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Joshua Kimmich: Prototyp mit Capitano-Gen

09:00 MESZ 02.07.17
Joshua Kimmich Germany Deutschland DFB
Joshua Kimmich ist bei Joachim Löw gesetzt. Er ist Musterschüler und Überflieger, sein früherer Chef traut ihm in Zukunft eine Führungsrolle zu.

HINTERGRUND

Exorbitant wichtige Spieler werden gerne mit dem Etikett unverzichtbar versehen. Jene Akteure sind nicht selten Dauerbrenner, sie spielen immer, werden nicht ausgewechselt und verpassen keine Minute, sofern sie fit sind. In der deutschen Nationalmannschaft war Berti Vogts so ein Spieler. Zwischen 1968 und 1971 stand der Rechtsverteidiger in 34 aufeinanderfolgenden Partien über die volle Distanz auf dem Rasen. Franz Beckenbauer brachte es auf 21, Gerd Müller auf 19. Interessant ist, wer die illustre Runde komplettiert: Joshua Kimmich vom FC Bayern München.

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Der Youngster stand beim 4:1-Sieg gegen Mexiko im Halbfinale des Confederation Cups tatsächlich bereits zum 18. Mal in Serie 90 Minuten lang auf dem Feld. Okay, die Statistik hinkt, werden Leistungsträger gegen Spielende doch nicht selten zur Schonung ausgewechselt. Und dennoch untermauert sie, welch ungeheuren Stellenwert Kimmich inzwischen im DFB-Team genießt.

Sein Debüt feierte Kimmich erst vor etwas mehr als einem Jahr während der Wasserschlacht von Augsburg bei der 1:3-Testspielniederlage gegen die Slowakei. Heutzutage scheint es, als wäre der 22-Jährige schon ewig dabei, ist er aus der Mannschaft kaum mehr wegzudenken. Der Durchbruch gelang bereits kurz nach der Premiere bei der Europameisterschaft in Frankreich im vergangenen Sommer.

Löw zieht positives Confed-Cup-Fazit: "Es gibt keine Verlierer"

In den ersten beiden Gruppenspielen gegen die Ukraine und Polen hatte Joachim Löw auf der Rechtsverteidiger-Position noch dem hochgradig zuverlässigen, aber in der Vorwärtsbewegung zu harmlosen Benedikt Höwedes vertraut. Im Duell mit Nordirland gab der Bundestrainer dann Kimmich eine Chance - und Kimmich überzeugte. Mit extremer Präsenz, viel Mut, hoher Risikobereitschaft, gutem Passspiel und gefährlichen Flanken war er gar bester Feldspieler im Prinzenpark. Seit jenem 21. Juni ist Kimmich gesetzt, verpasste seit über einem Jahr keine Minute mehr.

Selbst als Löw Benjamin Henrichs von Bayer Leverkusen am Donnerstag gegen Mexiko länger sehen wollte, schaffte er Platz für seinen Musterschüler und stellte Kimmich in der Dreierkette auf. Ist schließlich kein Problem, kann er ja auch. 

Löw: "Traue Kimmich eine Riesenkarriere zu"

Kimmich ist der Prototyp des modernen Fußballers. Flexibel, zuverlässig, mündig, reflektiert und wissbegierig. Bodenständig, aber selbstbewusst. All das kommt nicht von ungefähr. Für Kimmich zählte schon immer mehr als nur Fußball, sein Abitur hat er mit 1,7 abgeschlossen. Niklas Stark berichtete zuletzt von einem gemeinsamen Lehrgang bei den DFB-Junioren. Beide sollten für eine Prüfung lernen. Stark selbst hatte keine Lust, worauf Kimmich ihm sagte: "Es ist dumm, nicht zu lernen." Also lernte Stark.

Überhaupt bekommt man über Kimmich nichts Schlechtes zu hören - im Gegenteil. "Joshua ist eines der allergrößten Talente, die ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe. Er hat diesen Biss und diesen Hunger, in jedem Training an seine Leistungsgrenze zu gehen", schwärmte Löw kürzlich. Er traut seinem Schützling "eine Riesenkarriere" zu. Teammanager Oliver Bierhoff beschreibt Kimmich derweil als "unglaublich positiven, sehr aktiven, sehr wissbegierigen" Typen.

Und trotzdem: Selbst für den vielleicht talentiertesten, den vielleicht reifsten Hochbegabten einer Generation voller Hochbegabter ging der Weg nicht ausschließlich steil bergauf. Nachdem er in seiner ersten Saison beim FC Bayern unter Pep Guardiola durchgestartet war, selbst als Aushilfs-Innenverteidiger auf höchstem Niveau zumeist gute Leistungen gezeigt und zu Beginn der abgelaufenen Spielzeit als Mittelfeldspieler unter Carlo Ancelotti zig Tore erzielt hatte, folgte der erste Rückschlag in seiner Entwicklung, die bis dahin Schritt für Schritt von der 3. Liga bis hin an die Weltspitze geführt hatte. In den wichtigen Spielen war Kimmich nur Ergänzungsspieler, musste auf der Bank schmoren oder durfte bestenfalls ein paar Minuten mitwirken.

