derjenige, mit dem es zu harmonieren gilt. In allen vier bisherigen EM-Qualifikationsspielen standen die Beiden gemeinsam in Spaniens Startelf. Koke wird dabei die komplizierte Aufgabe gestellt, die zurückgetretenen Xavi und Xabi Alonso zu ersetzen.

Von Xavi geadelt

Die Qualitäten jener zwei verdienten Akteure auf den grünen Rasen bringen zu können, hat der gebürtige Madrilene längst nachgewiesen. Vor allem Xavi ähnelt er. Handlungsschnelligkeit, nahezu perfekte Ballkontrolle, maßgenaue Pässe aus dem Fußgelenk, Übersicht. Elemente, die Koke gleichermaßen auszeichnen wie den Altstar aus Barcelona. Der adelte seinen mutmaßlichen Nachfolger bereits im März diesen Jahres im Interview mit Atleticos Vereinswebseite: "Er hat bewiesen, für die nächsten zehn Jahre der Dirigent des spanischen Orchesters sein zu können", so Xavi.

Koke erwidert die Komplimente demütig, betont: "Er hat mit Spanien und Barca alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt." Er selbst habe "noch viel Arbeit" vor sich, um das gleiche Level zu erreichen, mag die Vergleiche ohnehin nicht: "Letztendlich wird gelten: Xavi ist Xavi und Koke ist Koke." Tatsächlich emanzipiert er sich bei aller Ähnlichkeit durchaus von dem Spiel des langjährigen Kapitäns der Seleccion. Er denkt offensiv etwas zielgerichteter, tauchte bei Atletico schon häufiger als verkappter Flügelspieler auf. Der Weg in den Strafraum ist für Koke nichts Ungewöhnliches. So wie bei seinem Tor kürzlich im Champions-League-Spiel gegen Malmö FF. Entschlossen begleitete er Atleticos Gegenstoß, drang schließlich mit Macht in die Box ein und vollendete Juanfrans scharfe Hereingabe kunstvoll per Hackentrick. Eine Szene, die man von Xavi oder Xabi Alonso, die das Innenleben des gegnerischen Sechzehners fast ausschließlich vom Hörensagen kennen und kannten, wohl nie oder zumindest äußerst selten in derartiger Ausführung zu sehen bekam.

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Del Bosques Fehlentscheidung

Nationaltrainer Vicente del Bosque wird die Entwicklung Kokes freudig zur Kenntnis nehmen. Bei der desaströsen WM ließ er den aufstrebenden Mittelfeld-Denker trotz dessen überragender Saison 2013/14 aber noch außen vor. Das 1:5 zum Auftakt gegen Holland sah Koke komplett von der Bank aus, gegen Chile wurde er erst zur zweiten Halbzeit eingewechselt - als es bereits zu spät war. Für Miguel Churruca von Goal Spanien seinerzeit ein Mysterium: "Dass del Bosque in diesen beiden Partien nicht von Beginn an auf ihn gesetzt hat, war meiner Meinung nach eine falsche Entscheidung."

14 A-Länderspiele hat er bislang auf dem Buckel, wurde mit der U21-Auswahl im Sommer 2013 an der Seite von Thiago Alcantara oder Isco Europameister. Nun soll Koke eine gewichtige Rolle dabei spielen, dass die "große" Seleccion ihren EM-Titel 2016 in Frankreich verteidigt. Mit seiner Beweglichkeit und seinen zuweilen zielstrebig vorwärts gerichteten Denkmustern könnte er ein Trumpf sein. Könnte maßgeblich daran mitwirken, das bei der WM mitunter festgefahrene Tiki-Taka-Dogma Spaniens etwas frischer, etwas überraschender zu gestalten. An Power sollte es ihm jedenfalls nicht mangeln. Schließlich ist Koke "El incansable", der Unermüdliche.

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