Die "Kleinen" nerven, die ersten "Großen" sind schon gestolpert: Die XXL-EM mit 24 Mannschaften ist bisher ein Erfolg - allen kritischen Stimmen im Vorfeld zum Trotz. Und das liegt vor allem an den Außenseitern.
Leidenschaftlich, respektlos und von euphorischen Fans getragen sind als "Zählkandidaten" eingestufte Mannschaften wie Island, Ungarn oder Nordirland die Farbtupfer des Turniers. "Auf dem Platz haben wir bisher ein sehr aufregendes Turnier gesehen. Wie in der Qualifikation sind die Ergebnisse völlig unvorhersehbar", sagt UEFA-Interimsgeneralsekretär Theodore Theodoridis dem SID.
"Turniere werden verwässert"
Einige der weniger erfahrenen Mannschaften hätten bewiesen, "dass sie die traditionsreicheren Nationen herausfordern können. Das ist großartig zu sehen." Zu den Kritikern zählte auch Oliver Bierhoff. "Die Turniere werden etwas verwässert", hatte der deutsche Teammanager vor dem EM-Start gesagt. Doch ein Klassenunterschied war nach dem ersten kompletten Spieltag nicht festzustellen.
Island beispielsweise erkämpfte ein 1:1 gegen Portugal um Superstar Cristiano Ronaldo, Ungarn bezwang die favorisierten Österreicher. Dazu zeigten auch andere Außenseiter wie Albanien oder Nordirland trotz Niederlagen furchtlose Leistungen. Selbst Weltmeister Deutschland tat sich gegen die Ukraine über weite Strecken schwer.
Ronaldo: "Island wird nichts reißen"
So wie Ronaldo nach dem verpassten Auftaktsieg gegen Island dürften sich viele Stars gefühlt haben. Der Superstar ließ seinem Frust hinterher freien Lauf. "So wie sie gefeiert haben, dachte ich, sie hätten die EM gewonnen, unglaublich. Sie haben nicht versucht zu spielen, sondern nur verteidigt, verteidigt, verteidigt", sagte der dreimalige Weltfußballer: "Das zeigt eine kleine Mentalität, so werden sie nichts reißen."
Eins vergisst Ronaldo: Um den großen Erfolg bei der EM geht es für die "Kleinen" gar nicht. Sie wollen vielmehr ihre Chance nutzen und sich auf der großen Bühne bestmöglich präsentieren. Mit allen Mitteln. Nicht umsonst konzentrierten sich die Underdogs bisher aufs Verteidigen. Kein Wunder, dass bisher so wenig Tore fielen.
"Immer dominierte der Favorit"
Keine Mannschaft traf in der ersten Runde mehr als zweimal, kein Spiel war früh entschieden. "Das Spiel glich den anderen Auftaktpartien: Immer dominierte der Favorit gegen den Außenseiter, und es wurde zum Geduldsspiel", schrieb Österreichs Idol Hans Krankl in seiner Zeitungskolumne nach dem 0:2 gegen Ungarn.
Ein weiterer positiver Effekt der Aufstockung: Euphorisiert von der Qualifikation ihrer Teams sorgen die Fans der Außenseiter für Stimmung - im Gegensatz zu den Anhängern einiger anderer Teams auf friedliche Art: Deutschlands Gruppengegner Nordirland wurde trotz der Niederlage gegen Polen (0:1) lauter gefeiert als der Sieger.
Aus Island, mit 330.000 Einwohnern das kleinste EM-Land der Geschichte, sollen sich mehr als 25.000 Fans nach Frankreich aufgemacht haben. Das wären acht Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: Aus Deutschland müssten dafür 6,4 Millionen Menschen die DFB-Auswahl im Nachbarland unterstützen.