Vorbildliches Verhalten, klare Vorstellungen

Schnell griffen die üblichen Mechanismen des Geschäfts. Plötzlich stand ein vorzeitiger Abgang im Raum, Europas Top-Klubs streckten bereits den Zeigefinger in die Luft, was Karl-Heinz Rummenigge dazu veranlasste, ein Machtwort zu sprechen. "Joshua hat beim FC Bayern einen Vertrag bis 2020 und wird definitiv auch in der kommenden Saison für den FC Bayern spielen", ließ der Vorstandsboss im Rahmen einer Stellungnahme mitteilen. "Es ist nicht nur vorstellbar, sondern auch mein Ziel, länger bei Bayern zu blieben - unter der Prämisse, dass ich spiele.", sagte Kimmich kurz darauf. Anschließend bestätigte er, dass der Klub als Rechtsverteidiger mit ihm plane.

In seiner bislang vielleicht schwierigsten Phase hat sich Kimmich vorbildlich verhalten. Er selbst hat niemanden kritisiert geschweige denn auf einen Abgang gepocht, gleichzeitig aber seine Ansprüche und Erwartungen, die er inzwischen durchaus haben darf, selbstbewusst und sonnenklar formuliert.

Ein Unterschied zu anderen Senkrechtstartern ist, dass Kimmich solche Phasen eingeplant hat. Natürlich hat er nicht darauf gehofft, ihm war aber immer bewusst, dass es im Fußballgeschäft schnell nach oben aber noch schneller wieder nach unten gehen kann. "Nur weil ich ein paarmal gespielt habe, habe ich es nicht geschafft", sagte er vergangenen Sommer, seinerzeit auf dem vorläufigen Zenit seines Höhenflugs kurz bevor er für die EM nominiert wurde, als er im Goal-Interview einen sehr klaren Eindruck hinterließ .

Beim DFB-Team dagegen musste Kimmich noch keinen Rückschlag hinnehmen. Wie sehr er im jungen Confed-Cup-Kader geschätzt wird, zeigt allein die Tatsache, dass er es war, dem Julian Draxler nach seiner Auswechslung die Kapitänsbinde übergab. An seinem sportlichen Wert gibt es ohnehin keine Zweifel. Man muss nur überlegen, dass seit seinem Debüt über die Rechtsverteidiger-Position - nach Philipps Lahms Rücktritt immerhin eine der größten Baustellen in der Nationalmannschaft - quasi überhaupt nicht mehr diskutiert wird. Und das ist angesichts Kimmichs Leistungen nicht einmal verwunderlich. 

Kapitän in spe? 

Defensiv seriös, prägt Kimmich das Spiel vor allem bei eigenem Ballbesitz. Nicht zu Unrecht wird er inzwischen mitunter Flankengott gerufen. Man denke nur an seine Hereingaben im Testspiel gegen San Marino oder beim Confed Cup gegen Kamerun. Und dann war da ja noch sein spektakulärer Treffer in Klaus-Fischer-Manier im WM-Qualifikationsspiel gegen Dänemark. Längst wird Kimmich von allen Seiten gelobt - nicht nur von Löw oder Bierhoff. 

"Er wechselt zu uns und wird innerhalb von zwei Jahren Stammspieler von Bayern München und Stammspieler der deutschen A-Nationalmannschaft. So eine Geschichte habe ich wirklich noch nie erlebt und die wird es wahrscheinlich auch nicht mehr so oft geben", sagte Ralf Rangnick beim Sportbuzzer Fan-Talk 3.0 und prophezeite: "Wenn er sich in den nächsten Jahren weiter so entwickelt, kann er einmal die Position des Kapitäns einnehmen."

Gefallen würde Kimmich die Rolle ganz bestimmt. "Es ist eine Riesenehre, die Kapitänsbinde für Deutschland tragen zu dürfen. Ich war in den Jugendmannschaften immer ein Leader-Typ In Stuttgart war ich auch Kapitän", erzählte er nach seiner Premiere: "In München habe ich zunächst eine untergeordnete Rolle. Aber in die Rolle des Leaders wächst man hinein." Zuzutrauen ist Kimmich auch das. Auch bei den Bayern. Dafür muss er einzig wieder die nötige Spielzeit bekommen, die er selbst einfordert. Die die Bayern-Bosse ihm bereits in Aussicht gestellt haben. Dann hat er auch in München das Zeug zum Dauerbrenner, zum exorbitant wichtigen Spieler mit dem Etikett unverzichtbar.